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Naturphänomen : Das Geheimnis des Seehund-Mannes

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„Seine geistige Stärke dürfte eine erhebliche Rolle gespielt haben“

Die Forscher stellen auch hier wieder fest, dass der Isländer trotz eines langen Aufenthaltes in der Kälte fast die normale Körpertemperatur behielt, statt - wie andere Probanden Keatinges in früheren Studien - stark abzukühlen. Seine dicke subkutane Schicht sorgt dafür, dass seine Arterien besser isoliert sind. Auch lebenswichtige Organe wie das Herz sind bei ihm besser vor einem Wärmeverlust geschützt. Noch im selben Jahr veröffentlichen Keating und Axelsson die Ergebnisse ihrer Studien im British Medical Journal.

Darin konzentrieren sie sich vor allem auf die physiologischen Aspekte. „Die überdurchschnittlich dicke Fettschicht hat sicherlich eine Rolle bei Laugis Überleben gespielt“, sagt der inzwischen 84-jährige Jóhann Axelsson heute. „Weitere unbekannte Faktoren haben wahrscheinlich ebenfalls dazu beitragen. Aber Keatinge und ich waren uns einig, dass seine geistige Stärke, seine Gelassenheit und Beharrlichkeit eine erhebliche Rolle gespielt haben dürften.“ Das zeige auch die Tatsache, dass er sich bereit erklärte, bei den Tests in London mitzumachen.

Er erzählte den Seevögeln Witze

Und einen weiteren wichtigen Faktor gebe es, sagt der Forscher, der seit damals mit dem Fischer befreundet ist: Guðlaugurs Humor. So habe er während der gesamten Zeit im Atlantik geredet, sich und den Seevögeln Witze erzählt. Nach den Londoner Untersuchungen hätten sie keine weiteren Studien mehr durchgeführt, sagt Axelsson. Manche der damaligen Ergebnisse sind aufgrund der ärztlichen Schweigepflicht unveröffentlicht geblieben, aber der Reykjavíker Emeritus kann immerhin verraten, dass damals nur physiologische Untersuchungen gemacht wurden.

Blut- oder Gewebeproben, die sich mit heutigen DNA-Analysen untersuchen ließen, wurden keine genommen. Auch der inzwischen verstorbene William Keatinge forschte danach nicht weiter. Durch den charismatischen Jóhann Axelsson angeregt begeisterte sich der junge Fischer so sehr für Physiologie, dass er Ende der 1980er Jahre sogar einige Kurse an der Reykjavíker Universität belegte. Später kam Psychologie hinzu. Dann wurde ihm alles zu viel. Guðlaugur ging wieder zurück nach Vestmannaeyjar, wo er anfangs auch wieder als Fischer arbeitete. Inzwischen ist er in einer Fischfabrik für die Maschinen zuständig.

Eine Tragödie, bei der er vier Freunde verloren hat

Mit der Presse spricht er schon lange nicht mehr. Er versucht die Ereignisse hinter sich zu lassen, was nicht leicht ist. Erst 2012 kam ein Spielfilm „Djúpið“ („Die Tiefe“) in die Kinos, der auf den damaligen Ereignissen beruht. Helga Hallbergsdóttir, die im Museum von Vestmannaeyjar Laugis Geschichte dokumentiert, kann sich den Film nicht ansehen. „Für uns auf Vestmannaeyjar ist das Schiffsunglück bis heute ein großes Trauma.“ Die anderen vier Männer waren verheiratet, einige hatten schon Kinder.

„Ich arbeitete 1984 für die Reederei und kümmerte mich um diese Familien, die nun plötzlich allein klarkommen mussten“, erzählt Helga. Die Namen der Verstorbenen stehen auf einer Tafel neben Laugis Hemd und seiner Jeans. Über all die Jahre hat er diese Kleidung aufgehoben, Laugis spätere Frau gab sie Helga fürs Museum. Sie ist mit beiden gut befreundet. Guðlaugur Friðþórsson war strikt gegen die Verfilmung seiner Geschichte. Er nannte den Vorfall immer wieder eine Tragödie, bei der er vier Freunde verloren hat.

Dass einer es geschafft habe, sei unbedeutend im Vergleich zu den Verlusten. Ob - und wenn ja: wie sehr - ihn eine posttraumatische Störung plagt, wissen nur seine engsten Vertrauten und er selbst. Den Atlantik immerhin, den Ort jener Tragödie, hat er auf den Vestmannaeyjar immer vor Augen. Neben der Badewanne, aus der er damals trank, wurde ein Denkmal für die vier toten Fischer errichtet. Und für ihn.

Isländische Laute: ð und þ

Der Name Guðlaugur Friðþórsson enthält zwei der vier isländischen Buchstaben, die im lateinischen Alphabet fehlen: ð bezeichnent einen Laut, der wie das stimmhafte englische „th“ (wie in „those“) ausgesprochen wird, das þ dagegen ist stimmlos wie in englisch „thing“.

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