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Nobelpreis für Gen-Schere : Entdeckung mit Sprengkraft

Ingenieurstechnik aus der Petrischale: mit mikrobiologischen Experimenten an Bakterien fing alles an. Bild: dpa

Der diesjährige Chemie-Nobelpreis für die Entwicklung der Gen-Schere markiert einen historischen Schnitt: Der Griff ins Erbgut wird Routine. Das weckt Hoffnungen und Erinnerungen. Einige davon sind zwiespältig.

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          Von diesem Nobelpreis redet man seit Jahren, und von ihm wird man wohl noch Jahrzehnte, wer weiß, vielleicht auch im nächsten Jahrhundert noch sprechen. Das hängt ganz davon ab, wie viel von den zahllosen Utopien und Dystopien Wirklichkeit werden, die hier so eng zusammenlaufen wie vorher vielleicht nur bei der Atomspaltung, für die Otto Hahn 1944 den Chemie-Nobelpreis erhielt. Eine Auszeichnung von existentiellem Rang also.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Für die „Entwicklung einer Methode zur Editierung des Genoms“ haben nun die am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie tätige französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier und die amerikanische Biochemikerin Jennifer Doudna von der University of California in Berkeley den diesjährigen Chemie-Nobelpreis erhalten. Wenn das Wort „verdient“ ein Superlativ hätte, es wäre, wissenschaftlich gesehen, auf die beiden anwendbar.

          „Crispr-Cas9“ hat buchstäblich alles verändert im Labor

          Die Entdeckung der beiden, die historisch gesehen praktisch über Nacht zum wichtigsten Werkzeug der Lebenswissenschaften und damit auch der Medizin und Pflanzenforschung geworden ist, hat die schwierigen Anfänge der Gentechnik vergessen gemacht – bei Forschern wohlgemerkt, bei Biotechnikern und auch bei der Wirtschaft. Die Gen-Schere „Crispr-Cas9“ hat buchstäblich alles verändert im Labor. Sie ist schon heute ein weltweites Milliardengeschäft. Aber wie auch bei der Entdeckung der Atomspaltung in den dreißiger Jahren liegt in dieser Entdeckung eine gewaltige gesellschaftliche Sprengkraft, über die sich schon in den wenigen Jahren seither jeder ein Bild machen konnte. „Ein elegantes System, den Code des Lebens umzuschreiben“, so beschrieb der Generalsekretär der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften, Göran Hansson, das „schärfste“ – weil genaueste – Werkzeug der Gentechniker. Für viele allerdings, die sich vor dem Editieren des Erbguts fürchten, ist die Gen-Schere dagegen eine der schärfsten und noch weitgehend ungeregelte Waffe.

          Bild: dpa

          Zwei Jahre ist es her, dass in China die ersten mit der Gen-Schere veränderten Menschen geboren wurden – unverantwortliche Menschenversuche und ein medizinethischer Tabubruch, der jetzt detailliert nachgezeichnet wurde.

          Den Crispr-Fortschritt hat dieser Skandal keine Sekunde beeinträchtigt. Im Gegenteil: Mit der Gewissheit, endlich bald auch segensreiche Eingriffe ins Erbgut zu Heilzwecken nutzen und den Hunger der Welt durch eine gewaltig beschleunigte Nutzpflanzenzüchtung bekämpfen zu können, reift die Methode immer schneller. Ein technologisches Herrschaftsinstrument, das janusköpfig bleibt und doch längst als unentbehrlich gilt. Und noch etwas jenseits der gesellschaftlich-politischen Tragweite verbindet dieser Chemie-Nobelpreis mit dem von 1944: Heute wie damals preschte die Nobelpreisversammlung mutig vor, sprach die höchste Auszeichnung Otto Hahn zu, aber nicht etwa Fritz Straßmann, Lise Meitner oder Otto Frisch, die ähnlich weit vorn lagen in der Aufklärung der Atomspaltung.

          Die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier, Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin.
          Die französische Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier, Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin. : Bild: AFP

          Diesmal sind es fast ein halbes Dutzend männliche Kandidaten, die ausgelassen wurden, und die den Weg ins Crispr-Zeitalter geebnet haben. Mit einigen davon liegen die Arbeitgeber der beiden Preisträgerinnen seit Jahren im Clinch um milliardenschwere Crispr-Patente – auch ein Grund, warum die Vergabe für viele überraschend kam und dennoch so voraussehbar war.

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