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Retroviren : Piraten im Genom

  • -Aktualisiert am

Gehört zu den komplexesten bekannten Viren: Herpes-Virus Bild: picture-alliance / dpa

Viren bekommt man nicht in die Wiege gelegt, Viren fängt man sich ein. So lautet ein fundamentaler Grundsatz der Medizin. Doch der ist offenbar falsch, denn Viren schaffen es auch in die Keimbahn. Der Herpes-Virus ist ein überraschendes Beispiel.

          7 Min.

          Sie reisen durch die Luft oder lauern in den Hinterlassenschaften anderer Menschen, auf jeden Fall kommen sie immer von draußen. Viren sind ansteckend, schwer zu bekämpfen, und manchmal wird man sie gar nicht mehr los. Einen Trost gab es bislang - wir erben sie wenigstens nicht. Mit dieser Illusion ist es jetzt auch vorbei: In der aktuellen Ausgabe von Pediatrics wird zum ersten Mal über eine Infektion mit Herpesviren berichtet, die sich offenbar so erfolgreich in die menschliche DNA eingewoben haben, dass sie zum festen Bestandteil des Erbguts geworden sind.

          Die Autoren der Studie, Kinderärzte und Bioinformatiker von der Universität von Rochester im amerikanischen Bundesstaat New York, hatten die Haarwurzelzellen von 254 Neugeborenen und deren Eltern auf genetische Spuren des Humanen Herpes-Virus Nummer 6 untersucht. Bei Kleinkindern löst es das harmlose Drei-Tage-Fieber aus. "Was es in späteren Lebensphasen anstellt, ist kaum bekannt", sagt die Studienleiterin Mary Caserta. Man weiß nur, dass es bei vier von fünf Menschen irgendwann den Sprung in den Körper schafft. Auch äußerlich Gesunde scheiden es dann im Speichel aus.

          Der Virus in den Genen

          Haarwurzelzellen werden von HHV-6 normalerweise nicht befallen. Trotzdem fanden die Wissenschaftler dort bei immerhin 37 Familien Spuren von Virus-DNA, und zwar bei den Kindern immer nur dann, wenn mindestens einer der Eltern auch Träger war - eine klare Indizienkette für Vererbung. Vor allem aber konnten die Forscher nachweisen, dass diese Viren keine selbständigen Partikel mehr waren, sondern ihr Erbgut in der DNA des Zellkerns deponiert hatten. "Bisher dachte man bei herpesinfizierten Neugeborenen, dass sie sich im Mutterleib angesteckt hätten", sagt die Ko-Autorin Caroline Breese Hall, "wie bei jeder anderen Infektion auch. Tatsächlich aber tragen 86 Prozent der positiv getesteten Kinder das Virus in ihren Genen."

          Das sei "durchaus eine Sensation", kommentiert Nikolaus Müller-Lantzsch, Leiter des Nationalen Referenzlabors für HHV-6-Viren in Saarbrücken - vorausgesetzt, dass bei der Studie alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Denn normalerweise legen Herpesviren ihre DNA im Zellkern ihres Wirts als separate Einheiten ab, in Form sogenannter Episomen. Sie dienen dann als Matritze für die Vermehrung der Viren mit Hilfe der zelleigenen Syntheseapparate. Dass die Eindringlinge auch eine andere Strategie beherrschen, konnte man nur ahnen: "Erst seit einigen Jahren kann man überhaupt unterscheiden, ob ein virales DNA-Stück aus dem Zellkern tatsächlich auf so einem Episom liegt - oder ob es vielleicht an einer ganz anderen Stelle eingebunden ist", sagt Müller-Lantzsch. Seit die Untersuchungstechnik Fortschritte gemacht hat, tauchen immer mehr Herpesviren-Gene auf , wo sie niemand vermutet hätte: auf den menschlichen Chromosomen.

          Das Herpes-6-Virus scheint dort ebenso heimisch zu werden wie das Lippenbläschenvirus Herpes simplex oder das Epstein-Barr-Virus, der Erreger des Pfeifferschen Drüsenfiebers, auch HHV-4 genannt.

          Erblich und ansteckend

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