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Pheromone : Anschlag auf den freien Willen

  • -Aktualisiert am

Dass Liebe durch die Nase geht, ist für die Besucher von Pheromon-Partys eine klare Sache Bild: picture alliance / dpa

Ob Hamster, Ameise oder Seidenspinner: Viele Tiere senden sich Botschaften mit Hilfe von Duftstoffen. Funktioniert das auch beim Menschen?

          4 Min.

          Wenn es darum geht, die Einsamkeit der Großstadtbewohner zu lindern, werden manchmal kuriose Wege eingeschlagen. Zum neuesten Dating-Trend gehören sogenannte Pheromon-Partys, die inzwischen auch in Deutschland veranstaltet werden, zuletzt Anfang des Jahres in einer Hamburger Bar.

          Die Idee: Mann oder Frau beurteilt die Attraktivität anderer Teilnehmer anhand des Geruchs eines getragenen T-Shirts. Ein Kontakt wird angebahnt, wenn sich beide gut riechen können. Das Ganze basiere auf der Wissenschaft der Pheromone, flüchtigen „Sexuallockstoffen“, die der Schlüssel für „nachhaltige Beziehungen, guten Sex und gesunde Nachkommen“ seien, so die Veranstalter.

          Dass die Liebe durch die Nase gehe, behaupten auch die Hersteller verschiedener Pheromon-Parfums, welche den Träger unwiderstehlich machen sollen. Ein gewagtes Versprechen. Pheromone sind biochemische Signalstoffe, die bei Artgenossen ein spezifisches Verhalten oder physiologische Veränderungen auslösen.

          Es geht nicht immer nur um Sex

          Zuerst charakterisiert wurde 1959 das Bombykol, mit dem Seidenspinner-Weibchen Männchen anlocken - dafür genügen geringste Konzentrationen. Und vor wenigen Wochen identifizierten japanische Forscher in Current Biology die Verbindung 4-Ethyloctanal als jene Substanz im streng riechenden Bouquet von Ziegenböcken, die Weibchen anlockt, zugleich deren Hormonhaushalt beeinflusst und für eine Empfängnisbereitschaft sorgt.

          Zwischen diesen beiden Entdeckungen liegen über 50 Jahre ergiebiger Forschung zur Wirkung von Signalmolekülen. So ist bei Mäusen, Hamstern und einer Reihe anderer Säugetiere gut belegt, wie flüchtige Substanzen das Paarungsverhalten oder den weiblichen Reproduktionszyklus steuern.

          Aber es geht nicht immer nur um Sex. Insbesondere soziale Insekten leben in einer Welt der artspezifischen Düfte: Pheromone wirken bei Ameisen etwa als Alarmsignal, wenn Feinde in den Bau eindringen, markieren den Verlauf von Routen oder veranlassen Arbeiterinnen, eine scheinbar tote Artgenossin aus dem Bau zu tragen, selbst wenn diese putzmunter ist und von Forschern nur mit dem speziellen Geruch einer Sterbenden ausgestattet wurde.

          Der Mensch ist wohl keine Ausnahme

          Während Ameisen eher stereotypen Mustern folgen, reagieren Säugetiere doch individueller. Und der Mensch? Lässt er sich durch bewusst oder unbewusst wahrgenommene Duftstoffe beeinflussen? „Von Bakterien über Pflanzen zu Tieren kommunizieren praktisch alle Lebensformen auf chemischen Wege. Es wäre extrem unwahrscheinlich, dass ausgerechnet der Mensch dabei eine Ausnahme sein soll“, meint Bettina Pause, Geruchspsychologin an der Universität Düsseldorf. Allerdings seien Pheromon-Effekte, wie sie die von der Werbung gern zitierte Wissenschaft findet, beim Menschen wesentlich subtiler.

          Studien gibt es dazu aber reichlich, und eine jetzt in Current Biology veröffentlichte Untersuchung zeigt, wie fein die Nuancen sein können. Um den Einfluss von mutmaßlichen Pheromonen auf die menschliche Wahrnehmung zu untersuchen, ließen Psychologen der Universität Peking ihre Probanden jeweils einen von zwei fraglichen Wirkstoffen einatmen.

          Gleichzeitig führten sie ihnen kurze Filmsequenzen vor, in denen menschliche Gestalten nur durch wenige weiße Punkte angedeutet waren, und baten um eine Einschätzung deren Geschlechts. Schnupperten Männer nun Estratetraenol, ein Abbauprodukt des weiblichen Hormons Östrogen, erkannten sie in den neutralen Figuren eher Frauen. Bei weiblichen Probanden war das nicht der Fall, dafür ließ sie der Testosteron-Abkömmling Androstadienon die Punkte öfter als Männer deuten.

          Existieren menschliche Pheromone?

