https://www.faz.net/-gwz-12j2q

Rätsel um Frühmenschen : Hobbits haben große Füße

Nicht viel Platz für Hirn: Der Schädel eines Homo floresiensis neben dem eines modernen Menschens Bild: picture-alliance/ dpa

Wer waren sie bloß? Seit Jahren sorgen Knochenfunde einer extrem kleinwüchsigen Frühmenschenform bei den Experten für Streit und Staunen. Jetzt gibt es wieder neue Erkenntnisse. Doch das Rätsel wird damit nur größer.

          3 Min.

          „In einem Loch in der Erde, da lebte ein Hobbit.“ So beginnt J. R. R. Tolkiens berühmte Erzählung, und so begann auch eine Pressemitteilung, die im Oktober 2004 einen seltsamen Fund meldete. Der australische Archäologe Michael Morwood und sein Team hatten Skelettreste eines wohl weiblichen Individuums in der Liang-Bua-Höhle auf der indonesischen Insel Flores entdeckt. Die fortan als „LB1“ firmierende Dame war erwachsen und doch nur so groß wie ein dreijähriges Kind. Seither heißen sie und ihre sechs Artgenossen, von denen sich bislang nur einzelne Knochen fanden, auch bei Fachleuten meist nur „Hobbits“.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch Homo floresiensis, wie die Zwergmenschenart offiziell heißt, hatte ein weiteres Merkmal mit den Halblingen aus Mittelerde gemein: überproportional große Füße. Das ergab eine nun in Nature erschienene Untersuchung von LB1s Fußknochen durch William Jungers von der Stony Brook University im Staat New York und weitere Forscher, darunter Morwood. Schuhgröße 30 bei einem Ein-Meter-Zwerg? Das ist mehr als ein lustiges anatomisches Detail. Es ist auch ein weiteres Argument in einem Streit, bei dem nichts weniger auf dem Spiel steht als das aktuelle Paradigma der Paläoanthropologie.

          Sick Hobbits

          Denn in dieses scheint H. floresiensis nicht nur wegen seiner Winzigkeit nicht hineinzupassen. Erstens hatte im Schädel von LB1 gerade mal das Gehirn eines Schimpansen Platz - und trotzdem wurden bei den Knochen planvoll gearbeitete Steinwerkzeuge gefunden. Zweitens müssen die asiatischen Halblinge die Höhle zwischen 95.000 und 17.000 Jahren vor heute bewohnt haben - und damit noch zu einem Zeitpunkt, an dem alle bisher bekannten Menschenarten außer Homo sapiens schon seit Jahrtausenden ausgestorben waren.

          Die Frage ist aber: Ist das wirklich eine neue, eigene Frühmenschenart? Oder handelt es sich um Vertreter von Homo sapiens, die unter krankhaften Skelettveränderungen litten? Immerhin gibt es eine angeborene Krankheit namens Mikrozephalie, bei der Menschen abnorm kleine Köpfe entwickeln. Diese „sick Hobbit“-Hypothese vertreten auch einige prominente Wissenschaftler wie Robert D. Martin vom Fields Museum in Chicago.

          Insel-Verzwergung

          Die Entdecker um Morwood dagegen erklärten sich das Miniaturformat lange durch das von anderen Säugertiergruppen bekannte Phänomen des „Island Dwarfing“ („Insel-Verzwergung“). Bei H. floresiensis handele es sich demnach um Nachfahren von Angehörigen der Art Homo erectus, die sich in der Isolation auf Flores den knappen Ressourcen dort evolutiv durch körperliche Verkleinerung anpassten. Nach bisheriger Auffassung hatte H. erectus vor 1,8 Millionen Jahren als erste Frühmenschenart Afrika verlassen und sich über Europa und Asien ausgebreitet. Er starb vor 27.000 Jahren aus - das lassen die mutmaßlich jüngsten H.-erectus-Knochen vermuten, die bei Ngandong auf Java gefunden wurden. Offenbar, so dachte man im Morwood-Team zunächst, hat H. erectus auf Flores in miniaturisierter Form noch etwas länger ausgehalten.

          Doch dieses Bild kann so nicht stimmen. Robert Martin und andere wiesen bald darauf hin, dass Inselschrumpfung nicht reicht, um das kleine Hobbithirn zu erklären. Jedenfalls nicht, wenn man die Beziehung zwischen Hirn und Körpergröße zugrunde legt, die bei Säugetieren innerhalb einer Art üblicherweise gelten. Die Verzwergung eines H. erectus aus Ngandong zu einem Menschlein von der Statur des H. floresiensis würde ein Hirnvolumen von 850 Kubikzentimeter ergeben. „Das ist doppelt so viel, wie der Schädel von LB1 tatsächlich aufweist“, sagt Martin.

