https://www.faz.net/-gwz-12wbu

Schlafforschung : Jedem sein zweites Leben

  • -Aktualisiert am

Schlafen, vielleicht auch träumen: im Schlaflabor Bild: laif

Schlafen müssen wir. Und das nicht zu knapp. Ein Drittel unserer Zeit verbringen wir Tag für Tag zwischen Wachen und Bewusstlosigkeit. Aber warum Schlafen evolutionär unumgehbar war, das ist immer noch ein Rätsel.

          6 Min.

          Rauscht das Leben an mir vorbei? Könnte ich mehr daraus machen? Fragen, die morgens beim Blick in den Spiegel schon manchen beschlichen haben. Der Geschäftsmann Steve Pavlina hat mehr daraus gemacht. Nachdem er elf Tage und Nächte durch die Spielcasinos von Las Vegas gezogen war, verfasste er einen Internet-Ratgeber, der aus jedem einen "Uberman" machen soll. Also das amerikanische Pendant zu Nietzsches Übermenschen. Sein Geheimnis: "Polyphasischer Schlaf". Nicht acht Stunden am Stück, sondern alle vier Stunden ein Power-Nap von nicht mehr als zwanzig Minuten. Ergebnis: Man schafft alles.

          Steve Pavlina hat den Genieschlaf nicht erfunden. Auch Leonardo da Vinci soll sein Leben auf diese Weise gemeistert haben. Ähnliches verkündete vor Jahren Sabine Christiansen: "Die Deutschen schlafen zu viel." Sie selbst, behauptete die Moderatorin, komme, wie eine Kuh, mit drei bis vier Stunden aus.

          Der Wiederkäuer ist freilich kein Vorbild in Sachen Vigilanz: Weitere acht Stunden pro Tag verdöst er im Zustand träger Verdauung. Die Frage, wie viel Schlaf am gesündesten wäre, ist damit nicht beantwortet. Schlafforscher zitieren Sabine Christiansen ohnehin nur als abschreckendes Beispiel. Tatsache ist, dass die Deutschen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts im Durchschnitt noch neun Stunden schliefen und heute bei sieben angelangt sind. Hellwach gilt als Ideal, müde als verschnarcht. "Dabei ist Hochleistung ohne ausreichenden Schlaf nicht möglich", fasst Ingo Fietze vom Schlafmedizinischen Zentrum der Berliner Charité seine langjährigen Untersuchungen an Antarktisforschern oder Balletttänzerinnen zusammen.

          Das sichere Mittelmaß

          Die umfangreichste Untersuchung zum Thema Schlaf und Gesundheit hat der kalifornische Psychiater Dan Kripke durchgeführt. Als Grundlage diente ihm eine Krebsstudie, bei der mehr als eine Million Menschen unter anderem nach ihren Schlafgewohnheiten befragt worden waren. Sechs Jahre später wurde ermittelt, wie viele von ihnen inzwischen das Zeitliche gesegnet hatten. Bei denen, die sieben bis acht Stunden schliefen, lag die Sterblichkeitsrate am niedrigsten. Unter Langschläfern (mehr als zehn Stunden) stieg sie um das Eineinhalb- bis Zweifache, unter Kurzschläfern (weniger als vier Stunden) sogar um das Zweieinhalbfache. Untersuchungen in anderen Ländern kamen zum gleichen Resultat. Zu lange scheint genauso ungesund wie zu kurz. Nur - warum?

          Der Mensch und praktisch alle Tiere brauchen Schlaf, obwohl der Körper erstaunlich lange ohne auskommt. Den Weltrekord hielt bis vor fünf Jahren Randy Gardner, ein College-Student, der es 1964 unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit schaffte, 265 Stunden und 12 Minuten lang die Augen offenzuhalten. "Triumph des Geistes über die Materie", diktierte er am Ende den Reportern, bevor er jäh entschlummerte. Seinen Betreuer, den Schlafforscher William Dement, hatte er angeblich noch am zehnten Tag beim Flippern geschlagen.

          Etwas länger, nämlich 266 Stunden, hielt vierzig Jahre später der Brite Tony Wright durch. Er wollte zeigen, dass es auf die richtige Ernährung ankommt. So nahm er in der gesamten Zeit lediglich eine Art Urkost in Form von Bananen, Avocados, Ananas, Nüssen und Karottensaft zu sich. Im Übrigen sei er imstande, abwechselnd die eine oder andere Gehirnhälfte abzuschalten, behauptete Wright, ähnlich wie es Delphine tun. Schlaf- wie Ernährungswissenschaftler waren nicht überzeugt.

