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Nürnberger Hausbücher im Internet : Das Handwerker-Seniorenheim

In zwei Nürnberger Armenhäusern führte man über jeden Bewohner Buch und malte sein Porträt. Seit dem 14. Jahrhundert kamen so Daten zu mehr als tausend ganz normalen Menschen zusammen - ein echter Schatz. Jetzt ist er im Internet zugänglich.

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          Hans Pydendorffer war ein einfacher Mann: Er lebte als sogenannter Grünfischer in Nürnberg, lief also bis ins hohe Alter mit dem Kescher durch seichte Flüsse, solange er eben konnte. Dann, mit 95 Jahren, bezog er am 1. Dezember 1549 ein achteinhalb Quadratmeter großes Zimmer im Erdgeschoss des Mendelschen Zwölfbrüderhauses, einem im späten 14. Jahrhundert errichteten dreistöckigen Gebäude mit Brunnen und Badehaus im Hof. Pydendorffer, auch "Zott Hanß" genannt, zog die vorgeschriebene Kutte an und hatte von nun an Kost und Logis frei - zwei warme Mahlzeiten am Tag, viermal die Woche Fleisch, zweimal je einen halben Liter Bier. Als Gegenleistung wurden von ihm Gebete und Gottesdienstbesuche erwartet. Als er am 6. Juni 1552 starb, war er fast hundert Jahre alt.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Normalerweise hinterlässt so ein Leben keine Spuren. Dass wir immerhin etwas über gerade Pydendorffer wissen und über Tausende andere Fischer nicht, die gleichzeitig mit ihm lebten, dass wir uns sogar eine vage Vorstellung von seiner äußeren Gestalt machen können, hat einen einfachen Grund: Die Betreiber des Armenhauses, in dem Pydendorffer die letzten zweieinhalb Jahre seines Lebens verbrachte, führten über sämtliche seiner "Brüder" genannten Bewohner Buch - und ließen jeden malen, mit allen Attributen seines Berufs.

          Einzigartige Quelle

          So verzeichnet das im Verlauf der Jahrhunderte entstandene Sammelwerk bis zur Aufhebung des Stifts im Jahr 1806 in drei schweren Bänden auf insgesamt 876 Seiten 776 ganzseitige Handwerkerporträts, versehen mit Bemerkungen zum Alter der Brüder, zu ihren Berufen, ihren Krankheiten und ihrem Betragen. Ebenfalls aufgenommen wurden die sogenannten Pfleger, also die jeweiligen Aufseher des Stifts, die Schaffer, die sich um die Versorgung der Brüder kümmerten, sowie die wechselnden Köchinnen - eine einzigartige Quelle zur Sozialgeschichte der kleinen Leute seit dem späten Mittelalter.

          Der Schachtelmacher Claus Schach (um 1520 - 1558), der auch vom Spielzeugschnitzen lebte.

          Dass dieser Schatz, zusammen mit den ganz ähnlichen Hausbüchern eines zweiten Nürnberger Armenhauses, das ebenfalls von einer reichen Familie der Stadt gestiftet worden war, die Zeiten nahezu unbeschadet überstanden hat und heute in der Nürnberger Stadtbibliothek behütet wird, ist ein mittleres Wunder. Dass beide Sammlungen nun aber mit Hilfe des Germanischen Nationalmuseums gehoben werden, indem sie, digitalisiert und durch Schlagworte mit diversen Suchfunktionen (etwa zu Beruf, Krankheiten oder Namen), erschlossen wurden und seit kurzem online verfügbar sind, ist ein Fest nicht nur für Forscher. Wer will, kann in der Datenbank unter Hunderten von vergessenen Berufen wie Barettmacher, Kannengießer oder Schalenschroter wählen, nach Werkzeugen wie Lanzette oder Schnurfässchen suchen oder ermitteln, was für Menschen an Epilepsie, Tuberkulose oder Gesichtslähmung gelitten haben.

          Die Lage der Handwerker

          Zu den Vorzügen dieser durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderten Digitalisierung gehört, dass der Kunsthistoriker Sven Hauschke anhand der Bilder, der Berufsbezeichnungen und der genannten Gebrechen noch die kuriosesten dieser Arbeitsgeräte und Krankheiten erläutert und beschrieben hat: So birgt etwa das Schnurfässchen einen aufgerollten, gefärbten Faden, mit dem der Zimmermann eine Linie auf einem Balken anbringen kann, und die Lanzette braucht der Barbier, wenn er einen seiner Kunden zur Ader lässt.

