https://www.faz.net/-gwz-9ngkm

Noch nicht vorbei mit der Krabbelei

Von GEORG RÜSCHEMEYER
Foto: Getty

07.06.2019 · Pla­ge oder Ra­ri­tät? Der Mai­kä­fer ist bei­des. Nach sei­nem Bei­na­he-Ab­gang in den sieb­zi­ger Jah­ren geht es ihm in man­chen Ge­gen­den Deutsch­lands wie­der ziem­lich gut.

Z wei Erz­pries­ter im vol­len Or­nat ver­kün­de­ten die Vor­la­dung: Die Be­schul­dig­ten hät­ten zum Ge­richts­ter­min am Ho­fe des Bi­schofs von Avi­gnon zu er­schei­nen. Im­mer­hin wur­de den Mai­kä­fern, die 1320 rund um die süd­fran­zö­si­sche Stadt ihr Un­we­sen trie­ben, ein Rechts­bei­stand zu­ge­si­chert. Der be­ton­te spä­ter in Ab­we­sen­heit der trotz al­lem dem Pro­zess fern­ge­blie­be­nen An­ge­klag­ten, dass auch Krab­bel­tie­re als gott­ge­schaf­fe­ne Krea­tu­ren ein An­recht dar­auf hät­ten, ihr Fut­ter zu su­chen. Sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on fand bei den Rich­tern Ge­hör: Das Ur­teil be­fahl den Mai­kä­fern, sich auf ein ei­gens für sie mar­kier­tes Feld zu­rück­zu­zie­hen, auf dem es ge­nug Nah­rung für sie ge­be. Kä­men sie die­ser Auf­for­de­rung nicht bin­nen drei­er Ta­ge nach, wür­den sie als vo­gel­frei be­han­delt und aus­ge­rot­tet.

Die Aus­rot­tung des Mai­kä­fers blieb ein from­mer Wunsch, wenn auch ein ver­ständ­li­cher. Denn das ge­frä­ßi­ge In­sekt, das in Deutsch­land haupt­säch­lich als Feld­mai­kä­fer (Melo­lon­tha melo­lon­tha) und als der et­was klei­ne­re Wald­mai­kä­fer (Melo­lon­tha hip­po­cas­ta­ni) zu fin­den ist, kann in Land- und Forst­wirt­schaft zu ei­ner ve­ri­ta­blen Pla­ge wer­den, tritt es, wie da­mals in der Pro­vence, in Mas­sen auf.

Foto: Getty

In ih­rem nur we­ni­ge Wo­chen wäh­ren­den Le­ben als fer­tig ent­wi­ckel­te Ima­gi­nes ge­hen die Kä­fer mit Heiß­hun­ger auf das Laub von Wald- und Obst­bäu­men los. Ei­che, Bu­che und Ahorn kön­nen ei­nen Kahl­fraß im Früh­jahr zwar durch ei­nen zwei­ten Aus­trieb, den Jo­han­nis­trieb, oft aus­glei­chen. Viel schlim­mer je­doch sind die Um­trie­be des Mai­kä­fers im Un­ter­grund. Dort­hin ver­zieht sich das Weib­chen nach ei­ner mehr­stün­di­gen Ko­pu­la­ti­on, um meh­re­re Ge­le­ge von 25 bis 30 weiß­li­chen Ei­ern zu de­po­nie­ren. Die dar­aus schlüp­fen­den, „En­ger­lin­ge“ ge­nann­ten Lar­ven sind die wah­ren Fein­de der Bau­ern und Förs­ter. Je nach Tem­pe­ra­tur fres­sen sie sich zwei bis drei Jah­re lang ziem­lich wahl­los an Wur­zeln von Grä­sern, Kräu­tern, Bäu­men und auch von al­ler­lei Acker­pflan­zen satt. Nach drei Häu­tun­gen sind sie dann fast fin­ger­dick und reif für die Ver­pup­pung. Schä­den sind schon ab zwei oder drei sol­cher gro­ßen, hung­ri­gen En­ger­lin­ge pro Qua­drat­me­ter zu be­fürch­ten. In Ex­trem­fäl­len kön­nen es auf die­ser Flä­che aber auch mehr als hun­dert Lar­ven sein, die dann vom Wur­zel­werk der dar­über wach­sen­den Pflan­zen nicht viel üb­rig las­sen.

