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Reise in die Urzeit : Als die Veganer auf dem Vormarsch waren

  • -Aktualisiert am

Wie Brocklehurst und seine Kollegen in den „Proceedings of the Royal Society B“  berichten, tauchten etwa an der Grenze vom Karbon zum Perm plötzlich diverse mutmaßliche Pflanzenfresser auf. Gleichzeitig ging die Biodiversität der Landpflanzen rasant zurück. Im gesamten Perm – also in den darauffolgenden 47 Millionen Jahren – erreichte die Flora nie wieder die Formenvielfalt, die von den reichhaltigsten Fossilfundstellen des Karbons bekannt ist.

Große Pflanzenfresser förderten die Biodiversität der Fauna

Mit einer Schädellänge von fast zwanzig Zentimetern kamen die ersten Wirbeltiere, die sich von Landpflanzen ernährten, recht stattlich daher. Im Verlauf des Perms entstanden dann einerseits noch größere Exemplare mit bis zu 80 Zentimeter langen Schädeln. Andererseits entwickelte sich eine Fülle von kleineren Spezies, die sich an Pflanzen gütlich taten. Welche Gewächse auf ihrem Speiseplan gestanden haben, lässt sich zwar nicht mehr herausfinden. An heute lebenden Pflanzenfressern ist jedoch zu beobachten, dass sich größere Arten meist weniger wählerisch zeigen als kleine. Das lässt sich damit erklären, dass massige Tiere auch mit mäßig nahrhafter Kost zurechtkommen. Wenn sie ihre Umgebung deshalb ziemlich gleichmäßig abgrasen, stutzen sie auch Pflanzenarten zurück, die sonst andere, weniger durchsetzungsfähige Gewächse verdrängen würden. Damit fördern große Pflanzenfresser die pflanzliche Biodiversität.

Cistecephalus ist eine ausgestorbene Gattung von Dicynodont, die aus dem späten Perm des südlichen Afrikas stammt. Es war ein kleiner, spezialisierter, grabender Dicynodont möglicherweise mit Lebensgewohnheiten ähnlich des modernen Maulwurfs.
Cistecephalus ist eine ausgestorbene Gattung von Dicynodont, die aus dem späten Perm des südlichen Afrikas stammt. Es war ein kleiner, spezialisierter, grabender Dicynodont möglicherweise mit Lebensgewohnheiten ähnlich des modernen Maulwurfs. : Bild: Dmitry Bogdanov

Kleine Tiere brauchen im Verhältnis zu ihrer Masse mehr Energie für ihren Stoffwechsel. Um ihren hohen Bedarf zu decken, picken sie sich aus dem vorhandenen Angebot mit Vorliebe besonders nahrhafte Leckerbissen heraus und reduzieren durch diese Auslese das Sortiment der Pflanzenarten. Die statistischen Analysen der Forscher um Brocklehurst bestätigen diese Zusammenhänge auch für das Perm: Sie ergeben nicht nur, dass eine größere Vielfalt von Pflanzenfressern in dieser Epoche mit einer abnehmenden pflanzlichen Vielfalt einherging. Wie artenreich sich die Pflanzen präsentierten, scheint vor allem auch davon abzuhängen, wie viel verschiedenartige Pflanzenfresser damals zur Kategorie der Kleinwüchsigen zählten.

Wirbeltiere waren im Perm zwar nicht die einzigen Tiere, die Pflanzen zum Fressen gern hatten. Fossile Insekten und andere Gliederfüßler sind aus diesem Erdzeitalter aber zu spärlich überliefert, um Aussagen über ihre Ernährungsgewohnheiten treffen zu können. Als aufschlussreich erwiesen sich allerdings die von Gliederfüßlern verursachten Schäden, die an fossilen Pflanzenteilen erkennbar sind: An der Grenze vom Karbon zum Perm kommen solche Fraßspuren auf einmal viel weniger vielfältig daher. In etwa so variantenreich wie im Karbon werden die Attacken von Gliederfüßlern auf die Pflanzenwelt erst wieder rund 60 Millionen Jahre später, inmitten der Trias.

Wie viel Einfluss gefräßige Krabbeltiere auf die Flora des Perms ausgeübt haben, muss ungeklärt bleiben. Klimaveränderungen haben damals beim Verlust von pflanzlicher Biodiversität aber sicher noch keine entscheidende Rolle gespielt. Die Anpassung der Flora an ein trockener gewordenes Klima war nämlich schon sieben Millionen Jahre vor dem Ende des Karbons weitgehend abgeschlossen. Zuvor hatte sich die Zusammensetzung der Pflanzenwelt zwar dramatisch verändert, nicht aber die fossil überlieferte Artenvielfalt.

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