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Präzise Erbgut-Schere : So schürfen nun die Goldgräber im Genom

  • -Aktualisiert am

Unser Genom: Auf diesem Objektträger befinden sich Chromosomen zur Untersuchung Bild: Lucas Wahl

Selten wurden in den Lebenswissenschaften spezielle Methoden so schnell so hochgejubelt wie die neuen Präzisionsscheren der Gentechnik. Alles geht, lautet das Motto. Alles? Ethisch besteht Diskussionsbedarf, politisch sowieso.

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          Die Biowissenschaften sind nur so gut wie ihr Handwerkszeug - und das arbeitet manchmal verblüffend effizient. So gut, dass die gesamte Branche schnell spürt, einen Riesenschritt nach vorne zu machen. Das war bei den Restriktionsenzymen so, ohne die es keinen Einstieg in die Gentechnik gegeben hätte. Ohne die modernen Sequenziertechniken gäbe es keine individualisierte Medizin, und ohne PCR würden Täter nicht anhand ihrer Haare oder anderer Gewebespuren identifiziert werden. Die Kriminalistik müsste sich dann immer noch mit den Blutgruppen begnügen.

          Jetzt erleben die Biowissenschaften wieder einen großen Sprung, und es ist wieder ein neues Werkzeug, das ihn einläutet. Nicht einmal drei Jahre nach der Entdeckung seines Potentials ist schon von einem möglichen Nobelpreis die Rede. Das neue Werkzeug, das den wenig erhellenden Namen CRISPR-Cas9 trägt und ursprünglich aus dem Bakterium Streptococcus pyogenes stammt, editiert und redigiert Genome punktgenau. Es ist ein Präzisionsskalpell für den Eingriff ins Erbgut, auf das die Biowissenschaften schon lange gewartet haben. Eine kurze RNA dirigiert CRISPR-Cas9 zielsicher zu einer komplementären DNA-Sequenz im Genom. Dort lagert es sich über eine Watson-Crick-Paarung an den passenden DNA-Einzelstrang an und zerschneidet danach beide Stränge mit einem glatten Schnitt. Editiert wird das Genom bei der Reparatur dieser offenen Doppelstrang-Enden. CRISPR-Cas9 ist so einfach zu bedienen und dabei so effizient, dass damit quasi jeder zelluläre Bauplan im Kern überarbeitet werden kann, auch die DNA der Keimbahn. Damit ist erstmals eine Situation eingetreten, in der theoretisch jeder beliebige Laborant mit molekularbiologischem Sachverstand eine Keimbahntherapie in Angriff nehmen könnte. Oder gentechnisch veränderte Pflanzen herstellen könnte.

          Kein Science Fiction mehr

          Selbst die generationenübergreifende Veränderung des menschlichen Erbguts gehört damit definitiv nicht mehr in die Welt des Science Fiction. Im Grunde weiß niemand so recht, ob sich nicht schon jemand an die Arbeit gemacht hat und ob bald ein Kind mit redigiertem Erbgut zur Welt kommen wird. Vor einigen Wochen haben deshalb führende Wissenschaftler zu einer Diskussion über die künftige Nutzung der CRISPR-Technologie aufgerufen, ähnlich wie 1975 im kalifornischen Asilomar, als die Gentechnik in den Startlöchern steckte (siehe F.A.Z. vom 20. März). Die achtzehnköpfige Gruppe spricht sich in „Science“ strikt gegen jede Form der Keimbahntherapie beim Menschen aus, meidet allerdings das Wort Moratorium. Sie wünscht sich einen freiwilligen Verzicht und ist in Sorge, dass der ethische Aufschrei dem ganzen Feld schaden und zu restriktiveren Gesetzen führen könnte.

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