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Psychologie : Am liebsten auf Abstand

Menschen sind soziale Wesen, aber wehe es kommt ihnen jemand zu nahe und dringt in ihre Intimsphäre ein. Wenn nun noch Kontakte im elektronischen Netzwerk dazukommen?

          6 Min.

          Zeitung und Fahrkarte - das reicht schon für den Selbstversuch. Man muss dann nur zur Rushhour die Straßen-, S- oder U-Bahn nehmen. Sollte Eisregen oder Vulkanasche den Flugverkehr stilllegen, vermittelt auch ein ICE das richtige Gefühl. Oder man spaziert zum Brunch ins nächste Café. Wer nun die Seiten ausgebreitet vor sich hält und liest, merkt bald die Veränderungen. Wie mit jedem Knick, mit dem man das Papier kleiner falten muss, weil mehr Menschen zusteigen oder an den Tisch drängen, das eigene Lächeln zur Grimasse gefriert, während die beste Sonntagslaune zur Misanthropie verkommt.

          Sonja Kastilan
          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Allein ihr Anblick, dann ihre Stimmen, Gerüche, Körperwärme, gar eine Berührung: Die Nähe der anderen beeinflusst - bewusst und unbewusst - unsere Regungen, wir betrachten sie unter Umständen als Invasoren, reagieren nonverbal genervt und angespannt. Wie wir den Raum um uns herum wahrnehmen und uns diesem entsprechend verhalten, beschäftigt deshalb einen Forschungszweig der Psychologie, den der Amerikaner Edward T. Hall mit dem Begriff "proxemics" umfasste. Sein Buch "The Hidden Dimension" aus dem Jahr 1966 erschien 1974 als "Die Sprache des Raumes" auch in Deutschland und gilt mit den darin beschriebenen Distanzzonen (siehe "Balanceakt der Nähe") als ein Klassiker des Fachbereichs. Dass unter anderem Beobachtungen an Sikahirschen und Wanderratten als Beispiele herhalten mussten, liegt in der Natur des Anfangs. Bis dahin hatte sich kaum jemand den menschlichen Bedürfnissen von Platz und Intimsphäre angenommen oder eine Art Fluchtverhalten registriert.

          Physisch gegen virtuell

          Aber Hall wusste auch Anekdoten über streng formelle Deutsche, die beengten Wohnverhältnisse der Franzosen (die deshalb ins Restaurant einladen) und seine Probleme als typischer Nordamerikaner mit überaus kontaktfreudigen Arabern (zu zudringlich) zu berichten. In Telefon, Fernsehen und Funkgeräten sah der Anthropologe eine Erweiterung der Gruppendistanz, die soziale und politische Institutionen beeinflusse. Was würde Hall dann erst zu Facebook, E-Mail und SMS sagen? Heute pflegen wir neben den physischen Kontakten noch zahlreiche virtuelle - unabhängig von Ort und Zeit, oft parallel. Welchen verbindenden Effekt das haben kann, demonstriert im Moment Ägypten.

          Das Gedränge wird irgendwann fast unerträglich, Herzschlag und Atmung beschleunigen sich, auf der Haut perlt Schweiß, und jegliche Konzentration ist verschwunden. Wem das Blatt im DIN-A6-Format die Leselust nicht verdirbt, der gehört wohl zu den Pendlern, deren Morgenlektüre anschließend nur noch Origami-Fans begeistern kann. Oder zu jenen, die sich schlichtweg in den Text vertiefen. Vielleicht wurde auch mit Kopfhörern vorgesorgt - und mit musikalischer Hilfe zumindest innere Distanz geschaffen. Denn tatsächlich: Ohrstöpsel verändern nachweislich die Wahrnehmung des Umfeldes.

          Manche greifen zur Zeitung, um sich Fremde vom Leib zu halten; andere bevorzugen in der Bahn, wo selbst Daunenjacken die Luft ausgeht, iPod oder Smartphone. Man könnte es durchaus als tagtägliche Herausforderung verstehen, sich dank psychologischer Tricks in Gelassenheit zu üben, während fremde Ellenbogen sich zwischen die Rippen bohren. Wohl fühlt sich jedoch niemand, so dicht an dicht gepackt: Menschen mögen soziale Wesen sein, aber sie lassen sich ungern zusammenpferchen. "Gleich ob es sich um Kinder, Erwachsene oder ältere Personen handelt, empfinden Menschen Stress in solchen Situationen und reagieren körperlich darauf", erklärt Jack Aiello von der Rutgers University in New Jersey. Ein Maximum erreicht dieser Reizzustand erst etwas später: "Wenn wir danach mit dem Partner streiten oder keine Geduld mit den Kindern haben, ist das eine typische Folge."

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