          In der Zusammenschau der in den Hausbüchern der Mendelschen wie auch der später nach ihrem Muster gegründeten Landauerschen Stiftung Verzeichneten wird so die ganze Bandbreite einer Handwerkerschaft sichtbar, die sich durch ihren Status als Nürnberger Bürger sozial nach unten hin abgrenzt, aber durch ihre Altersarmut auch von den situierten Unternehmern der Stadt geschieden ist: So ist das 1388 gestiftete Mendelsche Zwölfbrüderhaus laut Satzung für jeweils zwölf Bewohner vorgesehen, "die sullen sein alt, kranck und arm, die sich mit eygner arbeyt und eygner habe furpas nit generen mügen und eyns, das ir wartet und phliget".

          Aufgenommen wurde also, wer zu alt und krank ist, um noch zu arbeiten. Im Übrigen mussten die Aspiranten von tadellosem Ruf sein und nicht dauerhaft pflegebedürftig oder bettlägerig - in dem Fall mussten sie in ihre Familie zurückkehren oder um Aufnahme in ein Spital ersuchen, wurden aber weiterhin als Brüder geführt und von der Stiftung ernährt. Tatsächlich waren, auch das geht aus den Hausbüchern hervor, die Brüder keineswegs von ihrem gewohnten sozialen Umfeld abgeschnitten. Sie wohnten und aßen im Armenhaus, pflegten aber sonst nach Möglichkeit ihre alten Kontakte.

          Strenge Satzungen

          Von einem Bruder lesen wir, der zu Tode kam, als er nach einem mehrere Kilometer langen Fußmarsch in eine benachbarte Siedlung auf dem Rückweg gefallen war. Andere verheirateten sich neu und verließen das Haus, was einer von ihnen, der Rotschmied Jacob Krafft, sogar mit dem Leben bezahlte: Er war am 14. Januar 1628 als immerhin Siebzigjähriger ins Landauersche Zwölfbrüderhaus aufgenommen worden, verließ es wegen einer Frau, die er dann noch nicht mehr ehelichen wollte, und bat um Wiederaufnahme ins Stift, was ihm laut Satzung nicht gestattet wurde. Weil aber, wie das Hausbuch ausdrücklich - und unüberhörbar als Warnung an künftige liebestolle Greise - vermerkt, nicht einmal Almosen an ausgeschiedene Brüder gegeben werden dürften, ist Jacob Krafft bald darauf verhungert.

          Solche und ähnliche Geschichten überliefern die Hausbücher, die bislang größtenteils unveröffentlicht geblieben sind. Weil der Leumund der Brüder bei ihrer Aufnahme eine so entscheidende Rolle spielte, wird ihr Betragen im Armenhaus eben auch festgehalten, wenn es zu Klagen Anlass gibt. Das ist nicht nur der Rechtfertigung oder Widerlegung der Aufnahmeentscheidung geschuldet, sondern ist für eine Gemeinschaft von zwölf alten Männern, die einigermaßen eng zusammenleben müssen, von großer Bedeutung. Das erstreckt sich auch auf das Personal: So gibt es einen Zeitraum im siebzehnten Jahrhundert, in dem die Köchinnen der Mendelschen Stiftung einigermaßen rasch wechseln, weil sie zänkisch, geizig oder unehrlich sind - eine von ihnen, Babette Groß von Banzen, musste 1693 nach nur einem Jahr das Haus wieder verlassen und sei bald darauf "narret geworden". Irgendjemand hat später ihrem Porträt Schnurrbart und Brille verpasst.

          Die Häuser stehen nicht mehr

          Spuren im Stadtbild haben die Zwölfbrüderhäuser kaum hinterlassen: Wo die Mendelsche Stiftung war, steht nun die Bibliothek des Germanischen Nationalmuseums, und vom Armenhaus der Landauer hat sich immerhin die zugehörige Allerheiligenkapelle erhalten, die heute in eine Schule integriert ist. Hätten wir die Hausbücher nicht, erinnerte nichts mehr an die Stiftungen und ihre Bewohner.

          Und auch Hans Pydendorffer hat es wohl einem besonderen Umstand zu verdanken, dass er ins Stift aufgenommen wurde und so die Zeiten überdauert hat: "Dyser grun vischer", notiert Hieronymus Schurstab, der damalige Verwalter des Stifts, über dem Porträt von Pydendorffer, "hat mich den 11 tag martii 1512 auß der tauff gehoben". Seinen Patenonkel lässt man eben nicht verkommen.

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