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Neuropsychologie : Unbewusste Spiegeleffekte

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Wir imitieren nicht nur unbewusst die Handlungen anderer Menschen, sondern reagieren auch auf Kontexte, in denen diese Handlungen stattfinden. Das haben Neuropsychologen nun mit einer Reihe von Experimenten gezeigt, die auch die Annahme von entsprechenden Spiegelneuronen stützen.

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          Wir beobachten unsere Mitmenschen nicht nur beständig, wir imitieren sie auch öfters. Meist unbewusst, und doch kann es auch passieren, dass man mitten in einer bestimmte Bewegung zu bemerken meint, dass unsere Bewegung - etwa eine Gangart, eine Geste, ein Gesichtsausruck - nur jene des Bekannten X sein kann. Dieses Phänomen lässt Psychologen und Neurowissenschaftler gleich an die Spiegelneuronen denken, deren erste Beispiele vor mehr als zwanzig Jahren bei Affen beschrieben wurden: Nervenzellen, die im Gehirn bei der Betrachtung der Bewegung einer anderen Person genau jene Aktivität zeigen, die sich auch dann einstellt, wenn wir selbst diese Bewegung ausführen. Später ließen sich vergleichbare Spiegelneuronen beim Menschen zum Beispiel im Broca-Zentrum nachweisen, das unter anderem für die Sprachverarbeitung von Bedeutung ist. Und inzwischen gehen die Wissenschaftler von einem ganzen System von Spiegelneuronen aus.

          Im Kontext dieser Annahme stehen auch Untersuchungen, die Wissenschaftler am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften durchgeführt haben. Sie interessierten sich für diesen „Chamäleon-Effekt“ der unbewusste Nachahmung, der einen Zusammenhang zwischen der beobachteten Bewegung und dem motorischen System des Beobachters nahelegt. Besonderes Augenmerk galt dabei der Frage, ob auch der Kontext einer beobachteten Handlung im Beobachter abgebildet wird und dessen Reaktion beeinflusst.

          Spiegelungen im Beobachter

          Um dies herauszufinden, wurden Reihen von Experimenten durchgeführt. Die Forscher zeigten beispielsweise Versuchspersonen Bilder von Händen, deren Finger teilweise fixiert waren oder nicht. Die Probanden wurden aufgefordert, ihre Zeige- oder Mittelfinger zu bewegen. Wurden ihnen Bilder gezeigt, bei denen Zeige- und Mittelfinger in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt waren, so verlangsamte sich die Reaktionsfähigkeit, mit denen die Versuchspersonen ihre Zeige- und Mittelfinger hoben. Dies war nicht der Fall, wenn ihnen Bilder gezeigt wurden, bei denen Daumen und Ringfinger in ihrer Bewegungsfähigkeit eingeschränkt waren, sie aber weiterhin mit ihrem Zeige- und Mittelfinger reagierten.

          Um auszuschließen, dass dieser Effekt allein auf einem Wahrnehmungsphänomen basierte, ermittelte das Forscherteam zusätzlich auch die Reaktionszeiten von Zehenbewegungen, nachdem sie den Versuchsteilnehmern dieselben Bilder gezeigt hatten - und konnten keine verlangsamten Reaktionszeiten feststellen. Dies bestätigt die Annahme, dass die Beobachtung einer Situation direkt vom Beobachter gespiegelt wird und so einen direkten Einfluss auf seine Reaktion hat.

          Motorisches gestütztes Erkennen

          Die Forscher ergänzten ihre Experimente durch Messungen von „Ereigniskorrelierten Potentialen“ (EKPs) im menschlichen Gehirn. Diese EKPs lassen sich aus Messungen der elektrischen Gehirnaktivität an der Kopfoberfläche mittels EEG ermitteln und erlauben es, die Verarbeitung der Information im Hirn „online“ zu verfolgen. Dabei stellten sie fest, dass die Beobachtung eines bestimmten Kontextes einen direkten Einfluss auf einen Teil des motorischen Systems im Beobachter hatte, in welchem Spiegelneurone vermutet werden.

          „Ziel dieser Forschung“, so erläutert der Neuropsychologe Roman Liepelt, „ist zu verstehen, wie wir Handlungen anderer Personen einordnen können und welchen Einfluss dies auf unser eigenes Handeln hat.“ Da beobachtete Handlungen automatisch auf das motorische System eines Beobachters projiziert werden, könnte „ein solcher Mechanismus einen wesentlichen Beitrag zum Handlungsverständnis und zur Vorhersage zukünftiger Handlungen anderer leisten und ein wichtiger Baustein sein, um die Beteiligung des menschlichen motorischen Systems an komplexeren kognitiven Funktionen zu verstehen.“

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