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Naturphänomen : Das Geheimnis des Seehund-Mannes

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Morgens um sieben Uhr, nach mindestens sechs Stunden im Atlantik und einem mehrstündigen Marsch in nasser Kleidung in eisiger Luft, klopft er an der Tür des ersten Hauses. Guðlaugur stammelt die Namen seiner Kollegen, den Schiffsnamen und immer wieder „synti, synti“ - „geschwommen, geschwommen“. Erst da erfahren die Bewohner Heimaeys vom Schiffsunglück.

Durchhalten, um die letzte Rate abzubezahlen

Sie bringen ihn sofort ins Krankenhaus. Seine Füße haben tiefe Schnittwunden, und er hat Probleme mit seiner Lunge, ansonsten geht es ihm erstaunlich gut. Der schüchterne Fischer wird über Nacht zum Helden. Wie konnte ein Mensch das nur überleben? Noch im Krankenbett wird er vom isländischen Fernsehen interviewt, ruhig und scheinbar gelassen berichtet er von seiner Schicksalsnacht: „Ich habe mit den Möwen gesprochen. Sie schwebten über mir und waren wahrscheinlich ein bisschen neugierig.“

„Die Vögel waren die ganze Nacht bei dir?“, fragt der Reporter nach. „Ja, sie kreisten die ganze Zeit über meinem Kopf“, sagt Laugi, seine Füße noch mit dicken Mullverbänden umwickelt. „Ich bat sie, Hilfe zu holen, wenn sie denn können.“ Bis heute berührt viele Isländer die Art, wie der Seemann erzählte, selbst den Wissenschaftlern kamen die Tränen. Zum Beispiel sagt Guðlaugur, er wollte auch deshalb durchhalten, weil er noch die letzte Rate für sein Motorrad abbezahlen muss und der Verkäufer sonst sicherlich sauer sei, wenn er ihm das Geld schuldig bliebe. Die einen feiern das als urisländische Mentalität, andere sehen darin einfach nur Laugis Art von Humor.

Guðlaugur: Heute scheut er die Öffentlichkeit
Guðlaugur: Heute scheut er die Öffentlichkeit : Bild: Guðlaugur Sigurgeirsson

Schon kurz nach dem Unglück interessiert sich auch die Forschung für seinen unglaublichen Überlebenskampf. Schließlich gibt es bis dato keinen vergleichbaren Fall, der wirklich dokumentiert ist. Jóhann Axelsson, Leiter der Abteilung für Physiologie an der Universität von Island in Reykjavík, führt damals ohnehin eine laufende Studie zur Hypothermie und den Effekten von Kälte auf den menschlichen Körper durch. Der junge Fischer ist der ideale Proband. Guðlaugur macht bereitwillig mit, vielleicht ergeben sich ja neue Erkenntnisse, die in Zukunft mehr Seeleute retten könnten.

Nachdem die Wunden äußerlich verheilt sind, fährt Guðlaugur nach Reykjavík. Er strampelt auf einem Fahrrad, macht Atemfunktionstests, der Professor führt ein EEG mit ihm durch, und sie reden lange über die Ereignisse. Es gibt sogar alte Fernsehaufnahmen, wo man den Fischer im Hintergrund radeln sieht, während der Wissenschaftler doziert: „Experimente zeigen, dass ein durchschnittlicher nackter Mann sich nicht retten kann, da seine Körpertemperatur nach zwanzig bis dreißig Minuten im Meer oder im kalten Wasser sinkt. Es ist nicht überraschend, dass dicke Männer nicht so schnell frieren oder abkühlen wie dünnere.“

Eine 14 Millimeter dicke subkutane Fettschicht

Jóhann Axelsson stellt fest, dass Guðlaugurs subkutane Fettschicht ungewöhnlich dick ist. Ein normaler Mensch hat fünf bis sechs Millimeter, kräftigere Personen sieben bis acht, bei Laugi aber sind es 14 Millimeter. Irgendwann hört ein Journalist, wie jemand im Scherz sagt, der Fischer habe eher die Haut eines Seehundes. Er nennt ihn den „Seehund-Mann“. Ein Name, den Guðlaugur, der nun ein internationales Medienereignis ist, fortan nicht mehr los wird.

Im Herbst 1985 reisen Jóhann Axelsson und der Fischer gemeinsam nach London zu William R. Keatinge von der Physiologischen Abteilung des Hospital Medical College. Der war damals einer der weltweit angesehensten Experten für Hypothermie. In einem Militärkrankenhaus führen sie nun abermals Tests durch. Dafür setzt sich Guðlaugur in ein Becken mit drei bis fünf Grad kaltem Wasser, trägt ähnliche Kleidung wie auf der letzten Fahrt der Hellisey VE 503 und führt mit den Armen und Beinen Schwimmbewegungen durch. 83 Minuten verbringt er im Eisbad. Der Test wird nur abgebrochen, weil ihm seine Füße schmerzen.

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