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Römerreich in der Krise : Der Hadrianswall

Touristenmagnet bis heute: der Hadrianswall Bild: F1online

113 Kilometer lang war das Bollwerk gegen die nördlichen Stämme Britanniens. Sein Aufbau und seine Bewachung ist bekannt. Doch welche Funktion dem Hadrianswall zugedacht war, ist nicht so klar.

          Der erste Versuch ging schief: Cäsar, der im Jahr 55 v. Chr. eine Flotte aufstellte und von Gallien aus im Süden der britischen Insel landete, stieß dort auf Einheimische, die es den römischen Invasoren so ungemütlich machten, dass diese die Insel schleunigst verließen. Im folgenden Jahr kam Cäsar zwar mit einem größeren Heer zurück und besiegte nach eigenen Angaben alle Britanni, die sich ihm in den Weg stellten. Als er sich aber im Herbst desselben Jahres wieder auf den Kontinent zurückzog, war auch diese Invasion vorübergegangen, ohne dass es zu einer Besatzung gekommen wäre. Britannien hatte ein weiteres knappes Jahrhundert Ruhe vor der römischen Armee.

          Eroberung im 3. Anlauf

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Allerdings setzte sich in den folgenden Jahrzehnten nicht nur der Handel zwischen dem römischen Imperium und den lokalen britischen Stämmen fort. Es kam auch zu einer kulturellen Beeinflussung des Nordens durch den Süden, zu einer partiellen Übernahme römischer Lebensart, so dass etwa einige Stammesanführer den Titel „Rex“ (lateinisch: „König“) führten, wie Münzfunde belegen. So konnten sich die Römer, als sie unter Claudius im Jahr 43 n. Chr. eine neuerliche Invasion der Insel in Angriff nahmen, auf Bündnisse mit Einheimischen stützen.

          Spätestens nach dem niedergeschlagenen Aufstand der Königin Boudicca vom Stamm der mit Rom verbündeten Icener im heutigen East Anglia  festigte sich die Herrschaft der Invasoren im südlichen Teil der Insel. Die Römer rückten in den Norden vor und kamen ins heutige Grenzgebiet zwischen England und Schottland. Hier konzentrierten sich über die Zeit der Römerherrschaft in Britannien die meisten Truppen. Und auch die Sicherung der Grenze durch eine dichte Kette von Kastellen wie etwa Vindolanda sowie durch Heerstraßen wie die noch sichtbare sogenannte Stanegate begann im späten 1. Jahrhundert, nachdem die Römer einen Teil ihrer Eroberungen in Schottland wieder preisgegeben hatten.

          Das anschaulichste Zeichen dieser Grenzbefestigungen war der Hadrianswall, begonnen nach dem Besuch des römischen Kaisers im nördlichsten Teil des Imperiums. Hadrian hatte den Bau im Jahr 122 angeordnet: eine Mauer mit einer Gesamtlänge von 113 Kilometern, die von der Nordsee zur Irischen See reichte, in regelmäßigen Abständen mit Kastellen, Türmen und etwa 80 Toren versehen war und im Osten aus massivem Kalkstein, im Westen anfangs aus Erde bestand, bevor auch hier eine Steinmauer errichtet wurde. Auf der Nordseite bildete ein Graben ein Hindernis für Angreifer, im Süden konnten über die nahe Stanegate-Straße auch größere Truppenverbände rasch dorthin gebracht werden, wo sie benötigt wurden.

          Grenzposten für Friedenszeiten

          Welche Rolle dem Hadrianswall aber zugedacht war und welche Funktion er tatsächlich besaß, ist kaum eindeutig zu bestimmen. Äußerster Vorposten im Feindesland war er jedenfalls nicht - nördlich von ihm existierten weitere Römerforts. Angesichts seiner Länge, seiner vielen gefährdeten Tore und schließlich der geschätzten Höhe von nur dreieinhalb bis vier Metern war er für einen gezielten Vorstoß einer gegnerischen Streitmacht nicht unüberwindlich. Wahrscheinlich ist, dass die befestigte Grenze die Kontrolle über Ein- und Ausreise vor allem in Friedenszeiten gewährleisten sollte und dass außerdem durch die zahlreichen Wachtposten feindliche Truppenbewegungen früh erkannt werden konnten. Tatsächlich diente der Hadrianswall diesem Zweck bis fast ans Ende der Römerzeit auf der britischen Insel, von einer kurzen Episode abgesehen, in der mit dem sogenannten Antoninuswall eine neue Grenzbefestigung 160 Kilometer nördlich errichtet, aber bald wieder aufgegeben wurde.

          Um das Jahr 410 zog sich das römische Militär endgültig aus Britannien zurück. Die Faszination für den Hadrianswall, von der es schon in der Antike Zeugnisse gibt, erwachte erst wieder unter den Gelehrten des achtzehnten Jahrhunderts. Heute zählt das vielerorts zerstörte oder gar vollständig abgetragene Bauwerk zum Unesco-Welterbe. Touristen besuchen die Überreste der anliegenden Forts, allen voran Vindolanda, und auch als Schauplatz der Literatur ist der Wall längst etabliert.

          Dort allerdings wird nicht seine Funktion als weithin sichtbare Grenze betont, sondern gerade die Durchlässigkeit, und die Protagonisten sind oft Wanderer zwischen den Welten, sei es Hal Fosters „Prinz Eisenherz“ oder der Held von Rosemary Sutcliffs Roman „Der Adler der neunten Legion“. Und im Nachlass des deutschen Schriftstellers Arno Schmidt haben sich eine 1955 begonnene Materialsammlung sowie Notizen zu einem Projekt gefunden, das am Hadrianswall spielen sollte. Sein Titel: „Birdo’s Wald oder Das Reich des Übergangs“.

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