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Lernen im Alter : Das Hirn ist auch nur ein Muskel

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Da freut sich der Hippocampus: Vokabeln büffeln geht auch noch mit siebzig Bild: Schuerpf/Keystone Schweiz/laif

Mit dem Alter schwindet die Kraft des Gedächtnisses. Dagegen gibt es jedoch ein gutes Training, das zudem viel Spaß machen kann.

          Wenn man ihn nach seinen Erfahrungen mit dem Erlernen von Fremdsprachen fragt, erzählt der Linguist Stephen Krashen gerne von seiner Begegnung mit der Dolmetscherin Kató Lomb. Die beiden trafen sich Mitte der neunziger Jahre – da war er 54 und sie 86. Lomb sagte damals: „Stephen, du bist so jung! So viele Jahre bleiben dir noch, so viele Jahre, um Sprachen zu lernen.“ Lomb selbst lernte den Großteil der 17 Fremdsprachen, die sie beherrschte, erst in ihrem vierten und fünften Lebensjahrzehnt. Bis zu ihrem Tod mit 94 Jahren wurde sie nicht müde – bei ihrem Treffen mit Krashen lernte sie gerade Hebräisch. Kató Lomb hielt sich dabei nie für ein Ausnahmetalent, sondern war überzeugt, dass jeder bis ins hohe Alter noch eine neue Sprache lernen könne.

          Trifft das tatsächlich zu? Dass die Lernfähigkeit unseres Gehirns irgendwann generell verlorengeht, würde heute zum Glück niemand mehr behaupten. Forscher finden seit vielen Jahren immer mehr Belege dafür, dass unser Gehirn ein Leben lang plastisch bleibt, sich also durch neue Lernerfahrung verändern kann. Sprachenlernen blieb dennoch ein schwieriges Thema.

          Ein Verfallsdatum gibt es nicht

          „Fast keine andere kognitive Fähigkeit ist so komplex“, begründet Simone Pfenninger die wissenschaftliche Zurückhaltung. Sie lehrt an der Universität Salzburg Psycholinguistik und Zweitsprachenerwerb und widmet sich aktuell gemeinsam mit Schweizer Kollegen einer der ersten Studien zu dem Thema. Sprache erfordert das perfekte Zusammenspiel verschiedenster kognitiver Prozesse. Während einer Unterhaltung ist ein weitläufiges Netzwerk an Arealen in unserem Gehirn aktiv: Wir müssen hören, verstehen, denken und zu guter Letzt auch noch Zunge und Gaumen so steuern, dass wir unsere Gedanken richtig verbalisieren. Umso schwerer ist es, altersbedingte Veränderungen dieses Vorganges einzugrenzen, erklärt Pfenninger.

          Erste Ergebnisse aus ihrem Projekt zum Fremdsprachenlernen im Seniorenalter bestätigen allerdings schon das Wichtigste: Es gibt, trotz aller Komplexität, kein Verfallsdatum für die Fähigkeit, eine neue Sprache zu lernen. „Nach einem dreiwöchigen Englischkurs hatten sich all unsere Probanden signifikant verbessert“, berichtet Pfenninger von ihren Versuchen. Die älteste Teilnehmerin war immerhin 89. Bei der Frage jedoch, wie gut Erwachsene, vor allem ältere, noch eine Fremdsprache lernen können, scheiden sich die Geister. Einige Forscher vertreten die Hypothese einer sensiblen Phase des Sprachenerwerbs. Nur im Kleinkindalter, wenn das Lernen der Muttersprache zu den Meilensteinen der Entwicklung zählt, sei das Gehirn auf den Erwerb von Sprache perfekt ausgelegt, sagen sie.

          Die Sprache als Werkzeug für Jung und Alt

          Babys können zum Beispiel während des ersten Lebensjahres noch alle Sprachlaute dieser Welt wahrnehmen und unterscheiden, danach nur noch die ihrer Muttersprache. Deswegen werde es schon ein Jugendlicher kaum mehr schaffen, die Aussprache einer neuen Sprache perfekt zu erlernen. Pfenningers Kollege David Singleton, der Linguistik am Trinity College Dublin lehrt, sieht das allerdings etwas anders. Seine Forschung zeige nicht, dass das Erwerben von Sprachlauten auf die frühe Kindheit beschränkt ist. Wenn das Gehör mitspielt, können auch ältere Erwachsene eine Fremdsprache noch akzentfrei sprechen lernen.