Ge­gen ei­ne der­art macht­vol­le Gras­wur­zel­be­we­gung konn­te die wie­der­hol­te Ver­dam­mung des Mai­kä­fers durch geist­li­che Ge­rich­te we­nig aus­rich­ten. Bis weit ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein wa­ren die bei­den in Mit­tel­eu­ro­pa gän­gi­gen Mai­kä­fer­ar­ten sehr ver­brei­tet und ka­men im­mer wie­der in ge­wal­ti­gen Mas­sen vor, wenn auch Schil­de­run­gen in al­ten Quel­len manch­mal phan­tas­ti­sche Zü­ge an­neh­men.


„Seit den An­fän­gen der ge­gen­wär­ti­gen Mas­sen­ver­meh­rung im Jahr 1985 er­freu­en sich un­se­re Wald­mai­kä­fer aber lei­der bes­ter Ge­sund­heit. Die Gra­da­ti­on hält an, ein En­de ist nicht in Sicht.“
Ralf Schepp, Lei­ter des Forst­amts Lam­pert­heim

Gut be­legt da­ge­gen ist das Mas­sen­flug­jahr 1938 in Schles­wig-Hol­stein, wo die Be­hör­den ei­ne „Mai­kä­fer­schlacht“ aus­rie­fen und Ab­lie­fe­rungs­prä­mi­en von bis zu fünf Pfen­ni­gen pro Ki­lo zahl­ten. Zwei­hun­dert Ton­nen Mai­kä­fer ka­men so zu­sam­men, bei ei­nem Ge­wicht von et­wa ei­nem Gramm pro In­di­vi­du­um ent­sprach dies rund zwei­hun­dert Mil­lio­nen In­di­vi­du­en. Mit den Kä­fer­mas­sen wur­den Schwei­ne und Hüh­ner ge­mäs­tet, doch auch Men­schen wuss­ten da­mals noch das an Krebs­fleisch er­in­nern­de Aro­ma ei­ner Mai­kä­fer­sup­pe zu schät­zen. Die Tier­chen wur­den da­für ent­beint, in But­ter ge­rös­tet und als Ein­la­ge in ei­ner Bouil­lon zu ge­rös­te­tem Brot ge­reicht. In die Schlacht ge­gen den Mai­kä­fer wur­den vor al­lem Kin­der ge­schickt. Die klei­ne­ren un­ter ih­nen wuss­ten die brau­nen Brum­mer als Spiel­zeug zu schät­zen: Die schöns­ten Ex­em­pla­re lan­de­ten in Schuh­kar­tons, und wenn sie nicht ge­ra­de wie in Max’ und Mo­ritz’ fünf­tem Streich dem On­kel ins Bett ge­legt wur­den, konn­te man sie mit gleich­ge­sinn­ten Kä­fer­jä­gern tau­schen. Je nach Grö­ße und Fär­bung hat­ten die Tie­re un­ter­schied­li­chen Han­dels­wert: Dunk­le, kaum be­haar­te „Schorn­stein­fe­ger“ und von hel­len Flaum­haa­ren be­deck­te „Mül­ler“ wa­ren be­gehrt, am wert­volls­ten je­doch wa­ren die sel­te­nen, röt­lich ge­färb­ten „Kai­ser“.

A ll das ist lan­ge her. Denn nach dem Zwei­ten Welt­krieg ging es mit dem al­ten Wunsch end­lich vor­an, den Mai­kä­fer statt in rea­le Wur­zeln end­lich ins me­ta­pho­ri­sche Gras bei­ßen zu las­sen. Dies­mal griff man im Wirt­schafts­wun­der­deutsch­land zum In­sek­ti­zid DDT. Des­sen Wir­kung war der­art durch­schla­gend, dass der Lie­der­ma­cher Rein­hard Mey 1974 mit der Bal­la­de „Es gibt kei­ne Mai­kä­fer mehr“ ei­nen Ab­ge­sang auf sei­ne ent­fern­ten Na­mens­vet­tern an­stimm­te: „Viel­leicht ängs­tigt mich ihr Fort­gehn, denn viel­leicht schließ ich dar­aus/Viel­leicht gehn uns die Mai­kä­fer nur ein klei­nes Stück vor­aus“. Die eins­ti­ge Land­pla­ge wur­de zum Sym­bol ei­ner vom Men­schen zer­stör­ten und ver­gif­te­ten Na­tur. Und tat­säch­lich: Als der Kie­ler Ab­le­ger der Bio­lo­gi­schen Bun­des­an­stalt im glei­chen Jahr 1974 Bür­ger da­zu auf­rief, Mai­kä­fer ab­zu­lie­fern, ka­men trotz ei­ner sat­ten Kopf­prä­mie von fünf Mark pro Stück nur sechs Krabb­ler zu­sam­men. Die Stutt­gar­ter Wil­hel­ma wid­me­te den rar ge­wor­de­nen Kä­fern da­mals so­gar ein ei­ge­nes Ge­he­ge.

