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E-Zigaretten : Fluch oder Segen?

  • -Aktualisiert am

WHO empfiehlt, dass Staaten den Verkauf E-Zigaretten an Minderjährige verbieten. Bild: dpa

Kein Jahresbeginn ohne gute Vorsätze: Endlich mit dem Rauchen aufhören ist ein solcher. Hier versprechen E-Zigarette schnelle Hilfe. Doch was ist dran an den elektrischen Glimmstängeln? Ist ihr Gebrauch wirklich ohne Risiko?

          Seit ihrer Einführung vor rund zehn Jahren sorgt die E-Zigarette für hitzige Debatten: Während die einen sie als ideale Ausstiegsdroge für Raucher bezeichnen, befürchten die anderen, sie könnte die Schwelle zum Konsum von Tabakzigaretten senken. Für beide Ansichten gibt es bislang noch keine zweifelsfreie Belege.

          Nur bedingt erfolgreich waren jedenfalls die Bemühungen von Vertretern der Cochrane Collaboration, den Nutzen von E-Zigaretten als Hilfsmittel zur Tabakentwöhnung mit soliden Daten zu untermauern. Ihre Recherchen in der medizinischen Fachpresse ergaben zwar fast 600 Treffer. Lediglich zwei Studien mit zusammen 662 Probanden genügten jedoch den Kriterien der evidenzbasierten Medizin und fanden daher Eingang in ihre Analyse. Das Ergebnis: Nikotindampf abgebende „echte“ E-Zigaretten scheinen tatsächlich die erhoffte Wirkung zu entfalten.

          Dämpfe reizen die Atemwege

          Ihr Effekt hält sich aber in Grenzen. So stellten lediglich neun Prozent der damit versorgten Personen ihren Tabakkonsum mindestens ein halbes Jahr lang ein, weitere 36 Prozent reduzierten diesen um die Hälfte oder mehr. In der Placebogruppe, die nikotinlose E-Glimmstengel erhalten hatte, lagen die entsprechenden Erfolgsraten bei vier und 27 Prozent, waren also noch geringer. Zwar wirksamer als Placebo, schnitten die nikotinhaltigen E-Zigaretten nicht oder nur geringfügig besser ab als gewöhnliche Nikotinersatzmittel. Wie die Autoren der Analyse, unter ihnen Hayden McRobbie vom Wolfson Institute of Preventive Medicine der Queen Mary University in London, in der Cochrane Library bedenken geben, erlauben ihre Ergebnisse keine weitreichenden Schlussfolgerungen. Dafür sei die Zahl der Studien zu gering gewesen.

          Weitgehend unklar ist bislang zudem, wie es um die gesundheitlichen Auswirkungen von E-Zigaretten steht. Zwar gibt es wenig Zweifel, dass sie geringere Risiken bergen als Tabakzigaretten, denn man inhaliert keine Verbrennungsprodukte, sondern den Dampf einer erhitzten Flüssigkeit, das „Liquid“. Und die Liquids enthalten eine Reihe von Stoffen, die Allergien, entzündliche Reaktionen und möglicherweise auch Krebs auslösen können. Zu ihren wichtigsten Bestandteilen zählen Propylenglykol und/oder Glyzerin, Aromastoffe und meist Nikotin in unterschiedlichen Konzentrationen. Propylenglykol, das auch als Theaternebel dient, gilt zwar gemeinhin als unbedenklich. „Menschen, die in der Unterhaltungsbranche regelmäßig propylenglykolhaltigem Nebel ausgesetzt sind, leiden aber vermehrt an akuten und chronischen Atemwegsreizungen“, warnte unlängst das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg.

          Nutzen oder reiner Livestyle?

          Dennoch erfreuen sich die batteriebetriebenen Dampfgeräte wachsender Beliebtheit. Angeheizt wird dieser Trend von den aggressiven Werbekampagnen der Produzenten. So heißt es beispielsweise auf einer der unzähligen Websites, E-Zigaretten seien „ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und ein Sinnbild für modernen Lebenswandel“. Das Spektrum der Geschmacksrichtungen umfasst mittlerweile etwa 8000 unterschiedliche Aromen - von Gummibärchen über Erdbeere, Ananas und Kirsche bis hin zu Kaffee, Tee und Ouzo. Laut einer Untersuchung von Forschern der University of California in San Diego in der Zeitschrift „Tobacco Control“ kommen seit Mitte 2012 monatlich zehn neue E-Zigaretten-Marken und 240 neue Aromen auf den Markt. Auch die Tabakindustrie investiert inzwischen in diese Branche, zumal sie darin erhebliches Wachstumspotential sieht. Denn gemäß einer großen europäischen Studie haben im Jahr 2012 schon fast dreißig Millionen EU-Bürger E-Zigaretten ausprobiert. Darunter befanden sich mehr als eine Million Nichtraucher. Auch sollen nur etwa vier Prozent der insgesamt etwa zwanzig Millionen Raucher die E-Zigaretten zur Tabakentwöhnung genutzt haben.

          Derartige Erkenntnisse nähren den Verdacht, dass die Vernebler letztlich mehr Menschen zur Nikotinabhängigkeit verleiten als davon abbringen. Die Weltgesundheitsorganisation plädiert daher schon lange dafür, die Werbung für solche Produkte stark zu begrenzen, um vor allem Minderjährige zu schützen.

          Denn die E-Zigaretten sind schon längst auf den Schulhöfen angekommen. Bunte und strassbesetzte Geräte und Sorten wie etwa Schokolade verführten Kinder und Jugendliche zum Ausprobieren von E-Zigaretten, betonte Martina Pötschke-Langer, Leiterin der Stabsstelle für Krebsprävention am DKFZ, unlängst anlässlich einer Tabakkontrollkonferenz am DKFZ in Heidelberg. Auch nikotinlose Ausführungen stellen demnach eine Gefahr dar - unter anderem, weil sie das Rauchritual einüben. Sie sind von der neuen Tabakrichtlinie der EU, die auch für E-Zigaretten starke Werbebeschränkungen vorsieht, aber nicht erfasst.

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