          Vergleiche mit zwergenhaften Flusspferden aus Madagaskar

          Nun erschien in Nature neben der Hobbit-Fuß-Studie auch die Untersuchung zweier britischer Paläontologen, die Knochen zwergenhafter Flusspferde aus Madagaskar untersuchten. Sie kommen zu dem Schluss, dass das Hirn dieser Mini-Hippos 30 Prozent kleiner ist, als es ihre Körpermaße hätten erwarten lassen. Und was bei Hippos möglich war, könnte doch auch Hobbits möglich gewesen sein.

          Für Martin allerdings ist die Hippo-Studie methodisch fragwürdig: Sie vermische die Hirn-Körpergröße-Beziehung zwischen Flusspferden verschiedenen Lebensalters mit der zwischen gleich alten Tieren einer Art sowie der zwischen verschiedenen Arten. Zudem reiche eine zusätzliche inselbedingte Hirnverkleinerung um 30 Prozent nicht, um aus H. erectus so etwas wie H. floresiensis zu machen.

          Keine guten Läufer

          Tatsächlich kann das Skelett LB1 keinem geschrumpften H. erectus gehört haben - das sieht man heute auch im Morwood-Lager so. Denn in manchen Details weist LB1 einen deutlich altertümlicheren Knochenbau auf als H. erectus. Der jetzt diagnostizierte große Fuß ist so ein Detail. Für William Jungers zeigt es zugleich, dass LB1 kein degenerierter H. sapiens sein kann. „Die ,sick Hobbit'-Hypothese ist an den Haaren herbeigezogen und einfach lächerlich“, findet Jungers. Robert Martin hält ihm entgegen, das gar nicht ernsthaft untersucht zu haben. „Jungers und Kollegen tun das in einem Satz ab, ohne etwa den Vergleich mit Skeletten heutiger Mikrozephalie-Patienten wirklich vorgenommen zu haben.“

          Martin und andere Forscher wollen diese Möglichkeit auch deswegen nicht vorschnell ausgeschlossen wissen, weil alles andere die Paläoanthropologie vor ein enormes Rätsel stellt. Das zeigt gerade der jetzt untersuchte Fuß. Er belegt nämlich, dass die Hobbits nicht gut rennen konnten - zu einer Zeit, als die Evolution anderswo schon viel weiter war. So wurde im Februar die Entdeckung 1,5 Millionen Jahre alter Fußspuren in Kenia publik, die wahrscheinlich ein Homo erectus hinterließ. „Diese Spuren stammen von einem Fuß, der wesentlich moderner war“, sagt Jungers. „Die Vorfahren der Hobbits dürften sich also früher abgezweigt haben.“ Doch dann müssten sie von Afrika nach Indonesien gelangt sein, ohne sonst irgendwelche Spuren zu hinterlassen. Das widerspräche aller paläontologischen Wahrscheinlichkeit. Aber Tolkien-Leser wissen: Es wäre ganz die Hobbit-Art.

          Weitere Themen

          Rotes Fleisch doch nicht so ungesund? Video-Seite öffnen

          Neue Studie : Rotes Fleisch doch nicht so ungesund?

          Seit Jahren wird dazu geraten, der Gesundheit zuliebe weniger rotes Fleisch und Wurst zu essen. Doch ein Forscherteam kommt zu dem Schluss, dass die Gesundheitsrisiken durch Fleischkonsum eher gering sind. Sie empfehlen weniger Verzicht und stoßen damit auf Kritik.

          Vitamine für die Seele

          Ab in die Botanik : Vitamine für die Seele

          Natürlich geht es ohne. Aber frei nach Loriot, der ein Leben ohne Mops für möglich aber sinnlos hielt, will ich nicht auf Blumen verzichten.

          Topmeldungen

          Zögern in Wolfsburg: VW dürfte doch kein neues Werk in der Türkei bauen.

          F.A.Z. exklusiv : Bulgarien lockt VW mit mehr Geld

          Wegen der türkischen Offensive in Syrien legt VW Pläne für ein Werk nahe der Metropole Izmir auf Eis. Nun hofft Sofia, doch noch das Rennen um die begehrte Milliardeninvestition zu machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.