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Ordnung halten : Sie ist doch nur das halbe Leben

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Auch Omas Nähkästchen ist nicht zu hundert Prozent aufgeräumt, aber immer noch besser als ein Kinderzimmer. Bild: Rüchel, Dieter

Ordnung zu halten gilt heutzutage als Tugend. Vielen gelingt dies jedoch nicht. Extreme Ausprägungen, wie die krankhafte Sammelwut, sind oftmals schwer zu diagnostizieren. Sind Chaoten schlechtere Menschen, oder sind sie einfach kreativer?

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          Ein anonymer Anrufer hatte die Polizei verständigt: Aus dem Haus dringe fauliger Geruch. Ins Innere zu gelangen war nicht einfach. Das Erdgeschoss war verrammelt, schon in der Eingangshalle stapelten sich die Gegenstände derart dicht, dass es eine Weile dauerte, bis die Leiche von Homer Collyer gefunden wurde. Er war, eingekeilt von alten Zeitungen und tausend anderem Zeug, verhungert.

          Den Leichnam seines Bruders Langley entdeckte man Wochen später, nachdem es gelungen war, einen Teil des ersten Stocks zu entrümpeln; Langley Collyer war erschlagen worden, als einer der Höhlengänge zusammenstürzte, durch die sich die Brüder gerade noch zwängen konnten. Am Ende mussten mehr als hundert Tonnen Material entsorgt werden, darunter 25 000 Bücher, 14 Klaviere und zahllose Schallplatten.

          Der Fall der Brüder Collyer, der 1947 in den Vereinigten Staaten für Aufsehen sorgte, gilt als klassisches Beispiel für krankhafte Sammelwut, ein Syndrom, das der deutsche Psychiater Emil Kraepelin erstmals in einem Lehrbuch von 1899 beschrieben hatte. Gehortet werden häufig Dinge, die andere wegwerfen würden, wie geleerte Yoghurtbecher oder Lumpen. Manche Patienten sammeln abgeschnittene Fingernägel oder Hautschuppen. Die Polizei muss auch immer wieder eingreifen, wenn Haustiere in Überzahl gehalten werden. Im Rahmen einer Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover berichteten Veterinäre über einschlägige Erfahrungen. In der Hälfte aller Fälle drängten sich Katzen oder Hunde in der Wohnung, andere waren übervölkert mit Kaninchen (19 Prozent) oder Ziervögeln (15 Prozent)

          Gedanken hinter der krankhaften Sammelwut

          Was geht in diesen gemeinhin als „Messies“ bezeichneten Menschen vor? Die Psychologin Sina Kohl von der Spezialambulanz für Zwangsstörungen der Uniklinik Köln beobachtet bei ihren Patienten vor allem massive Angst, die sie daran hindert, Dinge einfach wegzuwerfen. Dabei mische sich Furcht mit der Vorstellung, in den Gegenständen könne sich „etwas verstecken, was sehr wertvoll ist, was ich später noch mal brauchen kann“. Hinzu kommt häufig die fixe Idee, dass eine Katastrophe eintreten könnte, wenn man sich der Dinge entledigt. Die Betroffenen entwickeln eine Art magisches Denken: „Wenn ich diesen Karton wegschmeiße, passiert ein schweres Unglück in der Familie.“

          Zwangsgestörte widmen solchen Gedanken enorme Aufmerksamkeit. Das kann zu weiteren Handlungen führen, etwa zu exzessivem Auf- und Umräumen. Die Patienten leiden unter beidem. „Sie wollen eigentlich nicht zwischen Müllbergen leben oder zehn Stunden am Tag ihre Bleistifte sortieren“, sagt Sina Kohl. Doch der dunkle Drang ist stets stärker. Krankhaftes Horten und überpenibles Ordnen basieren letztlich auf demselben Grundkonflikt: der maßlosen Sorge, die Kontrolle über sich und seine Umwelt zu verlieren.

          Das Syndrom kann verschiedene Ausprägungen annehmen. Mancher Messie nimmt es lethargisch hin, dass seine Wohnung mehr und mehr vermüllt. In solchen Fällen werden meist auch noch die letzten sozialen Kontakte abgebrochen; zu groß ist die Scham, dass es zu Hause nicht so aussieht wie bei anderen. Auf gutgemeinte Hilfsangebote von Freunden oder Bekannten, gemeinsam den „Müll“ zu entsorgen, reagieren die Gequälten mit Panik. „Was für andere totes oder unbrauchbares Material ist, haben sie längst symbolisch verlebendigt“, sagt Sina Kohl.

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