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Bindungshormon Oxytocin : Das macht die Gefühle

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Von derselben Faszination, komplexe psychologische Phänomene wie Liebe, Treue und Vertrauen auf ihre biochemische Basis zurückzuführen, wird auch ein Großteil der seit der Jahrtausendwende lebhaft blühenden Oxytocinforschung getrieben. Ein Klassiker dieser Disziplin sind Studien an naheverwandten Arten amerikanischer Wühlmäuse: Während Bergwühlmäuse einzelgängerisch leben und sich auf jeden Sexualpartner werfen, der ihnen über den Weg läuft, gehen Präriewühlmäuse nach der ersten Paarung eine zärtliche und lebenslange, wenn auch nicht immer ganz treue Ehe ein. Der entscheidende Unterschied zwischen den äußerlich kaum zu unterscheidenden Arten scheint die Zahl und Verteilung der Rezeptoren im Gehirn für Oxytocin und für das nahverwandte Hormon Vasopressin zu sein. So ließen sich aus polygamen Bergwühlmäusen durch eine genetische Manipulation der Rezeptoren treue Partner machen. Umgekehrt verloren Präriewühlmäuse ihren Treuetrieb durch das biochemische Blockieren ihrer Rezeptoren.

Inwieweit sich das alles auf den Menschen übertragen lässt, ist allerdings umstritten. „Man sollte sich davor hüten, so zu tun, als ob wir nur sehr, sehr große Wühlmäuse seien“, meinte beispielsweise der amerikanische Neurobiologe und Pionier der Wühlmausforschung Thomas Insel in einem Interview. Ein bisschen Skepsis und gesunder Menschenverstand sind jedenfalls angebracht gegenüber den zahllosen Laborstudien, die der Oxytocin-Boom der letzten Jahre hervorbrachte. Eine Studie Bonner Forscher ergab 2012 beispielsweise, dass sich verheiratete Männer unter Oxytocineinfluss mehr von einer attraktiven Wissenschaftlerin fernhielten als Singles oder Probanden, die nur eine Salzlösung bekommen hatten - zehn bis 15 Zentimeter ferner, um genau zu sein.

Es wirkt auch negativ

Studien wie diese begründen den weit über Forscherkreise hinausgehenden Enthusiasmus für das vermeintliche Sex- und Treuehormon. Man hat Oxytocin als Parfüm und als Nasenspray verabreicht. Inga Neumann, Neurobiologin an der Universität Regensburg, hält nicht viel davon. „Da werden Mengen eingesetzt, die den normalen Oxytocinspiegel um das Zehn- bis Hundertfache übersteigen. Aber Untersuchungen, was davon den Sprung über die Blut-Hirn-Schranke schafft oder auf anderem Wege im Gehirn ankommt, gibt es so gut wie keine.“ Auch die Annahme, dass der Oxytocinspiegel des Blutes automatisch mit der Ausschüttung im Gehirn korreliert, sei nicht zutreffend.

Neuere Experimente lassen sogar eine antisoziale Schattenseite des Kuschelhormons vermuten. So fanden israelische Psychologen eine oxytocinbedingte Verstärkung unschöner Emotionen wie Neid und Schadenfreude. Andere Studien legen nahe, dass sich die prosozialen Wirkungen des Stoffs nur unter vertrauten Gruppenmitgliedern zeigen, Fremde dagegen umso stärker ausgegrenzt werden.

Auch beim vieldiskutierten Ansatz, Autismus mit Hilfe des Stoffs zu kurieren, ist Vorsicht geboten. „Es gibt Hinweise darauf, dass eine chronische Gabe die körpereigene Produktion von Oxytocin und seiner Rezeptoren herunterregelt und so die Probleme von Autisten - so sie denn wirklich mit Oxytocinmangel zu tun haben - noch verstärken könnte“, sagt Inga Neumann. Negative Langzeitwirkungen fand auch die Psychologin Karen Bales von der University of California, wieder am Beispiel der monogamen Präriewühlmaus: Behandelte sie männliche Jungtiere mit dem Hormon, neigten sie später zur Untreue und zeichneten sich gleichzeitig durch ein ungeschicktes Paarungsverhalten aus.

Das wäre - falls doch auf den Menschen übertragbar - wohl kaum die gewünschte Wirkung. Man sollte es sicherheitshalber doch lieber mit den Comedian Harmonists halten: „Veronika, die Welt ist grün, drum lasst uns in die Wälder ziehn.“

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