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Schweinegrippe : Haben wir überreagiert?

  • Aktualisiert am

Ein Schild an der Isolierstation des Virchow-Klinikums in Berlin. Bild: dpa

Das neue Virus scheint nicht so gefährlich wie zunächst angenommen. Dies allein ist jedoch kein Grund zur Entwarnung, erläutert Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts. Denn das Influenzavirus kann sich verändern.

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          Er hat sich von Berufs wegen schon mit BSE und der Vogelgrippe auseinandergesetzt, nun ist die Schweinegrippe das beherrschende Thema für Thomas Mettenleiter, Präsident des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit auf der Insel Riems. Ein Gespräch über die Gefährlichkeit der neuen Virenstämme.

          Bisher reden zwar alle von Schweinegrippe, aber tatsächlich ist der neue Erreger doch nur beim Menschen aufgetreten?

          Ja, das gilt weiterhin.

          Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts
          Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts : Bild: picture-alliance/ ZB

          Sprechen Sie am FLI nun von einer Schweinegrippe?

          Im Moment herrscht ein großes Begriffwirrwarr. Die einen sprechen von einer „neuen Influenza“ - aber wie nennen wir dann die nächste: „super-neu“ oder „ganz neu“? Die WHO wiederum propagiert die Definition A/H1N1, wobei es davon natürlich sehr viele Stämme gibt und nicht nur den neuen. Andere sprechen von der Nordamerikanischen Grippe, doch für mich liegt Mexiko geografisch in Mittelamerika. Und die Mexikaner selbst wehren sich gegen die Definition einer „Mexikanischen Grippe“. Da der genaue Ursprungsort bisher noch nicht bekannt ist, schlagen wir salomonisch „Amerikanische Grippe“ vor, denn das steht außer Zweifel.

          Unabhängig vom Herkunftsort verrät die genetische Analyse die Virusverwandtschaft. Und die ist bei Schweinegrippeviren zu suchen?

          Ja, das Virus stellt eine sogenannte Reassortante dar, eine Mischung aus zwei verschiedenen Schweinegrippeviren. Sechs der insgesamt acht Erbgutsegmente stammen von einem Virus aus dem amerikanischen Raum, zwei aus dem eurasischen Raum und zwar die Gene für die Neuraminidase (die den N1-Typ bestimmt) und das Matrixprotein.

          Ein Stück eines menschlichen Grippeerregers ist ebenso vorhanden, das Protein PB1 stammt von einem menschlichen H3N2-Virus…

          …das ist ein Erbe einer früheren Virusvermischung. In amerikanischen Schweinen zirkulieren Reassortanten, die erstmals 1998 entdeckt wurden. Es sind sogenannte Triple-Reassortanten, die bereits Gensegmente sowohl von menschlichen und aviären (also vom Vogel stammenden) Viren als auch von Schweinegrippeviren besitzen. Die Bezeichnung als „menschlich“ ist also korrekt, hat aber eher historischen Charakter, denn das aktuelle Mischgeschehen hat zwischen zwei Schweine-Influenzaviren stattgefunden, die nun das neue A/H1N1-Virus bilden.

          Es gibt verschiedene Schweinevirus-Stämme, die in den Vereinigten Staaten verbreitet sind. Kann man den Ursprung inzwischen genetisch genauer bestimmen?

          Das Hämagglutinin-Protein ist eng verwandt mit dem von Isolaten aus zentralgelegenden Bundesstaaten (Indiana, Wisconsin, Ohio), während die PB1-, PB2-, und PA-Komponenten der Polymerase sowie das Nukleoprotein und das Nichtstrukturprotein aus der bekannten nordamerikanischen Linie von Schweineinfluenzaviren stammen.

          Bislang hat man diese Virus-Zusammensetzung nicht im Schwein gefunden. Wäre denn eine Re-Infektion der Tiere mit dem sich beim Menschen ausbreitenden Virus denkbar?

          Niemand weiß im Moment, ob dies möglich ist oder nicht, aber wir können es nicht ausschließen. Das herauszufinden, ist Ziel der Experimente, die wir in unserem Hochsicherheitslabor und -stall planen, sobald wir Proben des Erregers erhalten haben: Kann das Virus überhaupt noch Schweine infizieren? Erkranken die Tiere? Vermehren sich die Viren im Schwein und, das ist vielleicht die wichtigste Frage: werden die Erreger von den Schweinen wieder ausgeschieden und somit verbreitet? Diese Fragestellungen zur Pathogenese müssen dringend geklärt werden. Ein zweiter Versuchskomplex wird die Schutzwirkung der Impfung testen: Sind Schweine, die mit gängigen Impfstoffen immunisiert wurden, geschützt vor den Viren dieser „Amerikanischen Grippe“.

          Haben Sie auch in der Vergangenheit mit Schweinegrippeviren gearbeitet oder galt die Aufmerksamkeit an Ihrem Institut ganz der Vogelgrippe?

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