Mit­te der Sieb­zi­ger war der Tief­punkt für den deut­schen Mai­kä­fer. Dank des bun­des­wei­ten Ver­bots von DDT im Jahr 1972 (die DDR folg­te suk­zes­si­ve bis En­de der Acht­zi­ger) kam der Kä­fer, der nie ganz weg ge­we­sen war, bald mit Macht zu­rück. Mit­te der acht­zi­ger Jah­re wur­den die Tie­re im Süd­wes­ten des Lan­des nach lan­gen Jah­ren der Ru­he wie­der zur Land­pla­ge. Seit­her häu­fen sich die Mel­dun­gen über Mas­sen­ver­meh­run­gen. Und doch ken­nen Kin­der heu­te kei­ne Schorn­stein­fe­ger, Mül­ler oder Kai­ser mehr, für die meis­ten Deut­schen sind Mai­kä­fer ein An­blick mit Sel­ten­heits­wert.

Die­se Dis­kre­panz lässt sich zum Teil mit na­tür­li­chen Be­stands­schwan­kun­gen er­klä­ren. Wäh­rend der Ent­wick­lung der En­ger­lin­ge be­kommt man vom Mai­kä­fer näm­lich nicht viel zu se­hen. Erst wenn der fer­ti­ge Kä­fer sei­ne un­ter­ir­di­sche Pup­pen­stu­be in den ers­ten war­men Früh­lings­ta­gen ver­lässt, um sei­nen Jung­fern­flug an­zu­tre­ten, wird uns sei­ne Exis­tenz be­wusst. Die­ser Ent­wick­lungs­zy­klus dau­ert im deut­schen Kli­ma vier, im war­men Sü­den manch­mal auch nur drei Jah­re und ver­läuft für die meis­ten An­ge­hö­ri­gen ei­ner lo­ka­len Po­pu­la­ti­on syn­chron. Auf ein so­ge­nann­tes Haupt­flug­jahr fol­gen drei Jah­re, in de­nen nur sehr we­ni­ge Kä­fer zum Vor­schein kom­men. Das hat für sie den Vor­teil, dass Vö­geln, Fle­der­mäu­sen und an­de­ren Räu­bern die brau­nen Brum­mer in Flug­jah­ren bald buch­stäb­lich zum Hals her­aus­hän­gen, wäh­rend sie in den Jah­ren da­zwi­schen ih­ren Mai­kä­fer­hun­ger zü­geln müs­sen. Die Jä­ger kön­nen sich al­so nie auf ste­te Beu­te ver­las­sen. Per­fek­tio­niert ha­ben die­se Stra­te­gie ame­ri­ka­ni­sche Sing­zi­ka­den der Gat­tung Ma­gi­ci­ca­da, de­ren Ima­gi­nes nur al­le 13 oder 17 Jah­re an der Ober­flä­che er­schei­nen, dann aber um­so zahl­rei­cher.