          Experimente mit Schlafentzug

          Zahllose andere Versuche haben gezeigt, dass der Entzug von Schlaf verheerende Folgen hat. Allerdings nicht für die körperliche, sondern für die psychische Gesundheit. Der altgediente Schweizer Schlafforscher Alexander Borbély hat die Studienergebnisse zusammengefasst. Die erste Nacht stellt kein Problem dar, es herrscht aufgeräumte Stimmung. In der zweiten Nacht schlafen die Versuchspersonen bei Testaufgaben ein, bestreiten das aber vehement. Am dritten Tag verfliegt die Euphorie, die Teilnehmer reagieren unwirsch. In der vierten Nacht müssen sie mit Gymnastik oder Spaziergängen wach gehalten werden. Mikro-Schlafperioden häufen sich: Der Einnickende hält in seiner Tätigkeit inne und starrt sekundenlang ins Leere. Traumähnliche Halluzinationen greifen in den Wachzustand über.

          In Schlafentzugsexperimenten, die länger als vier Tage dauern, kommt es zu Wahnideen. Die Versuchspersonen vermuten, dass hinter ihrem Rücken Dinge vorgehen, die man ihnen verschweigt. Weniger bedrohlich sind die physischen Folgen: brennende Augen, schwere Lider, Gliederschmerzen, Zittern und Gefühlsstörungen in Armen und Beinen. Der Körper braucht den Schlaf eigentlich nicht, hat daraus der Harvard-Psychiater Allan Hobson gefolgert. Vielmehr handele es sich bei unseren nächtlichen Ausflügen um eine notwendige Aktivität "des Gehirns, durch das Gehirn und für das Gehirn".

          Länger andauernder Schlafentzug wird zur Folter. Ratten, die man zu experimentellen Zwecken auf rotierenden Scheiben hielt und am Einschlafen hinderte, starben nach zwei bis drei Wochen. Trotz erhöhter Nahrungsaufnahme verloren sie an Gewicht, ihre Körpertemperatur sank dramatisch, was für die These spricht, dass Schlaf unter anderem auch ein wichtiger Faktor für die Regulation des Thermohaushaltes ist. Wenn wir müde sind, frieren wir; jeder unausgeschlafene Frühaufsteher kennt den dringenden Wunsch, ins warme Bett zurückzukehren.

          Im Schlaflabor

          Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir in einem Zustand, der weder mit Bewusstlosigkeit noch mit Bewusstsein beschrieben werden kann. Könnten wir die Sache am Stück erledigen, würden wir im Laufe jedes Jahres vier komplette Monate im Bett verbringen. Doch nicht einmal Tiere, die einen Winterschlaf hinter sich gebracht haben, können anschließend auf ihre tägliche Dosis Schlaf verzichten. Was geht da vor?

          Neun von zehn Bundesbürgern, ergab eine Allensbach-Umfrage, glauben, dass Schlaf vor allem der Erholung dient. Dazu würde es allerdings auch reichen, zu ruhen. In bestimmten Phasen des Schlafs jedoch ist das Gehirn alles andere als ruhig. Nur weil gleichzeitig die Muskeln des Bewegungsapparates erschlaffen, wirkt der Schläfer wie gelähmt. Wozu der Mensch im Schlaf fähig ist, wenn dieser Mechanismus außer Kraft gesetzt ist, demonstriert der Augsburger Psychiater und Schlafmediziner Göran Hajak gern an einem Video aus seinem Schlaflabor. Ein Patient, der an einer sogenannten REM-Schlaf-Verhaltensstörung leidet, schlägt im Traum wild um sich, fällt aus dem Bett, ohne aufzuwachen, wird vom Aufsichtspersonal wieder hineingehoben und an Armen und Beinen gefesselt, woraufhin er beginnt, die Matratze zu vergewaltigen. Zehn Minuten lang gelingt es nicht, ihn aufzuweckern, anschließend hat er keine Erinnerung mehr an das Geschehen.

          Nachdem diese Art von Parasomnie vor sechs Jahren zum ersten Mal beschrieben worden war, hat es eine ganze Reihe von Gerichtsprozessen gegeben, bei denen die Angeklagten vom Vorwurf freigesprochen wurden, willentlich ihre Schlafpartner angegriffen oder gar getötet zu haben. Die Münchner Neurologin Ilonka Eisensehr hat mit bildgebenden Verfahren nachgewiesen, dass bei solchen "Gewaltschläfern" die gleichen Hirnareale wie bei der Parkinsonkrankheit verändert sind. Die Konzentration des Botenstoffs Dopamin liegt deutlich niedriger. Eine kanadische Studie ergab vor kurzem, dass viele REM-Verhaltensgestörte später tatsächlich mit hoher Wahrscheinlichkeit am Morbus Parkinson erkranken.

          Aufräumen im Gehirn?

