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Bärtierchen-Sex : Mini-Akt im Moos

  • -Aktualisiert am

Bärtierchen, nur wenige Zehntel Millimeter groß Bild: Universität Stuttgart

Bärtierchen sind winzig und bevölkern feuchte Biotope. Nun haben Forscher die Mini-Organismen erstmals bei der Paarung gefilmt. Ein Akt, der mit einer Häutung verbunden ist.

          3 Min.

          Bärtierchen sind weit verbreitet, aber unscheinbar. Mit einer Größe von wenigen Zehntel Millimetern bleiben diese Organismen, die sich in Gewässern, Moospolstern und anderen feuchten Lebensräumen finden, dem Auge gewöhnlich verborgen. Trotzdem haben sie nicht nur bei Biologen einen beachtlichen Bekanntheitsgrad erlangt. Das liegt vor allem an ihrer legendären Widerstandskraft gegenüber harschen Umweltbedingungen. Je genauer die skurrilen Tierchen untersucht werden, desto mehr verblüffende Einzelheiten treten zutage.

          Einen besonderen Coup haben jetzt Forscher am Senckenberg Museum für Naturkunde in Görlitz in Kooperation mit der Universität Stuttgart gelandet: Erstmals konnte das Fortpflanzungsverhalten von Bärtierchen mit der Videokamera dokumentiert werden. Die letzte Beobachtung eines Paarungsspiels stammt von dem Berliner Zoologen Ernst Marcus, der Ende der 1920er-Jahre die erste und einzige Zeichnung davon anfertigte

          Für ihre Untersuchungen trennten Jana Bingemer, Karin Hoberg und Ralph Schill zunächst weibliche und männliche Individuen der Bärtierchen-Gattung Isohypsibius voneinander. Nach einiger Zeit durften die Geschlechtspartner dann Kontakt aufnehmen. So gelang es, bei mehr als 30 Paaren das Fortpflanzungsverhalten zu filmen. Wie die Forscher im „Zoological Journal of the Linnean Society“ berichten, läuft der Geschlechtsakt komplexer ab als bislang vermutet wurde. Er kann bis zu einer Stunde lang dauern. Stößt ein Männchen auf ein paarungsbereites Weibchen, windet es sich um dessen Kopf und hält sich dort mit einem seiner insgesamt vier Beinpaare fest. Das Weibchen wiederum stimuliert den Partner wiederholt mit den Mundwerkzeugen, bis schließlich der Samen ausgestoßen wird.

          Paarung nicht ohne Häutung

          Bärtierchen häuten sich im Laufe ihres Lebens einige Male. Nur so können sie wachsen. Auch der Geschlechtsakt ist bei der untersuchten Art mit einer Häutung verknüpft, und zwar mit einer des Weibchens. Bei anderen Arten werden die Eier frei abgelegt. Wie dann die Befruchtung stattfindet, ist völlig unklar. Es muss zuvor eine Paarung geben, aber die ist noch nicht beobachtet worden.

          Bärtierchen-Sex Teil 1: Typische Position von Weibchen (links) und Männchen (um das Vorderende des Weibchens geringelt) bei der Paarung.

          Wenn sich bei Isohypsibius-Weibchen befruchtungsfähige Eier gebildet haben und ein paarungswilliges Männchen zur Stelle ist, werden die Eier in die sich ablösende Hülle ausgeschieden. Anschließend gleitet der Körper aus der alten Haut. In diesem sogenannten Häutungshemd, also außerhalb des weiblichen Körpers, erfolgt dann die Befruchtung durch den Samen des Partners.

          Auf die Temperatur kommt es an

          Findet sich kein Männchen, hält das Weibchen die reifen Eier im Körper zurück. Dort werden sie innerhalb weniger Tage resorbiert. Auch die männlichen Bärtierchen gehen sorgsam mit ihren Ressourcen um: Von paarungsunwilligen Weibchen halten sie sich fern und vergeuden somit keine Energie.

          Bärtierchen Sex Teil 2: Bärtierchen-Weibchen im  Häutungshemd nach Ablage von zwei Eiern

          Bärtierchen der untersuchten Art häuten sich drei Mal, bis sie ausgewachsen und geschlechtsreif sind. Wie schnell sie dieses Stadium erreichen, hängt von der Umgebungstemperatur ab, wie die Forscher in Görlitz beobachtet haben. Bei 20 Grad Celsius aufgezogene Tiere wurden nach rund vier Wochen geschlechtsreif. Wurden sie bei 12 Grad gehalten, verlängerte sich diese Phase auf etwa 44 Tage. Diese Individuen waren aber deutlich größer. Offenbar ist für die Geschlechtsreife weder die Entwicklungszeit noch die Körpergröße entscheidend. Wenn sie erst einmal ausgewachsen sind, können Bärtierchen beiderlei Geschlechts in ihrer Generation mehrmals Nachkommen hervorbringen.

          Bärtierchen-Sex Teil3: Zum Schluss zieht sich das Weibchen 
zusammen und wird im nächsten Moment beginnen nach vorne aus der Haut
zu steigen.

          Bärtierchen sind der Wissenschaft zwar schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts bekannt, aber gänzlich erforscht sind sie wohl noch längst nicht. Die pikanten Einblicke in ihr Liebesleben sind nämlich nur eines der spannenden Forschungsergebnisse aus jüngerer Zeit. Besonders hinsichtlich der großen Widerstandsfähigkeit etwa gegen Trockenheit, ionisierende Strahlung und hohe Salzkonzentrationen fördert man immer wieder neue „Rekorde“ zutage.

          Bärtierchen lautlos im Weltraum

          Im Jahr 2007 hatte die Gruppe um Ralph Schill von der Universität Stuttgart die Chance genutzt, Bärtierchen mit einem Satelliten zehn Tage lang den extremen Bedingungen des Weltalls auszusetzen.Im Trockenschlaf konnte ihnen das Vakuum praktisch überhaupt nichts anhaben, und sogar das Bombardement mit dem kompletten Arsenal von Strahlung überstanden noch etliche der Tiere. Zurück auf der Erde und mit Wasser versorgt, erwachten sie wieder zum Leben und pflanzten sich fort. Dass ein tierischer Organismus ungeschützt die kosmische und ultraviolette Strahlung kombiniert mit dem Vakuum überleben kann, wusste man zuvor nicht.

          Erstaunlicherweise blieben bei den überlebenden Individuen keinerlei Erbschäden zurück. Wie die Stuttgarter Biologen jetzt ebenfalls berichten, ließen sich bei sämtlichen Folgegenerationen keine negativen Auswirkungen des Weltraumspaziergangs feststellen. Es scheint demnach das Prinzip „Entweder-Oder“ zu gelten: Extreme Bedingungen führen entweder zum Tod des Bärtierchens, oder die Schäden werden repariert und bleiben folgenlos. Schädliche Mutationen werden somit nicht vererbt.

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