„Für un­se­re süd­hes­si­schen Mai­kä­fer fal­len die Flug­jah­re im­mer mit den Fuß­ball­welt­meis­ter­schaf­ten zu­sam­men“, er­klärt Ralf Schepp, der Lei­ter des Forst­amts Lam­pert­heim in Süd­hes­sen. „Das letz­te war 2018, mo­men­tan be­fin­den sich die En­ger­lin­ge im Bo­den im ers­ten oder zwei­ten Lar­ven­sta­di­um, 2022 geht es dann wie­der los. Bei den Kol­le­gen vom Forst­amt Ha­nau-Wolf­gang hat sich in den ver­gan­ge­nen zwan­zig Jah­ren ei­ne un­ab­hän­gi­ge Po­pu­la­ti­ons­wel­le ent­wi­ckelt, die zwei Jah­re ver­setzt zur Eu­ro­pa­meis­ter­schaft zum Vor­schein kommt.“ In den Wäl­dern des Forst­amts Lam­pert­heim kommt es seit Mit­te der acht­zi­ger Jah­re zu ei­ner er­neu­ten Gra­da­ti­on, al­so ei­ner lang­fris­ti­gen Mas­sen­ver­meh­rung des Wald­mai­kä­fers. Sol­che Gra­da­tio­nen über­la­gern als gro­ße, Jahr­zehn­te wäh­ren­de Zy­klen das ent­wick­lungs­be­ding­te Auf und Ab vie­ler In­sek­ten­po­pu­la­tio­nen. Die Theo­rie da­zu lau­tet: Un­ter güns­ti­gen Be­din­gun­gen kommt es über Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg zu ei­nem An­schwel­len der Be­stän­de, bis schließ­lich ein Kul­mi­na­ti­ons­punkt er­reicht ist, an dem Krank­hei­ten oder die Zer­stö­rung der ei­ge­nen Nah­rungs­grund­la­ge zum Zu­sam­men­bruch füh­ren. „Das ist in den Lam­pert­hei­mer Fors­ten zu­letzt En­de der vier­zi­ger Jah­re in­fol­ge von Pa­ra­si­tie­rung pas­siert“, sagt Schepp. „Seit den An­fän­gen der ge­gen­wär­ti­gen Mas­sen­ver­meh­rung im Jahr 1985 er­freu­en sich un­se­re Wald­mai­kä­fer aber lei­der bes­ter Ge­sund­heit. Die Gra­da­ti­on hält an, ein En­de ist nicht in Sicht.“ Ver­mut­lich sei­en die Be­din­gun­gen für die Kä­fer durch die Grund­was­ser­ab­sen­kung und die Kli­ma­er­wär­mung noch bes­ser ge­wor­den. Das ma­che das Auf­fors­ten mit jun­gen Laub­bäu­men zwar nicht un­mög­lich, aber doch zu ei­nem Ge­schäft mit ho­hen Aus­fall­ra­ten. Dies er­schwe­re auch den öko­lo­gi­schen Wal­d­um­bau weg von Na­del­baum­mo­no­kul­tu­ren und hin zu ei­nem Misch­wald.


„Wir ha­ben es 2006 mit ei­nem bio­lo­gi­schen In­sek­ti­zid aus dem in­di­schen Neem-Baum ver­sucht. Oh­ne Er­folg.“
Ralf Schepp, Lei­ter des Forst­amts Lam­pert­heim in Süd­hes­sen

Kann man da über­haupt nichts ma­chen? „Wir ha­ben es 2006 mit ei­nem bio­lo­gi­schen In­sek­ti­zid aus dem in­di­schen Neem-Baum ver­sucht“, sagt Schepp. „Oh­ne Er­folg. Ef­fek­tiv ist die Be­kämp­fung des Mai­kä­fers nur wäh­rend der Flug­zeit mit kon­ven­tio­nel­len In­sek­ti­zi­den und vom Hub­schrau­ber aus mög­lich. Aber da­für müss­te man bei uns un­ge­fähr 10.000 Hekt­ar Wald mit dem Ziel be­han­deln, min­des­tens 95 Pro­zent der Kä­fer zu er­wi­schen.“ Halb­her­zi­ge Ak­tio­nen da­ge­gen wür­den die Po­pu­la­ti­on eher sta­bi­li­sie­ren, da man sie dann nur im­mer wie­der in die Auf­bau­pha­se ei­ner Mas­sen­ver­meh­rung zu­rück­ver­set­ze. Weil ein flä­chen­de­cken­des Ver­sprü­hen von Gift we­der prak­ti­ka­bel noch öko­lo­gisch wün­schens­wert sei, müs­se man den Mai­kä­fer im Hes­si­schen Ried wohl oder übel als Rah­men­be­din­gung für Forst­wirt­schaft und Wal­döko­sys­te­me ak­zep­tie­ren. Oder an­ders ge­sagt: dem Trei­ben der Kä­fer zu­se­hen und auf ei­nen bal­di­gen Zu­sam­men­bruch der Gra­da­ti­on hof­fen.

