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Pheromone : Anschlag auf den freien Willen

  • -Aktualisiert am
Bei der ersten Pheromon-Party Deutschlands verpackt eine Mitarbeiterin in Berlin getragene T-Shirts.
Bei der ersten Pheromon-Party Deutschlands verpackt eine Mitarbeiterin in Berlin getragene T-Shirts. : Bild: dpa

Trotzdem zweifeln weder Hatt noch die meisten seiner Kollegen heute daran, dass menschliche Pheromone existieren. Obwohl bei unserer Spezies ein entsprechend empfängliches Vomeronasalorgan im Nasenbereich, das viele Wirbeltiere dafür nutzen, verkümmert ist und es wohl auch an spezialisierten Rezeptoren mangelt. Im Gegensatz zu Mäusen, die davon Hunderte haben. So lässt sich vielleicht auch eine jüngst in Nature Methods veröffentlichte Studie verstehen, der zufolge Labormäuse durch die Anwesenheit männlicher Forscher oder nur durch deren Geruch mehr gestresst werden als durch jenen von Forscherinnen - eine mögliche Fehlerquelle bei Tierversuchen.

Warum die Erforschung menschlicher Pheromone vergleichsweise schwierig ist, erklärt Hatt: „In den meisten Fällen kennen wir weder das für den Effekt verantwortliche Einzelmolekül noch die für ihre Registrierung zuständigen Rezeptoren, sondern nur die Wirkung eines hoch komplexen Duftgemischs.“ Manche Substanz wurde inzwischen identifiziert, zu den klassischen Beispielen zählen bestimmte Abbauprodukte der Sexualhormone im Schweiß, wie etwa das Androstadienon, die sich auf Erregung und Stimmung bei Angehörigen des jeweils anderen Geschlechts auswirken können.

Geruchserkennung nahverwandter Individuen

Und berühmt sind die bereits vor über vierzig Jahren erfolgten Versuche der amerikanischen Psychologin Martha McClintock. Sie entdeckte eine Synchronisierung des Menstruationszyklus, wenn Frauen auf engem Raum zusammenleben. Ob dieser Anpassungseffekt einen evolutionären Vorteil mit sich bringt, ist bis heute ungeklärt.

Deutlicher wird der Nutzen, wenn sich etwa nahverwandte Individuen mittels Geruch erkennen: Das wurde bei vielen Tieren nachgewiesen und stärkt den Gruppenzusammenhalt offenbar auch bei Menschen, lässt sie zudem vor Inzucht zurückschrecken. Eine entscheidende Rolle spielt dabei der sogenannte Major Histocompatibility Complex (MHC) - individuell variierende Proteinkomplexe, die auf der Oberfläche von Zellen sitzen und es dem Immunsystem erlauben, körpereigene Moleküle von fremden abzugrenzen.

Versuche lassen annehmen, dass sich sowohl beim Tier als auch beim Menschen gerade solche Paare gut riechen können, die sich in ihrem MHC-Genprofil besonders stark unterscheiden. Demnach können die Partner nicht nah verwandt sein, und ihre Nachkommen wären wohl mit starken Abwehrkräften gerüstet. Wie diese immunologischen Informationen in einen - unbewusst - wahrnehmbaren Duftreiz übersetzt werden, bleibt ein Rätsel.

Nicht auf die Partnerwahl beschränkt

Pheromonwirkungen sind aber nicht auf die Partnerwahl beschränkt. So kann Schweiß durchaus soziale Informationen beinhalten und zum Beispiel als Alarmsignal dienen. Dass Stressschweiß ebendiese spezielle Wirkung hat, konnte Bettina Pause mit ihrem Team nachweisen. Für die 2009 in PLoS One veröffentlichte Studie atmeten Probanden Ausdünstungen ein, die von Prüfungskandidaten stammten.

Mittels Kernspintomograph wurden ihre Hirnaktivitäten aufgezeichnet, so dass die Forscher anschließend die Muster vergleichen konnten, wenn nun durch Stress oder durch Sport verursachter Schweiß in der Nase lag. Die beobachteten Unterschiede deutet Bettina Pause als einen Ausdruck von Empathie, der durch die unterschwellige olfaktorische Wahrnehmung des Stresses von Mitmenschen begünstigt werde.

Der Reiz löse zwar eine erhöhte Aufmerksamkeit für bestimmte Signale aus, sagt Pause. Das erzeuge aber nicht mehr als eine leichte Verhaltenstendenz. Wie nun ein Mensch mit dieser pheromonal vermittelten Information umgehe, bleibe jedoch den Entscheidungen seines Bewusstseins vorbehalten. Zu willenlosen Opfern machen uns die Substanzen nicht. Allen Verheißungen der Duftstoffindustrie zum Trotz.

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