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Schach : Ein Universum aus eigenem Recht

Bild: DIETER RÜCHEL

Das königliche Spiel ist etwas für kluge Köpfe, so viel ist sicher. Und Psychologen wie Mathematikern bietet es ein reiches Forschungsfeld. Ist Schach am Ende sogar selbst eine Wissenschaft?

          5 Min.

          Das Schachspiel ist trotz seines edlen Gehalts ein Spiel", schrieb Emanuel Lasker, der von 1894 bis 1921 amtierende Schachweltmeister. "Und es soll nicht so ernst genommen werden wie die, den dringenden Bedürfnissen der Gesellschaft dienenden Techniken, und noch viel weniger darf es in Vergleich gesetzt werden mit Religion, Philosophie und der höheren Kunst."

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch schon ihr Ort versieht diese Äußerung mit einem Fragezeichen. Sie findet sich in Laskers "Lehrbuch des Schachspiels" aus dem Jahr 1926. Lehrbücher aber signalisieren einen Inhalt, der nicht nur komplex und umfangreich genug ist, um damit ein Buch zu füllen, sondern auch hinreichend theoretisch formulierbar, um - im Prinzip - daraus erlernbar zu sein. Lehrbücher gehören daher zu den sozialen Ausdrucksformen der Wissenschaft.

          Eine Aura der Wissenschaftlichkeit

          Keine Frage, das Spiel der Könige umgibt eine Aura exakter Wissenschaftlichkeit und das war schon zu Laskers Zeiten so. Sein Vorgänger als Weltmeister, der ehemalige Mathematikstudent Wilhelm Steinitz (1836 bis 1900) hatte nämlich gezeigt, wie erfolgreich man spielen kann, wenn man sich den Möglichkeiten, die sich aus den Zugregeln und den Figurenkonstellationen ergeben, systematisch und analytisch nähert, also nach der Weise einer theoretischen Wissenschaft. Auch Zeitgenossen, die nie in ein Schachbuch geschaut haben, neigen dazu, das Spiel mit den 32 Figuren in der Nähe wissenschaftlicher Betätigung anzusiedeln.

          Guten Schachspielern, wenigstens aber den Profis, wird gewöhnlich eine überdurchschnittliche Intelligenz zugeschrieben. Großmeister stehen in kaum geringerem Ansehen als Nobelpreisträger, und Schachweltmeister werden zu den größten Superhirnen gezählt, die das Menschengeschlecht hervorzubringen vermag. Nur so konnte die Begegnung zwischen dem sowjetischen Weltmeister Boris Spasski und seinem amerikanischen Herausforderer Bobby Fischer 1972 in Reykjavík als "Kampf der Systeme" wahrgenommen werden, gegen den jeder olympische Medaillenspiegel schnell verblasste. Und nur so erklärt sich die beispiellose Aufregung als 1997 mit "Deep Blue" der erste Computer einen leibhaftigen Schachweltmeister, Garri Kasparow, besiegte.

          Frauen finden daran weniger Geschmack

          Natürlich gibt es eine Nähe von Schachspiel und abstraktem Denken. Sie äußert sich nicht zuletzt in der Affinität vieler herausragender Schachspieler zur Mathematik. Emanuel Lasker und sein späterer Nachfolger im Weltmeistertitel Max Euwe waren promovierte Mathematiker. Und auch das erste Forschungsprojekt, das Schach zum Gegenstand von Wissenschaft machte, weist in diese Richtung: 1894 führte der französische Psychologe Alfred Binet Studien an Blindschach-Spielern durch. Er wollte wissen, wie sich die Teilnehmer die Situation auf dem Brett im Geiste vergegenwärtigten, ob visuell oder abstrakt, und stellte überrascht fest, dass eine Mehrheit eine abstrakte Repräsentation bevorzugte. So gibt es noch andere Parallelen zwischen der Welt des Schachs und den sogenannten exakten Wissenschaften.

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