Ist der von Rein­hard Mey be­klag­te Bei­na­he-Ab­gang des Mai­kä­fers al­so nur ein his­to­ri­sches Zwi­schen­spiel be­zie­hungs­wei­se ei­ne durch sein wech­sel­haf­tes Auf­kom­men be­ding­te Wahr­neh­mungs­täu­schung? Kei­nes­wegs, meint der Fil­der­städ­ter Kä­fer­ex­per­te Jür­gen Traut­ner, der seit mehr als drei­ßig Jah­ren als tier­öko­lo­gi­scher Gut­ach­ter ar­bei­tet. „Ab­ge­se­hen von den be­kann­ten Wald­mai­kä­fer-Pro­blem­ge­bie­ten am Ober­rhein, gibt es zwar auch an­ders­wo im­mer wie­der lo­kal stär­ke­re Vor­kom­men der bei­den Ar­ten. Aber die sind auf kei­nen Fall mehr in der Grö­ßen­ord­nung frü­he­rer Ka­la­mi­tä­ten und zeit­lich wie räum­lich sehr viel sel­te­ner.“ Zwi­schen we­ni­gen Mai­kä­fer-Hot­spots lie­gen al­so gan­ze Re­gio­nen, in de­nen man nur mit viel Glück über­haupt ein­mal Mai­kä­fer zu se­hen be­kommt. Das liegt auch an der Träg­heit des er­wach­se­nen Tiers: Ob­wohl er ganz pas­sa­bel mit tie­fem Brumm­ton flie­gen kann, be­wegt sich der Mai­kä­fer in der Pra­xis nicht weit. Schlüp­fen, Fres­sen, Paa­ren, Ei­er­le­gen – all dies ge­schieht auf en­gem Raum. Die Be­sied­lung neu­er Le­bens­räu­me ver­läuft dem­entspre­chend schlep­pend.


„Wenn man sich die Fül­le der In­di­zi­en für die vie­len ver­schie­de­nen In­sek­ten­grup­pen an­sieht, be­stä­tigt sich das Bild von ei­nem ge­ne­rel­len In­sek­tenster­ben, über das zur­zeit so viel dis­ku­tiert wird, doch deut­lich.“
Dirk Ah­rens, Ku­ra­tor der Kä­fer­samm­lung am For­schungs­mu­se­um Ko­enig in Bonn

D ie re­gio­nal noch im­mer sehr ge­rin­gen Zah­len an Mai­kä­fern schmer­zen nicht nur Kä­fer­freun­de, so Traut­ner, son­dern auch in­sek­ten­fres­sen­de Vö­gel wie den sel­te­nen Wie­de­hopf. Der hat­te es frü­her in Mai­kä­fer­jah­ren leicht, sei­nen Jun­gen die Schnä­bel zu stop­fen. „Frü­her gab es auf je­den Fall sehr viel flä­chen­de­cken­der sehr viel mehr Ex­em­pla­re“, meint auch Dirk Ah­rens, Ku­ra­tor der Kä­fer­samm­lung am For­schungs­mu­se­um Ko­enig in Bonn (sie­he „Weißt du, wie viel Kä­fer flie­gen?“). Aber das be­tref­fe ja nicht nur Melo­lon­tha, auch vie­le an­de­re In­sek­ten wür­den im­mer sel­te­ner. „Wenn man sich die Fül­le der In­di­zi­en für die vie­len ver­schie­de­nen In­sek­ten­grup­pen an­sieht, be­stä­tigt sich das Bild von ei­nem ge­ne­rel­len In­sek­tenster­ben, über das zur­zeit so viel dis­ku­tiert wird, doch deut­lich.“

