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Lernen im Alter : Das Hirn ist auch nur ein Muskel

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Man müsse das Gehirn trainieren wie einen Muskel, um lange kognitiv fit zu bleiben, sagt Elisabeth Wenger. Sie kennt aber auch das dunkle Geheimnis der Gedächtnistrainings. Sie verbessern häufig nur genau die Fähigkeit, die man trainiert. Auch wenn Hirnscans zeigten, dass der Hippocampus gewachsen war, brachte das bisher kaum Erfolg bei anderen Aufgaben. Sogar dann nicht, wenn diese der trainierten sehr ähnelten. „Möglicherweise handelt es sich um sehr spezialisierte Zellen“, mutmaßt Wenger. „Beim Sprachenlernen haben wir aber größere Hoffnung, dass Lernzuwächse auf andere Aufgaben übertragbar sind als bei anderen kognitiven Trainings. Es handelt sich schließlich um eine sehr vielfältige Anforderung.“

Bilinguale Menschen sind im Vorteil

In dieser Hinsicht ermutigend sind vor allem die Forschungsergebnisse der kanadischen Psychologin Ellen Byalistok. Sie forscht zum Thema Bilingualismus und fand heraus, dass Menschen, die schon früh eine zweite Sprache lernten, nicht nur mit sprachlicher Eloquenz brillieren. Sie sind konzentrierter und denken später auch im Alter schneller als andere Senioren. Das hänge mit der großen Herausforderung der Mehrsprachigkeit zusammen, schrieb Byalistok in einem Fachartikel.

Wenn ein bilinguales Kind in der einen Sprache spricht, ist auch die andere in seinem Gehirn aktiviert. Das Kind muss sie in den Hintergrund drängen, während es auf das Vokabular der gerade gesprochenen Sprache zugreift. Das geht nur, indem es sein kognitives Kontrollsystem aktiviert, vermutet Byalistok. Im Alter seien wir bei vielen Denkaufgaben, die früher automatisch abliefen, auf zusätzliche Unterstützung durch dieses Kontrollsystem angewiesen. Bilinguale Menschen hätten dieses ein Leben lang trainiert und aufgebaut. Sie könnten mit den vorhandenen Ressourcen deshalb besser umgehen, wenn das Gehirn abbaut. So gut sogar, dass man bei zweisprachigen Menschen eine Alzheimer-Erkrankung durchschnittlich vier Jahre später diagnostiziert. Die typische Vergesslichkeit und Orientierungslosigkeit schränkt sie erst dann stark ein, wenn die Krankheit wesentlich weiter vorangeschritten ist. Sie kommen lange mit dem aus, was noch vorhanden ist.

Es braucht vor allem Spaß und Durchhaltevermögen

Ob unser kognitives Kontrollsystem allerdings auch noch ausreichend trainiert wird, wenn wir erst im hohen Alter mit dem Sprachenlernen beginnen, ist im Moment noch schwer zu beantworten. Dass den Senioren in Pfenningers Studie vor allem ein fittes Arbeitsgedächtnis zugutekam, könnte zumindest ein erster Hinweis darauf sein.

In einem Punkt sind sich alle befragten Experten einig: Zum Lernen im hohen Alter braucht es vor allem Spaß und Durchhaltevermögen. In Pfenningers Studie taten sich trotz aller kognitiven Unterschiede jene Senioren hervor, die stark motiviert waren und sich von Rückfällen nicht entmutigen ließen. „Das ist ein Grund, weswegen wir jetzt vermehrt zum Spracherwerb forschen. Es macht vielen Alten Spaß, und sie haben ein Ziel. Dann tut sich auch auf neuronaler Ebene etwas“, sagt Elisabeth Wenger. Julia Shirliff hat bemerkt, dass ältere Schüler sich tatsächlich besonders durch ihre hohe Motivation auszeichnen. „Unsere Unterrichtsstunden sind immer sehr lebendig. Kultur, Politik und Kulinarik werden regelmäßig diskutiert. Niemand lernt für eine Testleistung, sondern um ein neues Land kennenzulernen. Das ist bei den Senioren viel präsenter.“

Auch die Dolmetscherin Lomb Kató war davon überzeugt, dass sie ihren Erfolg keinem besonderen Talent, sondern lediglich Interesse und Eifer zuzuschreiben hatte. Ihr Interviewpartner Stephen Krashen hat daraus seine eigene Lehre gezogen: Seit jener Begegnung liest er täglich ein Stück fremdsprachige Literatur.

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