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Schlafforschung : Kreativ mit Deltawellen

  • -Aktualisiert am

Was während des Schlafens im Gehirn vor sich geht, erforschen Wissenschaftler an Probanden im Schlaflabor Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Gehen wir nachts offline, um Gelerntes zu verarbeiten? Studien deuten darauf hin, dass wir nach einer ausgeruhten Nacht ein besseres Erinnerungsvermögen haben und kreativer denken. Schlafforscher sind sich nicht einig: Gibt es den „Replay“ im Gehirn?

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          Der Pole Pjotr Wozniak ist wahrscheinlich einer der gebildetsten Menschen der Welt. Er hat ein Computerprogramm entwickelt, das dabei helfen soll, sich von Figuren in Thomas-Mann-Romanen bis hin zu Fremdsprachvokabeln alles merken zu können. Seit Jahren arbeitet er im Selbstexperiment daran, diese Technik zu perfektionieren, indem er täglich lernt, lernt und nochmals lernt.

          Wenn man ihn nach allgemeingültigen Tipps fragt, worauf dabei zu achten ist, kommt einer ganz vorweg: Niemals dem Schlaf widerstehen, wenn er einen überfällt.

          Dass das Gehirn Schlaf braucht, um das, was wir am Tag erlebt haben, zu festigen, also um Gelerntes abzuspeichern, ist eine der plausibleren Theorien darüber, warum wir allnächtlich offline gehen. Constantine Pavlides und Jonathan Winson von der Rockefeller University hatten 1989 in Experimenten an Ratten erstmals beobachtet, dass während des Schlafes genau jene Hirnareale aktiv waren, die auch beim Lernen am Tag beansprucht werden.

          Seitdem hat sich bei Menschen wie auch bei Tieren immer wieder gezeigt: Testleistungen werden häufig dann um ein paar Prozent besser, wenn die Probanden zwischen dem Lernen und dem Test geschlafen haben.

          Das „Replay“ in den Kissen

          Jan Born von der Universität Lübeck, einer der bekanntesten seiner Zunft, etwa glaubt, dass Tageserlebnisse während des Schlafes im Lernzentrum des Gehirns, dem Hippocampus, noch einmal wie ein Videoband abgespielt werden.

          Die Erinnerung könnte dann mittels neuer oder verstärkter synaptischer Verbindungen im Langzeitgedächtnis irgendwo in der Großhirnrinde festgeschrieben werden. Würde das im Wachzustand passieren, käme das einer Halluzination gleich.

          Das Problem ist nur, dass niemand weiß, ob ein solches „Replay“ in den Kissen tatsächlich stattfindet. Außerdem funktioniert Lernen durchaus auch ohne Schlaf, manchmal eben nur nicht ganz so gut. „Der Nachweis ist noch nicht erbracht, dass die Aktivität, die man im Schlaf im Hippocampus messen kann, das am Tage Geschehene widerspiegelt und ob das dann eine aktive Rolle bei der Konsolidierung von Erinnerungen spielt“, sagt der Schlafforscher Reto Huber vom Kinderspital der Universität Zürich.

          Man dürfe auch nicht vergessen, dass das eigentliche Lernen im Wachzustand passiere, auch wenn der Schlaf die Ergebnisse etwas verbessern könne.

          Wissen verstärkt, Sinnloses entfernt?

          So haben sich bei den Schlafforschern verschiedene Lager gebildet. Einige halten von der Idee des Lernens im Schlaf eher gar nichts, wie beispielsweise Jerome Siegel von der University of California in Los Angeles. Neben denen, die an eine Verstärkung von Erinnerungen im Schlaf glauben, gibt es auch jene, die vom genauen Gegenteil überzeugt sind.

          Das Forscherpaar Chiara Cirelli und Giulio Tononi von der University of Wisconsin in Madison ist entschieden der Meinung, dass synaptische Verbindungen im Schlaf eher abgeschwächt werden. Nur besonders wichtige neue Verschaltungen blieben demnach übrig. Alles andere würde, zusammen mit der nötigen Energie und dem nötigen Platz, eingespart.

          Doch beide Hypothesen müssen sich gegenseitig nicht unbedingt ausschließen. Denn warum sollte in der Nacht nicht die Informations-Spreu vom Wissens-Weizen sowohl durch das Löschen des einen als auch das Verstärken des anderen getrennt werden können?

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