Ei­nig sind sich die bei­den Ko­le­opte­ro­lo­gen, dass In­sek­ti­zi­de, die einst dem Mai­kä­fer fast den Gar­aus ge­macht hät­ten, heu­te nicht mehr der Haupt­grund für den Rück­gang von In­sek­ten in Deutsch­land sind. Schwe­rer wie­ge in­zwi­schen für vie­le Ar­ten der schwin­den­de Le­bens­raum in ei­ner im­mer in­ten­si­ver ge­nutz­ten Land­schaft. „Heu­te wer­den noch die letz­te Bra­che und der letz­te Acker­rain nutz­bar ge­macht, die frü­he­re Viel­falt von Struk­tu­ren weicht ei­ner Ein­heits­land­schaft“, sagt Jens Es­ser, Kä­fer- und In­sek­ten­ex­per­te vom Na­bu Ber­lin. Ein­zel­ne Ar­ten mö­gen von der auf­ge­räum­ten Land­schaft so­gar pro­fi­tie­ren, un­term Strich je­doch ver­armt die In­sek­ten­fau­na.

Da hel­fe auch der Trend zum Bio­land­bau we­nig, meint Dirk Ah­rens. „Ge­ne­rell ist Land­wirt­schaft durch das Um­bre­chen des Bo­dens un­güns­tig für In­sek­ten, de­ren Lar­ven sich im Un­ter­grund ent­wi­ckeln. Für den Mai­kä­fer-En­ger­ling macht es da kei­nen Un­ter­schied, ob der Trak­tor von ei­nem Bio­bau­ern ge­fah­ren wird oder nicht.“ Doch es ge­be noch vie­le an­de­re Grün­de für den In­sek­ten­schwund in un­se­rer Kul­tur­land­schaft, die den Kerb­tie­ren einst so reich­hal­ti­ge Le­bens­räu­me bot. Prä­ven­tiv ver­ord­ne­te Wurm­mit­tel im Kot von Wei­de­vieh et­wa sei­en Gift für die reich­hal­ti­ge Fau­na von Kuh­fla­den, die des­halb lang­sa­mer ab­ge­baut wur­den und mehr des Treib­haus­ga­ses Me­than frei­setz­ten. An­de­re Grün­de sei­en die Flä­chen­ver­sieg­le­ung durch sich aus­deh­nen­de Stadt­ge­bie­te, aber auch die vie­len exo­ti­schen Ge­wäch­se in Gär­ten, die hei­mi­schen In­sek­ten we­nig bo­ten. Ein grund­le­gen­des Pro­blem bei der Be­wer­tung des In­sek­ten­schwunds sei je­doch der Man­gel an Da­ten, um die grund­le­gen­de Fra­ge zu be­ant­wor­ten „Wel­che Ar­ten le­ben wo und in wel­cher Zahl?“. Für den Schutz der sechs­bei­ni­gen Viel­falt könn­ten pro­mi­nen­te Ar­ten wie der Mai­kä­fer ei­ne wich­ti­ge Flagg­schiff-Funk­ti­on über­neh­men, als Stell­ver­tre­ter für all die Aber­tau­sen­den von In­sek­ten­ar­ten, de­ren Na­men nur Spe­zia­lis­ten ge­läu­fig sind.

Am Ober­rhein wür­de man gern et­was we­ni­ger von die­sem Flagg­schiff se­hen. Für ein durch­schnitt­li­ches Flug­jahr rech­nen die Lam­pert­hei­mer Förs­ter mit rund vier Mai­kä­fern pro Qua­drat­me­ter, bei ei­ner Wald­flä­che von über 16.000 Hekt­ar kommt da ei­ne hüb­sche, neun­stel­li­ge Zahl von Kä­fern her­aus. Viel­leicht soll­te man es dort noch mal mit ei­ner ganz al­ten Me­tho­de ver­su­chen und die Kä­fer mit geist­li­chem Nach­druck zum Ver­las­sen des Forst­ge­biets auf­for­dern. Wie viel Wir­kung das 1320 in Avi­gnon zeig­te, ist al­ler­dings nicht über­lie­fert.


Weißt du, wie viel Käfer fliegen?

Fra­gen an den Bon­ner En­t­o­mo­lo­gen Dirk Ah­rens
Gleich 127 neue Arten von indischen Mini-Maikäfern entdeckten Entomologen in den Sammlungen von Naturkundemuseen. Foto: Archiv

Herr Ah­rens, vor zwei Jah­ren ha­ben Sie zu­sam­men mit ih­rer Kol­le­gin Sil­via Fa­bri­zi auf ei­nen Schlag 127 Ar­ten von Mai­kä­fern aus dem in­di­schen Sub­kon­ti­nent erst­mals wis­sen­schaft­lich be­schrie­ben. Wie viel Zeit muss­ten Sie da­für in In­di­en ver­brin­gen?

