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In Neptuns Garten : Grüne Lungen auf dem Meeresgrund

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In dichtem Seegras fühlen sich auch Seepferdchen wohl. Bild: dpa

Seegraswiesen sind der Lebensraum vieler Tierarten. Doch die Refugien schrumpfen weltweit und damit auch die Zahl ihrer Bewohner. Ist die Entwicklung noch aufzuhalten?

          Seegraswiesen kommen auf den ersten Blick eher eintönig daher. Doch sie schaffen auf Schlick oder Sand ein Pendant zu Korallenriffen. Seegras – genaugenommen kein Gras, sondern verwandt mit den Laichkräutern in Tümpeln und Teichen – dient diversen Fischarten als Kinderstube und beherbergt darüber hinaus eine reichhaltige Fauna: unter vielen Fischen auch Seepferdchen und ihre superschlanke Verwandtschaft, die Seenadeln, sowie eine Fülle verschiedenartiger Würmer, Schnecken und Krebstiere. Wie Forscher von der University of California in Davis zeigen könnten, sind etliche Tierarten, die in oder von den Wiesen unter dem Meeresspiegel leben, gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht. Die „International Union for Conservation of Nature“ (IUCN) führt 74 solche Spezies auf ihrer Roten Liste.

          Zu den prominentesten Arten zählt die im Mittelmeer heimische, bis zu einem Meter große Steckmuschel (Pinna nobilis). Mit vielen hauchdünnen Fäden, die früher zu Muschelseide verarbeitet wurden, verankert sie sich zwischen dem Seegras im Sand. Wie bei Muscheln üblich, filtert sie mit ihren Kiemen winzige Nahrungspartikeln aus dem Wasser. Die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas), auch als „Suppenschildkröte“ bekannt, verspeist dagegen gern Seegras, im Mittelmeer ebenso wie in anderen subtropischen und tropischen Meeren. Ein ausgesprochener Spezialist für solch vegetarische Kost ist der Dugong (Dugong dugon), auch Gabelschwanzseekuh genannt. Dieser rare Meeressäuger weidet auf Seegraswiesen an den Küsten des Indischen Ozeans und des Westpazifiks. Wie viele Bewohner von Seegraswiesen leidet auch die Gabelschwanzseekuh darunter, dass ihr Lebensraum seit Jahrzehnten schrumpft.

          Hoffnung keimt in der Nordsee

          Der Schwund von Seegräsern wird auf mehr als hundert Quadratkilometer pro Jahr geschätzt. Wobei die Gründe für den Terrainverlust vielfältig sind: Manchmal spielen parasitische Pilze eine Rolle, Baumaßnahmen können ebenso destruktiv wirken wie die Schleppnetze der Fischer, und oft ist Meeresverschmutzung im Spiel. Wenn mit dem Abwasser oder direkt von den Feldern allzu viel Nährstoffe eingeschwemmt werden, bekommt das dem Seegras schlecht. Algen vermehren sich dann oft derart schnell, dass den Wiesen unter dem Meeresspiegel zu wenig Licht für die Photosynthese bleibt oder ein üppiger Algenteppich sie regelrecht erstickt.

          Wo Seegräser verschwunden sind, können sie nicht so leicht wieder Fuß fassen. Denn ähnlich wie Strandhafer und andere Gräser, die mit ihren Wurzeln und unterirdischen Ausläufern den Sand der Dünen festhalten, stabilisiert Seegras das Sediment auf dem Meeresgrund. Außerdem bremsen die aufragenden Blätter das vorbeiströmende Wasser.

          Seegrasernte auf Bali

          Wenn in einer Seegraswiese kleine Lücken entstanden sind, fällt es angeschwemmten Samen deshalb nicht schwer, hier zu keimen und zu neuen Pflanzen heranzuwachsen. Auf diese Weise regenerieren sich beispielsweise das Zwerg-Seegras (Zostera noltii) und das Gewöhnliche Seegras (Zostera marina), die im Watt der Nordsee einst weitläufige Wiesen gebildet haben. Was davon übriggeblieben ist, hat seit Mitte der neunziger Jahre wieder Zuwachs.

          Expansive Seegras-Klone

          Die Geschichte der Seegräser reicht bis in die Zeit der Dinosaurier zurück. Vor etwa 80 Millionen Jahren haben sich die Urahnen dieser Blütenpflanzen von ihren Verwandten im Süßwasser getrennt und den Meeresgrund als neuen Lebensraum erobert. Als Vorteil erwies sich dabei offenbar die Fähigkeit, auch ganz ohne Sex fleißig Nachwuchs zu produzieren: Seegräser bilden seitliche Ausläufer, aus denen dann wiederum Sprosse mit grünen Blättern wachsen. Aus einem einzigen Keimling von Zostera marina kann auf diese Weise ein Klon entstehen, der sich in ein paar hundert Jahren mehr als hundert Meter weit ausbreitet.

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