          Julia Shirliff, die seit vier Jahren Senioren an der Volkshochschule Frankfurt in Fremdsprachen unterrichtet, findet ohnehin, man dürfe Perfektion in der Fremdsprachenpädagogik nicht überbewerten. „Sprache ist ein Werkzeug, das uns hilft, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Diesen Grundsatz versuche ich an Jung und Alt zu vermitteln“, sagt sie. Das Fremdsprachenprogramm für Senioren entstand vor allem, weil diese sich einen Kurs wünschten, der ihrem Bedürfnis nach einer ungezwungenen Lernatmosphäre besser entspricht. Generell unterschieden sich die älteren Schüler gar nicht so sehr von den jungen, meint die Pädagogin. Die Lernkurve steige vielleicht etwas langsamer an, aber so genau könne man das gar nicht sagen. Auffällig sei eher die Heterogenität innerhalb der Seniorengruppen.

          Diese Beobachtung machte auch Simone Pfenninger. Sie führt das darauf zurück, dass der Erfolg im Sprachunterricht enger mit bestimmten kognitiven Fähigkeiten zusammenhängt als mit dem Alter an sich. Die mentale Fitness der Senioren unterscheidet sich stark. Interessant ist es für die Forscher nun, herauszufinden, welche Fähigkeiten beim vielseitigen Sprachenlernen besonders gefragt sind. „In unserer Pilotstudie haben vor allem jene Teilnehmer schnell gelernt, die ein gutes Arbeitsgedächtnis hatten“, sagt Pfenninger. Das Arbeitsgedächtnis ist unser Ultra-Kurzzeitgedächtnis. Es hält beispielsweise den Beginn dieses Satzes präsent, bis man ihn zu Ende gelesen hat. Es lenkt aber auch Aufmerksamkeit und Konzentration. Wenn unser Arbeitsgedächtnis abbaut, fällt es uns zum Beispiel schwer, dem Inhalt von besonders komplexen, langen Sätzen zu folgen.

          Der einzige Weg ins Langzeitgedächtnis

          Aber nicht nur das Arbeitsgedächtnis entpuppt sich als Nadelöhr. Auch das langfristige Erinnern fällt im Alter vielen schwerer. Schuld daran ist der Hippocampus, eine Struktur unter der Großhirnrinde, die im Alter als eine der ersten an Masse abbaut. Dabei ist der Hippocampus für das Erinnern unverzichtbar. Er bildet für neue Informationen den einzigen Weg ins Langzeitgedächtnis. Menschen, die ihren Hippocampus durch einen Unfall oder eine Operation verloren haben, können sich nicht länger als ein paar Minuten an neue Informationen erinnern. Ganz so schlimm ist es im Alter um niemanden bestellt. Aber seine Funktion als Bindeglied zwischen Informationen erfüllt der Hippocampus immer schlechter. Praktisch bedeutet das, dass wir vergessen, wo unser Schlüssel liegt, uns schlechter an den Namen des neuen Nachbarn oder die Bedeutung einer Spanischvokabel erinnern. Sprachlernfreudigen Senioren nützen nur extra Stunden mit dem Vokabelheft, um diesen Abbau auszugleichen.

          Wer am nächsten Morgen nicht mehr so genau weiß, was er am Vorabend gelernt hat, braucht freilich Frustrationstoleranz und Motivation. Dafür lohnt sich das Dranbleiben im Alter umso mehr, meint Elisabeth Wenger vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Denn Sprachen lernen verhilft nicht nur zum netten Urlaubsplausch, sondern wirkt wahrscheinlich auch direkt gegen den Zellabbau im Hippocampus. Ihr ehemaliger Doktorvater Martin Lödvén, der inzwischen am schwedischen Karolinska Institut arbeitet, hat das Vokabelbüffeln als Gehirntraining untersucht. Er ließ junge Erwachsene zehn Wochen lang mit Hilfe einer App Italienisch lernen und schaute sich ihr Gehirn vorher und nachher im Kernspintomographen an. Wer eifrig Stunden mit der Sprachlern-App verbrachte, düngte gewissermaßen auch seinen Hippocampus.

          Das Gehirn wie einen Muskel trainieren

          Das Vokabellernen führte zu einer Zunahme der grauen Substanz im Hippocampus, was möglicherweise auf die Bildung neuer Nervenzellen hindeuten könnte. „Der Hippocampus ist zwar anfällig für Alterungsprozesse“, erklärt Wenger, „aber zum Glück auch lebenslang besonders lernfähig.“ Er verändert sich in Abhängigkeit von den Anforderungen, die an ihn gestellt werden. Das entdeckten Forscher, als sie sich vor einigen Jahren die Gehirne von Londoner Taxifahrern anschauten. Eine bestimmte Region in deren Hippocampus erwies sich als bedeutend größer als bei Durchschnittsautofahrern oder sogar Busfahrern. Taxifahrer müssen sich im Verlauf ihres Berufslebens die Straßenkarte einer ganzen Stadt merken und sich ständig gedanklich darin orientieren – eine Aufgabe, die den Hippocampus gezielt fordert. Wer am längsten im Taxigeschäft war, hatte zudem auch den größten Hippocampus. Gleiches fand Lövdén beim Vokabellernen: Wer mehr Zeit damit verbrachte, bei dem wuchs der Hippocampus am stärksten.