          Wenn Schlaf nicht bloß passive Erholung bedeutet - was könnte er sonst für einen Sinn haben? Gekoppelt ist er an eine innere Uhr, die nahezu synchron mit der Rotation der Erde um ihre eigene Achse läuft. Diese "zirkadiane" Rhythmik findet sich schon bei Einzellern, ist also wohl ein frühes Erbe der Evolution. Parallel dazu muss sich freilich eine Art Schlafdruck aufbauen: "Erst wenn die periodische Bereitschaft mit dem Bedürfnis synchron geht, finden wir zuverlässig in den Schlaf. Nur dann wachen wir ausgeruht wieder auf", sagt der Physiologe Thorsten Schäfer von der Ruhr-Universität Bonn. Das erklärt, warum wir ausgesprochene Müdigkeitsfenster gegen Mitternacht oder um die Mittagszeit herum überwinden können, aber einen Preis dafür zahlen, wenn wir unseren natürlichen Schlafrhythmus dauerhaft unterdrücken.

          Die Bedeutung des Schlafs erklärt das immer noch nicht. Höchstens eine seiner Ursachen. Untersuchungen an der Fruchtfliege Drosophila, deren Ergebnisse unlängst in Science vorgestellt wurden, haben gezeigt, dass im Schlaf Nervenverbindungen zurückgebildet werden, die sich im Wachzustand kontinuierlich aufgebaut haben. Thorsten Schäfer vergleicht das Gehirn mit einer Stadt, in der Bauplatz knapp ist und wilde Rohbauten immer wieder abgerissen werden müssen. "Sonst würde es gewissermaßen platzen", sagt er.

          Dass elementare Lernprozesse mit dem Auf- und Abbau von Synapsen im Hirn einhergehen, ist bekannt (siehe "Kreativ mit Deltawellen", Seite 50). So liegt der Schluss ziemlich nahe, dass eine der wichtigsten Funktionen des Schlafs die Verarbeitung und Verknüpfung von neuen Eindrücken mit älteren, bereits emotional gefärbten Gedächtnisinhalten ist. Das passt auch zum teils vertrauten, teils bizarren Charakter unserer Träume.

          Und dann auch noch die Träume

          Wobei die Frage nach dem Sinn von Träumen nur wieder neue Spekulationen nährt. Mittlerweile weiß man, dass sie nicht nur während des REM-Schlafs vorkommen, bei dem sich im Somnogramm die typischen rollenden Augenbewegungen zeigen (Rapid Eye Movement), sondern auch im Non-REM-Schlaf, wo sie als bedeutungsschwer und weniger aktionsgeladen beschrieben werden.

          Eine Zeitlang galten Träume als zufällige und somit weitgehend sinnfreie elektrochemische Kopfgewitter. Der Nobelpreisträger Francis Crick, der sich nach der Erforschung des genetischen Codes für den Rest seines Lebens mit dem Hirn beschäftigte, hielt Vergessen für den eigentlichen Zweck des Schlafens und Träumens. Irgendeiner Art von Psychohygiene müssen sie wohl dienen, denn im Somnogramm lassen sie sich auch bei denen nachweisen, die steif und fest behaupten, nie zu träumen.

          Hundert Jahre Schlafforschung haben eine Hypothese nach der anderen zutage gefördert. Und wieder in Vergessenheit geraten lassen. Eine Substanz, die uns müde werden lässt, vielleicht eine Art Gift, das sich anhäuft, um im Schlaf entsorgt zu werden, sucht man immer noch. Der französische Physiologe Henri Piéron war nur der erste in einer langen Reihe von Experimentatoren, die glaubten, ein "Hypnotoxin" gefunden zu haben. Er hielt Hunde tagsüber wach und hinderte sie nachts am Schlafen, indem er sie durch die Straßen von Paris spazierenführte. Anschließend entnahm er ihnen Gehirnflüssigkeit und injizierte sie ausgeruhten Tieren, die daraufhin tatsächlich einschliefen. Genauer charakterisieren konnte er den Stoff nicht.

          Am Schlaf, so viel steht hundert Jahre später fest, ist der gesamte Organismus beteiligt. Ein ganzes Arsenal von Botenstoffen wie Acetylcholin, Aminobuttersäure, Histamin, Melatonin oder Noradrenalin hemmt oder fördert ihn. Die eine Substanz oder der eine Mechanismus, der ihn erklärt, wird wahrscheinlich nie gefunden werden.

          Weitere Themen

          Warum fällt die ISS nicht auf die Erde? Video-Seite öffnen

          Erklärvideo : Warum fällt die ISS nicht auf die Erde?

          Warum fällt die Internationale Raumstation ISS nach all den Jahren, die sie bereits in ihrer Erdumlaufbahn verweilt nicht irgendwann vom Himmel? Und was, wenn es doch passieren sollte? Unser Erklärvideo gibt Antworten.

          Topmeldungen

          Ermittlungen: Apotheker und Ärzte werfen dem Angeklagten vor, Verfahren gegen sie aufgebläht zu haben (Symbolbild).

          Frankfurter Korruptionsaffäre : Mediziner erheben schwere Vorwürfe

          In der Korruptionsaffäre um einen Frankfurter Oberstaatsanwalt sollen Ermittlungen nur geführt worden sein, um Geld zu generieren. Das könnte sich noch zu einem weitaus größeren Skandal auswachsen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.