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Psychologie : Frühe Bindung, spätes Leid

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Harry Harlow mit einer der berüchtigten Ersatzmütter - hier die Drahtausführung - für junge Rhesusaffen Bild: Harlow Center for Biological Psychology, University of Wisconsin

Warum kommt der eine zurecht im Leben und der andere nicht? Liegen die Ursachen dafür schon in der frühesten Kindheit? Und wenn ja: Was folgt daraus?

          Nennen wir ihn Anton Reiser. Von Geburt an ein Verlierer. Die ersten Töne, die an sein Ohr dringen, sind Verwünschungen. Nie spürt er die Liebe seiner Eltern; wenn ihn ausnahmsweise doch ein freundlicher Blick erreicht, dann ist das für ihn "etwas ganz Sonderbares".

          Man könnte sagen: Anton Reiser, das andere Ich des Schriftstellers Karl Philipp Moritz, war der erste Mensch der Neuzeit, dem man eine Bindungsstörung attestieren würde. Einen "psychologischen Roman" hat Moritz sein autobiographisches Werk genannt. Anton Reiser kennt als Kind nichts Schöneres, als Blumen den Kopf abzuschlagen. Ihm glückt so gut wie nichts im späteren Leben - eine Folge seines angeknacks- ten Selbstwertgefühls. Wenn er nicht auf der Couch des Psychiaters gelandet ist, lag das nur daran, dass Karl Philipp Moritz hundert Jahre vor Sigmund Freud gelebt hat.

          Auseinandersetzung um den frühen Krippengang

          Heute ist angewandte Kinderpsychologie praktisch Allgemeingut. Jeder hat schon mal vom "Urvertrauen" gehört, das der Säugling mit der Muttermilch aufnimmt. Im jüngsten Grabenkrieg um die Kinderkrippe beispielsweise musste sich Familienministerin Ursula von der Leyen vorhalten lassen, sie könne gar nicht "diese tiefe Mutterbeziehung" zu ihren sieben Kindern entwickelt haben, weil sie von Ammen erzogen worden seien. Oskar Lafontaines Ehefrau Christa Müller setzte noch eins drauf: Der allzu frühe Krippengang könne zu seelischen Verletzungen führen, die schlimmer seien als bei einer Genitalverstümmelung.

          Die „fremde Situation” dient Psychologen zur Beurteilung von Beziehungsmustern. Das Kind erkundet zusammen mit der Mutter ein Zimmer mit Spielecke. Kurz darauf verlässt sie den Raum und wird durch eine fremde Person ersetzt. Wie reagiert das Kind?

          Lässt sich das beweisen?

          Experimentell gehen solche Glaubenssätze auf die Arbeit des amerikanischen Psychologen Harry Harlow zurück. Mitte des vorigen Jahrhunderts studierte er Intelligenz und Sozialverhalten von Rhesusaffen. An der University of Wisconsin in Madison baute er eines der ersten Primatenlabors auf. Man ging nicht gerade zimperlich ans Werk: Den Versuchstieren wurden Teile der Hirnrinde entfernt oder starke Strahlendosen verpasst, um zu sehen, wie sich das auf ihr Lernvermögen auswirkt.

          Experimente mit Rhesusaffen

          Harlow und seine Helfer entwickelten Routine im Umgang mit neugeborenen Rhesusaffen. Trennte man sie unmittelbar nach der Niederkunft von ihren Müttern, zeigten sie extreme Anhänglichkeit zu Frotteehandtüchern, die auf dem Boden ihrer Käfige herumlagen. Nahm man sie ihnen fort, schrien sie zum Gotterbarmen.

          Fehlte den Kleinen die Mutterbrust? Oder der Kuschelkontakt? Aus Stacheldraht, einer wärmenden Glühbirne und einem Saugnippel konstruierte Harlow eine Surrogatmutter, die bei Bedarf rund um die Uhr Milch spendete. Ein zweites Gestell war bloß mit einem Frotteefell überzogen. Doch darauf stürzten sich die verwaisten Rhesusäffchen, als sei es die leibliche Mutter. Die Milchpuppe ließ sie, abgesehen von kurzen Besuchen zur Nahrungsaufnahme, vollkommen kalt. An dieser Präferenz änderte sich auch dann nichts, wenn die künstlichen Mütter mit allerlei Attributen versehen wurden; selbst wenn sie eiskalte Luft verströmten oder auf ihr Baby einstachen, wurden sie verzweifelt akzeptiert. Gestattete man nicht einmal diesen Kontakt, verfielen die kleinen Affen in tiefste Apathie.

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