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Schlafforschung : Jedem sein zweites Leben

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Zahllose andere Versuche haben gezeigt, dass der Entzug von Schlaf verheerende Folgen hat. Allerdings nicht für die körperliche, sondern für die psychische Gesundheit. Der altgediente Schweizer Schlafforscher Alexander Borbély hat die Studienergebnisse zusammengefasst. Die erste Nacht stellt kein Problem dar, es herrscht aufgeräumte Stimmung. In der zweiten Nacht schlafen die Versuchspersonen bei Testaufgaben ein, bestreiten das aber vehement. Am dritten Tag verfliegt die Euphorie, die Teilnehmer reagieren unwirsch. In der vierten Nacht müssen sie mit Gymnastik oder Spaziergängen wach gehalten werden. Mikro-Schlafperioden häufen sich: Der Einnickende hält in seiner Tätigkeit inne und starrt sekundenlang ins Leere. Traumähnliche Halluzinationen greifen in den Wachzustand über.

In Schlafentzugsexperimenten, die länger als vier Tage dauern, kommt es zu Wahnideen. Die Versuchspersonen vermuten, dass hinter ihrem Rücken Dinge vorgehen, die man ihnen verschweigt. Weniger bedrohlich sind die physischen Folgen: brennende Augen, schwere Lider, Gliederschmerzen, Zittern und Gefühlsstörungen in Armen und Beinen. Der Körper braucht den Schlaf eigentlich nicht, hat daraus der Harvard-Psychiater Allan Hobson gefolgert. Vielmehr handele es sich bei unseren nächtlichen Ausflügen um eine notwendige Aktivität "des Gehirns, durch das Gehirn und für das Gehirn".

Länger andauernder Schlafentzug wird zur Folter. Ratten, die man zu experimentellen Zwecken auf rotierenden Scheiben hielt und am Einschlafen hinderte, starben nach zwei bis drei Wochen. Trotz erhöhter Nahrungsaufnahme verloren sie an Gewicht, ihre Körpertemperatur sank dramatisch, was für die These spricht, dass Schlaf unter anderem auch ein wichtiger Faktor für die Regulation des Thermohaushaltes ist. Wenn wir müde sind, frieren wir; jeder unausgeschlafene Frühaufsteher kennt den dringenden Wunsch, ins warme Bett zurückzukehren.

Im Schlaflabor

Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir in einem Zustand, der weder mit Bewusstlosigkeit noch mit Bewusstsein beschrieben werden kann. Könnten wir die Sache am Stück erledigen, würden wir im Laufe jedes Jahres vier komplette Monate im Bett verbringen. Doch nicht einmal Tiere, die einen Winterschlaf hinter sich gebracht haben, können anschließend auf ihre tägliche Dosis Schlaf verzichten. Was geht da vor?

Neun von zehn Bundesbürgern, ergab eine Allensbach-Umfrage, glauben, dass Schlaf vor allem der Erholung dient. Dazu würde es allerdings auch reichen, zu ruhen. In bestimmten Phasen des Schlafs jedoch ist das Gehirn alles andere als ruhig. Nur weil gleichzeitig die Muskeln des Bewegungsapparates erschlaffen, wirkt der Schläfer wie gelähmt. Wozu der Mensch im Schlaf fähig ist, wenn dieser Mechanismus außer Kraft gesetzt ist, demonstriert der Augsburger Psychiater und Schlafmediziner Göran Hajak gern an einem Video aus seinem Schlaflabor. Ein Patient, der an einer sogenannten REM-Schlaf-Verhaltensstörung leidet, schlägt im Traum wild um sich, fällt aus dem Bett, ohne aufzuwachen, wird vom Aufsichtspersonal wieder hineingehoben und an Armen und Beinen gefesselt, woraufhin er beginnt, die Matratze zu vergewaltigen. Zehn Minuten lang gelingt es nicht, ihn aufzuweckern, anschließend hat er keine Erinnerung mehr an das Geschehen.

Nachdem diese Art von Parasomnie vor sechs Jahren zum ersten Mal beschrieben worden war, hat es eine ganze Reihe von Gerichtsprozessen gegeben, bei denen die Angeklagten vom Vorwurf freigesprochen wurden, willentlich ihre Schlafpartner angegriffen oder gar getötet zu haben. Die Münchner Neurologin Ilonka Eisensehr hat mit bildgebenden Verfahren nachgewiesen, dass bei solchen "Gewaltschläfern" die gleichen Hirnareale wie bei der Parkinsonkrankheit verändert sind. Die Konzentration des Botenstoffs Dopamin liegt deutlich niedriger. Eine kanadische Studie ergab vor kurzem, dass viele REM-Verhaltensgestörte später tatsächlich mit hoher Wahrscheinlichkeit am Morbus Parkinson erkranken.

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