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Pädagogisch wertvoll? : Wenn Kinder mit Klötzen sprechen

  • -Aktualisiert am

Ferngesteuerter „Zoomer-Dino“ auf der Jahrespressekonferenz der Spielwarenbranche Bild: dpa

Blinkendes Musik-Handy oder wertvolles Öko-Puzzle? Die Entscheidung ist längst gefallen, alle Weihnachtsgeschenke sind verteilt. Jetzt erklären Psychologen, welcher Spielzeugtyp Kleinkinder am besten fördert.

          Ob singende Plastikbücher, leuchtende Spieltische oder sprechende Plüscheinhörner: Wo auch immer Kinder in der Familie sind, wird in der vergangenen Woche mit großer Wahrscheinlichkeit auch mindestens ein elektronisches Spielzeug unter dem Baum gelegen haben. Es sei denn, Eltern, Großeltern und die gesamte Verwandtschaft konnten sich darauf einigen, dass nur als pädagogisch wertvoll angesehenes Spielzeug ohne Blinken, Musik oder sonstige Berieselung erlaubt ist.

          Aber wirken sich Holzeisenbahnen, Fingerpuppen, Kautschukförmchen und Holzklötze wirklich besser auf die Entwicklung von Kindern aus als die batteriebetriebene Schildkröte, die auf Knopfdruck die Evergreens unter den Kinderliedern singt? Anna Sosa von der Northern Arizona University und ihre Kollegen wollten es genau wissen und statteten 26 Kleinkinder, die zwischen zehn und sechzehn Monate alt waren, und ihre Eltern mit drei verschiedenen Spielzeug-Sets aus. Zum einen bekamen die Familien einen Baby-Laptop, einen sprechenden Bauernhof und ein Baby-Handy. Das zweite Set enthielt ein Holzpuzzle, Gummibauklötze mit Bildern und ein Steckspiel, bei dem passende Objekte durch unterschiedlich geformte Öffnungen ins Innere des Spielzeugs gebracht werden müssen. Außerdem war ein Set aus fünf Pappbilderbüchern im Programm, in denen es um Bauernhoftiere, Farben und Formen ging.

          Kaum Konversation

          Die Probanden durften die Spiele zu Hause ausprobieren; die Forscher waren dabei nicht anwesend, ließen jedoch im selben Raum ein Tonband laufen. Ihre Ergebnisse sind eindeutig: Während die Kinder mit den elektronischen Spielsachen beschäftigt waren, benutzten sie weniger „echte“ Wörter, sie äußerten seltener Wendungen, die in eine Konversation mit den anderen Anwesenden hätten münden können und sie sagten seltener etwas, das in direktem Zusammenhang mit dem Spiel stand („content-specific words“); und auch die Antworten der Erwachsenen blieben spärlicher als bei „traditionellem“ Spielzeug ohne batteriebetriebene Funktionen.

          Blinkendes Einhorn auf der Jahrespressekonferenz der Spielwarenbranche

          Überraschender allerdings war, dass die elektronischen Spielzeuge gegenüber den Bilderbüchern noch schlechter abschnitten als im Vergleich mit Puzzles und Klötzen. Nur beim Durchblättern der Bücher vokalisierten die Kinder insgesamt mehr als beim Spiel mit den elektronischen Produkten. Und auch die Eltern agierten anders, sobald sie eins der Pappbücher aufschlugen: Sie sprachen dabei mehr und bezogen sich häufiger auf den Inhalt an sich als sie es taten, wenn sie und das Kind sich mit dem „traditionellen“ Spielzeug befassten.

          Neue Forderungen

          Das Forscherteam um Sosa, das sich schwerpunktmäßig mit der Sprachentwicklung von Kindern befasst, räumt im Fachmagazin „Jama Pediatrics“ ein, dass die Studie nur begrenzte Aussagekraft hat, weil sie nur so wenige Probanden einschließt. Dennoch wagen sie sich mit ihren Schlussfolgerungen weit vor: Ihre Ergebnisse seien geeignet als eine Basis zu dienen, auf der man künftig Eltern vom Kauf elektronischen Spielzeugs abraten könne, das darüber hinaus ja oft – offenbar ohne Beleg – als pädagogisch besonders sinnvoll beworben werde.

          In einem begleitenden Kommentar fordern die Kinderärzte Jenny Radesky von der University of Michigan Medical School und Dimitri Christakis vom Seattle Children’s Hospital, dass digitale Spielzeuge künftig immer auch den Zweck erfüllen sollen, das Kind in Interaktion mit anderen zu bringen. Babys und Kleinkinder dürften durch ein pfeifendes und klingelndes Spielzeug nicht in einem „geschlossenen Kreis“ absorbiert werden und sich der Außenwelt verschließen – insbesondere, weil die frühe Konversation mit anderen viel mehr leistet, als Kindern nur das Sprechen beizubringen. Es gehe auch um den Erwerb von Kompetenzen wie Lese- und Sinnverstehen und sprachliche Abstraktionsfähigkeit, häufig zusammengefasst unter dem Begriff „Literacy“. Zudem könnten Eltern nur durch solche frühen Gespräche die Entwicklung ihres Kindes aufmerksam verfolgen, verstehen und Schwierigkeiten erkennen.

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