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Schlafforschung : Kreativ mit Deltawellen

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Wer zum Beispiel einen Tag lang angeln war, wird kurz vor dem Einschlafen vielleicht den zuckenden Schwimmer auf der Wasseroberfläche vor Augen haben, am nächsten Morgen jedoch sinnvollerweise von dieser Erscheinung befreit sein. Der im Fischkunde-Buch nachgeschlagene lateinische Name für Flussbarsch, den sich der Angler am Vortag partout nicht merken konnte, fällt ihm dafür vielleicht beim Frühstück plötzlich ein.

Schlafen und Lernen verändert sich mit den Jahren

Nicht nur Begriffe und Wörter wie ein Fischname sind nach dem Schlafen besser präsent, wenn man den Ergebnissen zahlreicher Studien traut. Auch kreatives und einsichtiges Denken fällt dann leichter. Borns Arbeitsgruppe sorgte vor ein paar Jahren mit einem Experiment für Aufsehen, in dem Freiwillige für das Ordnen einer Zahlenreihe zwei Regeln genannt bekamen. Die dritte, nämlich die, dass sich nach der Hälfte der Reihe alles einfach spiegelbildlich wiederholt, wurde verschwiegen.

Diese Einsicht erschloss sich vielen Studienteilnehmern aber auch so, und das umso häufiger, wenn sie nach dem Üben mit Regel eins und zwei erst einmal geschlafen hatten.

Solche Befunde sind nicht nur interessant, sie zeigen auch, wie unausgeschlafen man wahrscheinlich sein muss, wenn man glaubt, der Schlaf hätte für das Gehirn nur eine einzige Funktion. Er könnte nicht nur die unterschiedlichsten oder auch einmal gar keine Funktionen für die verschiedensten Hirnareale mit ihren verschiedensten Aufgaben haben.

In verschiedenen Lebensphasen schlafen und lernen Menschen zudem unterschiedlich. „Das kann die sich teilweise widersprechenden Ergebnisse von Experimenten erklären, je nachdem, ob sie mit jungen Menschen, Alten, Kindern oder auch Menschen mit Erkrankungen des Nervensystems durchgeführt wurden“, sagt Reto Huber.

Deltawellen machen es sich einfach

Giulio Tononi hat den Glauben an nur eine einzige Hauptfunktion und eine alles umfassende Erklärung des Phänomens Schlaf einmal „romantisch“ genannt. So bezieht sich seine These vom Gleichgewicht beim Auf- und Abbau der Synapsen auch nur auf den „Slow-Wave Sleep“ (SWS), eine traumfreie Schlafphase, in der sich bestimmte, langsame Deltawellen über das Gehirn ausbreiten. Tononi und Cirelli vermuten, dass diese langen Wellen notwendig sind, um die Synapsen zwischen den Nervenzellen herunter zu regulieren.

Jüngere Ergebnisse zeigen, dass Probanden, deren SWS-Phasen automatisch gestört werden, ohne sie dabei aber aufzuwecken, auch nicht die typischen Verbesserungen in Lerntests zeigen. Zudem sind die Wege, auf denen sich die langsamen Wellen im Gehirn ausbreiten, meist solche, die jene Hirnareale miteinander verbinden, die schon vorher beim Lernen beansprucht wurden.

Der Grund dafür, sagt Reto Huber, könnte wiederum schlicht sein, dass Deltawellen sich den einfachsten Weg suchen, den über die am leichtesten erregbaren Areale. Vielleicht, und das würde dann wieder zur These der Forscher aus Wisconsin passen, löst das aber in genau diesen Arealen jenes ordnende Beschneiden der Synapsenhecke aus, das den Lerneffekt verstärkt.

Um herauszufinden, ob das so ist, auch um die Frage zu klären, ob es tatsächlich ein „Replay“ im Hippocampus gibt, müssten sich die Schlafforscher jetzt nur noch ein paar sehr kreative Experimente ausdenken. Und weil Kreativität ja offenbar auch über Nacht kommt, kann man ihnen eigentlich nur einen gesunden Schlaf wünschen. Und bloß keine langen Nächte im Labor.

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