          Man müsse das Gehirn trainieren wie einen Muskel, um lange kognitiv fit zu bleiben, sagt Elisabeth Wenger. Sie kennt aber auch das dunkle Geheimnis der Gedächtnistrainings. Sie verbessern häufig nur genau die Fähigkeit, die man trainiert. Auch wenn Hirnscans zeigten, dass der Hippocampus gewachsen war, brachte das bisher kaum Erfolg bei anderen Aufgaben. Sogar dann nicht, wenn diese der trainierten sehr ähnelten. „Möglicherweise handelt es sich um sehr spezialisierte Zellen“, mutmaßt Wenger. „Beim Sprachenlernen haben wir aber größere Hoffnung, dass Lernzuwächse auf andere Aufgaben übertragbar sind als bei anderen kognitiven Trainings. Es handelt sich schließlich um eine sehr vielfältige Anforderung.“

          Bilinguale Menschen sind im Vorteil

          In dieser Hinsicht ermutigend sind vor allem die Forschungsergebnisse der kanadischen Psychologin Ellen Byalistok. Sie forscht zum Thema Bilingualismus und fand heraus, dass Menschen, die schon früh eine zweite Sprache lernten, nicht nur mit sprachlicher Eloquenz brillieren. Sie sind konzentrierter und denken später auch im Alter schneller als andere Senioren. Das hänge mit der großen Herausforderung der Mehrsprachigkeit zusammen, schrieb Byalistok in einem Fachartikel.

          Wenn ein bilinguales Kind in der einen Sprache spricht, ist auch die andere in seinem Gehirn aktiviert. Das Kind muss sie in den Hintergrund drängen, während es auf das Vokabular der gerade gesprochenen Sprache zugreift. Das geht nur, indem es sein kognitives Kontrollsystem aktiviert, vermutet Byalistok. Im Alter seien wir bei vielen Denkaufgaben, die früher automatisch abliefen, auf zusätzliche Unterstützung durch dieses Kontrollsystem angewiesen. Bilinguale Menschen hätten dieses ein Leben lang trainiert und aufgebaut. Sie könnten mit den vorhandenen Ressourcen deshalb besser umgehen, wenn das Gehirn abbaut. So gut sogar, dass man bei zweisprachigen Menschen eine Alzheimer-Erkrankung durchschnittlich vier Jahre später diagnostiziert. Die typische Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit schränkt sie erst dann stark ein, wenn die Krankheit wesentlich weiter vorangeschritten ist. Sie kommen lange mit dem aus, was noch vorhanden ist.

          Es braucht vor allem Spaß und Durchhaltevermögen

          Ob unser kognitives Kontrollsystem allerdings auch noch ausreichend trainiert wird, wenn wir erst im hohen Alter mit dem Sprachenlernen beginnen, ist im Moment noch schwer zu beantworten. Dass den Senioren in Pfenningers Studie vor allem ein fittes Arbeitsgedächtnis zugutekam, könnte zumindest ein erster Hinweis darauf sein.

          In einem Punkt sind sich alle befragten Experten einig: Zum Lernen im hohen Alter braucht es vor allem Spaß und Durchhaltevermögen. In Pfenningers Studie taten sich trotz aller kognitiven Unterschiede jene Senioren hervor, die stark motiviert waren und sich von Rückfällen nicht entmutigen ließen. „Das ist ein Grund, weswegen wir jetzt vermehrt zum Spracherwerb forschen. Es macht vielen Alten Spaß, und sie haben ein Ziel. Dann tut sich auch auf neuronaler Ebene etwas“, sagt Elisabeth Wenger. Julia Shirliff hat bemerkt, dass ältere Schüler sich tatsächlich besonders durch ihre hohe Motivation auszeichnen. „Unsere Unterrichtsstunden sind immer sehr lebendig. Kultur, Politik und Kulinarik werden regelmäßig diskutiert. Niemand lernt für eine Testleistung, sondern um ein neues Land kennenzulernen. Das ist bei den Senioren viel präsenter.“

          Auch die Dolmetscherin Lomb Kató war davon überzeugt, dass sie ihren Erfolg keinem besonderen Talent, sondern lediglich Interesse und Eifer zuzuschreiben hatte. Ihr Interviewpartner Stephen Krashen hat daraus seine eigene Lehre gezogen: Seit jener Begegnung liest er täglich ein Stück fremdsprachige Literatur.

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