Gar kei­ne! Die Ty­pus­ex­em­pla­re für un­se­re Erst­be­schrei­bun­gen kom­men aus vier­zig Mu­se­en, von gro­ßen wie in Ber­lin, Pa­ris oder Lon­don bis hin zu ganz klei­nen Samm­lun­gen in al­ler Welt.

Wur­den die Tie­re dort nicht als neue Ar­ten er­kannt?

Es gibt in Eu­ro­pa min­des­tens fünf­zig grö­ße­re Na­tur­kun­de­mu­se­en, die ste­tig wach­sen­de Samm­lun­gen be­her­ber­gen. Nun gibt es nicht an je­dem Mu­se­um Spe­zia­lis­ten für je­de Grup­pe von Kä­fern. Des­halb sam­melt sich dort sehr viel un­be­ar­bei­te­tes, nur grob vor­sor­tier­tes Ma­te­ri­al an. Für die Mi­ni-Mai­kä­fer aus der Grup­pe der Se­ri­ci­ni, an de­nen ich ar­bei­te, gab es fast hun­dert Jah­re lang gar kei­ne Ex­per­ten.

Und nun kennt man Sie welt­weit als Ex­per­ten für Se­ri­ci­ni ...

Schon. Aber auch ich ken­ne nicht al­le Ver­tre­ter die­ser Grup­pe. Es gibt ja an die 400.000 be­schrie­be­ne Ar­ten von Kä­fern. Des­we­gen gibt es für je­de Grup­pe Spe­zia­lis­ten, de­nen an­de­re Kä­fer­for­scher ihr vor­sor­tier­tes Ma­te­ri­al schi­cken. Aber auch die­se Ex­per­ten ken­nen nicht al­les aus dem Eff­eff. Mei­ne Se­ri­ci­ni al­lein ha­ben zum Bei­spiel schon rund 4000 Ar­ten. Von 1000, 2000 Ar­ten in ei­ner Grup­pe an hört es auf, dass man die noch al­lein über­bli­cken kann. Da hilft dann doch nur der Blick in die Ori­gi­nal­be­schrei­bun­gen und Bild­da­ten­ban­ken, was mit Hil­fe von Com­pu­tern aber we­sent­lich ein­fa­cher ge­wor­den ist.

Foto: Archiv

Wie ka­men Sie auf die Se­ri­ci­ni?

Das war ein Zu­fall vor zwan­zig Jah­ren. Ein Kol­le­ge mein­te: Küm­mer dich mal um die da, da gibt’s noch viel zu ent­de­cken. Wir ahn­ten nicht, dass es der­art viel wür­de. Äu­ßer­lich sind die Se­ri­ci­ni al­le ziem­lich gleich, von der Grö­ße und Far­be ei­ner Kaf­fee­boh­ne. Man be­stimmt die Tie­re vor al­lem an­hand des Ge­ni­tal­or­gans der Männ­chen. Oh­ne das her­aus­zu­prä­pa­rie­ren und un­term Mi­kro­skop an­zu­schau­en, kann man die ein­zel­nen Ar­ten kaum aus­ein­an­der­hal­ten. Wie auch bei an­de­ren In­sek­ten ist das Or­gan art­spe­zi­fisch ge­formt. Das ver­hin­dert nach dem Prin­zip von Schlüs­sel und Schloss Paa­run­gen zwi­schen un­ter­schied­li­chen, aber ver­wand­ten Ar­ten.

Die Paa­rungs­or­ga­ne las­sen sich im­mer ge­nau ei­ner Art zu­ord­nen?

