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Psychologie : Ich sehe das, was du nicht siehst

Erste Tafel des Rorschach-Tests, von 1921 Bild:

Im Internet sind seit kurzem alle zehn Figuren des berühmten Rorschach-Tests zu sehen. Darf man die überhaupt zeigen? Oder raubt man den Psychologen ein wichtiges Instrument?

          Richtig glücklich war die Ehe der Ingrams nie gewesen. Sie hatten sich jung kennengelernt - er, ein 21-jähriger Computertechniker, und sie, eine 18-Jährige, die als Sekretärin bei einer Bank arbeitete. Beide hatten schon mehrere Affären hinter sich und setzten das auch fort, nachdem sie geheiratet hatten. Bald mussten sie feststellen, dass sie kaum gemeinsame Interessen besaßen. Über jede Kleinigkeit kam es zum Streit, irgendwann verprügelte der Ehemann seine Frau nach Strich und Faden. Da war sie im dritten Monat schwanger und erlitt eine Fehlgeburt. Noch am gleichen Tage zog sie zu ihren Eltern. Die Polizei wurde eingeschaltet, doch nachdem Mrs. Ingram die Anzeige zurückzog, einigte man sich darauf, einen Eheberater aufzusuchen.

          Jörg Albrecht

          Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie zu erwarten, zeigte sich Mr. Ingram zerknirscht. Er schwor Stein und Bein, sich zu bessern. Der Berater war nicht überzeugt. Und so wurde Mr. Ingram einem Rorschach-Test unterzogen. Wie Millionen Probanden vor ihm bekam er jene zehn Tafeln vorgelegt, die der Schweizer Psychiater Hermann Rorschach 1921 in Druck gegeben hatte.

          Gut für's Männermagazin

          Es sind Kleckse, wie sie jedes Schulkind herstellen könnte. Doch unter Anhängern des Tests gelten die Rorschach-Muster bis heute als Reliquien. Wie sie jemand deutet, was er darin sieht - das erlaubt angeblich einen tiefen Einblick in sein ureigenstes Wesen. Anders ausgedrückt: Indem er seine Gefühle und Gedanken auf Objekte projiziert, für die es keine vorgeschriebene Sichtweise gibt, enthüllt er sein Innerstes, ohne dass ihm das im Geringsten bewusst wäre. Eine verführerische Vorstellung, nicht nur für Testpsychologen. Und eine weit verbreitete noch dazu: Eine Anzeige für ein deutsches Männermagazin wirbt gerade mit Klecksbildern, die angeblich von 98 Prozent aller Männer als nackte Frau und nicht als Frosch gedeutet würden.

          Tafel 2 des Rorschach-Tests

          Die zehn Originaltafeln, die bis heute unverändert nachgedruckt werden, sind jetzt auf der englischsprachigen Seite der Internet-Enzyklopädie Wikipedia veröffentlicht worden. Samt ihrer Standarddeutung, was die Rorschach-Gemeinde auf die Palme bringt. Denn wenn jeder Dahergelaufene weiß, was die meisten seiner Mitmenschen in den Klecksen sehen, könne man den Test auch gleich in die Tonne treten. Und sich die Ausbildung zum Rorschach-Experten schenken. In den Vereinigten Staaten ist das immerhin noch ein Markt; dort werden die Tafeln samt Erläuterung für 185 Dollar und Einführungskurse für knapp tausend Dollar angeboten.

          Ein Beispiel

          Was sah nun der ahnungslose Mr. Ingram in den Rorschach-Figuren? Auf Tafel I: "Eine Motte." Nach längerer Pause: "Könnte genauso gut auch was anderes sein. Okay, ein absterbendes Blatt. Da sind so Löcher drin."

          Tafel II: "Sieht aus wie ein Käfer, der auf der Windschutzscheibe zerquetscht wurde. Überall verschmiertes Blut."

          Tafel III: "Auch eine Art Käfer, teilweise verwest. Nicht die Sorte Käfer, die ich mir länger anschauen würde."

          Tafel IV: "Sieht von der Seite aus wie ein verrotteter Baumstumpf, der sich im Wasser spiegelt."

          Tafel V: "Eine Fledermaus."

          Tafel VI: "Sieht irgenwie aus - als wenn Leute ein Tier töten und ihm das Fell abziehen."

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