          Die optische Wahrnehmung werde offenbar durch die bewusst gar nicht wahrnehmbaren Steroide beeinflusst, schließen die Forscher. „Allerdings waren die beobachteten Effekte zwar statistisch signifikant, aber ausgesprochen klein. Und das bei Konzentrationen, die um ein Vielfaches höher als im menschlichen Schweiß sind“, kommentiert der Bochumer Riechforscher Hanns Hatt die Ergebnisse.

          Bei der ersten Pheromon-Party Deutschlands verpackt eine Mitarbeiterin in Berlin getragene T-Shirts.
          Bei der ersten Pheromon-Party Deutschlands verpackt eine Mitarbeiterin in Berlin getragene T-Shirts. : Bild: dpa

          Trotzdem zweifeln weder Hatt noch die meisten seiner Kollegen heute daran, dass menschliche Pheromone existieren. Obwohl bei unserer Spezies ein entsprechend empfängliches Vomeronasalorgan im Nasenbereich, das viele Wirbeltiere dafür nutzen, verkümmert ist und es wohl auch an spezialisierten Rezeptoren mangelt. Im Gegensatz zu Mäusen, die davon Hunderte haben. So lässt sich vielleicht auch eine jüngst in Nature Methods veröffentlichte Studie verstehen, der zufolge Labormäuse durch die Anwesenheit männlicher Forscher oder nur durch deren Geruch mehr gestresst werden als durch jenen von Forscherinnen - eine mögliche Fehlerquelle bei Tierversuchen.

          Warum die Erforschung menschlicher Pheromone vergleichsweise schwierig ist, erklärt Hatt: „In den meisten Fällen kennen wir weder das für den Effekt verantwortliche Einzelmolekül noch die für ihre Registrierung zuständigen Rezeptoren, sondern nur die Wirkung eines hoch komplexen Duftgemischs.“ Manche Substanz wurde inzwischen identifiziert, zu den klassischen Beispielen zählen bestimmte Abbauprodukte der Sexualhormone im Schweiß, wie etwa das Androstadienon, die sich auf Erregung und Stimmung bei Angehörigen des jeweils anderen Geschlechts auswirken können.

          Geruchserkennung nahverwandter Individuen

          Und berühmt sind die bereits vor über vierzig Jahren erfolgten Versuche der amerikanischen Psychologin Martha McClintock. Sie entdeckte eine Synchronisierung des Menstruationszyklus, wenn Frauen auf engem Raum zusammenleben. Ob dieser Anpassungseffekt einen evolutionären Vorteil mit sich bringt, ist bis heute ungeklärt.

          Deutlicher wird der Nutzen, wenn sich etwa nahverwandte Individuen mittels Geruch erkennen: Das wurde bei vielen Tieren nachgewiesen und stärkt den Gruppenzusammenhalt offenbar auch bei Menschen, lässt sie zudem vor Inzucht zurückschrecken. Eine entscheidende Rolle spielt dabei der sogenannte Major Histocompatibility Complex (MHC) - individuell variierende Proteinkomplexe, die auf der Oberfläche von Zellen sitzen und es dem Immunsystem erlauben, körpereigene Moleküle von fremden abzugrenzen.

          Versuche lassen annehmen, dass sich sowohl beim Tier als auch beim Menschen gerade solche Paare gut riechen können, die sich in ihrem MHC-Genprofil besonders stark unterscheiden. Demnach können die Partner nicht nah verwandt sein, und ihre Nachkommen wären wohl mit starken Abwehrkräften gerüstet. Wie diese immunologischen Informationen in einen - unbewusst - wahrnehmbaren Duftreiz übersetzt werden, bleibt ein Rätsel.

          Nicht auf die Partnerwahl beschränkt

          Pheromonwirkungen sind aber nicht auf die Partnerwahl beschränkt. So kann Schweiß durchaus soziale Informationen beinhalten und zum Beispiel als Alarmsignal dienen. Dass Stressschweiß ebendiese spezielle Wirkung hat, konnte Bettina Pause mit ihrem Team nachweisen. Für die 2009 in PLoS One veröffentlichte Studie atmeten Probanden Ausdünstungen ein, die von Prüfungskandidaten stammten.

          Mittels Kernspintomograph wurden ihre Hirnaktivitäten aufgezeichnet, so dass die Forscher anschließend die Muster vergleichen konnten, wenn nun durch Stress oder durch Sport verursachter Schweiß in der Nase lag. Die beobachteten Unterschiede deutet Bettina Pause als einen Ausdruck von Empathie, der durch die unterschwellige olfaktorische Wahrnehmung des Stresses von Mitmenschen begünstigt werde.

          Der Reiz löse zwar eine erhöhte Aufmerksamkeit für bestimmte Signale aus, sagt Pause. Das erzeuge aber nicht mehr als eine leichte Verhaltenstendenz. Wie nun ein Mensch mit dieser pheromonal vermittelten Information umgehe, bleibe jedoch den Entscheidungen seines Bewusstseins vorbehalten. Zu willenlosen Opfern machen uns die Substanzen nicht. Allen Verheißungen der Duftstoffindustrie zum Trotz.

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