Um si­cher sein zu kön­nen, es mit zwei un­ter­schied­li­chen Ar­ten zu tun zu ha­ben, braucht man zahl­rei­che Ex­em­pla­re. Nur so lässt sich die na­tür­li­che Va­ria­bi­li­li­tät der Merk­ma­le in­ner­halb ei­ner Spe­zi­es er­mit­teln. Eben dar­an ha­pert es oft: Von vie­len Ar­ten, die neu ent­deckt wer­den, ha­ben wir nur we­ni­ge Ex­em­pla­re. Un­ge­fähr ein Drit­tel al­ler Art­be­schrei­bun­gen welt­weit be­ru­hen auf ei­nem ein­zi­gen Mu­se­ums­ex­em­plar. Und es wird im­mer schwie­ri­ger, die­se Lü­cken in den Be­le­gen zu schlie­ßen.

War­um?

Seit dem Na­go­ya-Pro­to­koll zur Bio­di­ver­si­tät, das 2014 in Kraft trat, ist die Feld­ar­beit für En­t­o­mo­lo­gen sehr viel schwie­ri­ger ge­wor­den. Da gibt es et­wa stren­ge Be­gren­zun­gen, wie vie­le Tie­re pro Art auf ei­ner Ex­kur­si­on ge­fan­gen wer­den dür­fen – das ist to­tal im­prak­ti­ka­bel. Zum ei­nen weiß man ja nicht, wie vie­le Tie­re ei­ner Art man im Feld ge­fan­gen hat, so­lan­ge man sie nicht im La­bor un­ter­sucht. Und zwei­tens braucht man eben ei­ne gro­ße Zahl von In­di­vi­du­en, um die na­tür­li­che Va­ria­bi­li­tät ei­ner Art zu er­ken­nen und zu stu­die­ren. Un­se­re Ar­beit wird uns von den Be­hör­den al­so im­mer schwe­rer ge­macht. Die den­ken, sie schüt­zen ih­re Na­tur, aber in Wirk­lich­keit ver­hin­dern sie die zeit­ge­mä­ße Er­fas­sung der Bio­di­ver­si­tät. Das trifft ins­be­son­de­re die Lai­en­for­scher, oh­ne de­ren Hil­fe wir, die we­ni­gen pro­fes­sio­nel­len En­t­o­mo­lo­gen, kaum et­was aus­rich­ten könn­ten. Heu­te be­kom­men sie oft kei­ne Sam­mel­ge­neh­mi­gun­gen und ma­chen es ent­we­der il­le­gal und lan­den manch­mal so­gar im Ge­fäng­nis. Oder sie ge­ben ihr Hob­by auf. Und das wie­der­um führt zum Nach­wuchs­pro­blem in der En­t­o­mo­lo­gie. Wenn wir hier in Deutsch­land mit Kin­dern raus­ge­hen wol­len, um Kä­fer zu sam­meln, brau­chen wir ei­nen Hau­fen Aus­nah­me­ge­neh­mi­gun­gen.

Foto: Archiv

Sind auch bei uns noch so vie­le neue Kä­fer zu ent­de­cken wie in In­di­en?

Es gibt in Deutsch­land un­ge­fähr 7000 be­schrie­be­ne Kä­fer­ar­ten. Das Po­ten­ti­al, hier noch neue Ar­ten zu fin­den, ist eher ge­ring. Denn bei uns gab und gibt es noch im­mer re­la­tiv vie­le Hob­by­samm­ler, die trotz al­ler Lü­cken doch ver­gleichs­wei­se gu­te Aus­sa­gen über die Be­stän­de er­lau­ben. Po­ten­ti­al für zahl­rei­che neue Ar­ten se­he ich hier­zu­lan­de eher für In­sek­ten­grup­pen wie Haut­flüg­ler oder Flie­gen. Das liegt an den Vor­lie­ben der Hob­by­samm­ler: Für schö­ne Kä­fer und Schmet­ter­lin­ge kön­nen sich ein­fach mehr Leu­te be­geis­tern als für un­schein­ba­re­re Wild­bie­nen oder Mü­cken.

Wie oft zie­hen Sie als haupt­be­ruf­li­cher En­t­o­mo­lo­ge noch durch Wald und Wie­sen, um Kä­fer zu sam­meln?

Da­für bleibt mir so gut wie gar kei­ne Zeit. Al­lein mit dem Ma­te­ri­al aus di­ver­sen Mu­se­en in mei­nem Bü­ro könn­te ich be­stimmt noch mal tau­send neue Ar­ten be­schrei­ben.

Die Fra­gen stell­te Ge­org Rü­sche­mey­er.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 07.06.2019 18:27 Uhr