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Lernen im Alter : Das Hirn ist auch nur ein Muskel

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Diese Beobachtung machte auch Simone Pfenninger. Sie führt das darauf zurück, dass der Erfolg im Sprachunterricht enger mit bestimmten kognitiven Fähigkeiten zusammenhängt als mit dem Alter an sich. Die mentale Fitness der Senioren unterscheidet sich stark. Interessant ist es für die Forscher nun, herauszufinden, welche Fähigkeiten beim vielseitigen Sprachenlernen besonders gefragt sind. „In unserer Pilotstudie haben vor allem jene Teilnehmer schnell gelernt, die ein gutes Arbeitsgedächtnis hatten“, sagt Pfenninger. Das Arbeitsgedächtnis ist unser Ultra-Kurzzeitgedächtnis. Es hält beispielsweise den Beginn dieses Satzes präsent, bis man ihn zu Ende gelesen hat. Es lenkt aber auch Aufmerksamkeit und Konzentration. Wenn unser Arbeitsgedächtnis abbaut, fällt es uns zum Beispiel schwer, dem Inhalt von besonders komplexen, langen Sätzen zu folgen.

Der einzige Weg ins Langzeitgedächtnis

Aber nicht nur das Arbeitsgedächtnis entpuppt sich als Nadelöhr. Auch das langfristige Erinnern fällt im Alter vielen schwerer. Schuld daran ist der Hippocampus, eine Struktur unter der Großhirnrinde, die im Alter als eine der ersten an Masse abbaut. Dabei ist der Hippocampus für das Erinnern unverzichtbar. Er bildet für neue Informationen den einzigen Weg ins Langzeitgedächtnis. Menschen, die ihren Hippocampus durch einen Unfall oder eine Operation verloren haben, können sich nicht länger als ein paar Minuten an neue Informationen erinnern. Ganz so schlimm ist es im Alter um niemanden bestellt. Aber seine Funktion als Bindeglied zwischen Informationen erfüllt der Hippocampus immer schlechter. Praktisch bedeutet das, dass wir vergessen, wo unser Schlüssel liegt, uns schlechter an den Namen des neuen Nachbarn oder die Bedeutung einer Spanischvokabel erinnern. Sprachlernfreudigen Senioren nützen nur extra Stunden mit dem Vokabelheft, um diesen Abbau auszugleichen.

Wer am nächsten Morgen nicht mehr so genau weiß, was er am Vorabend gelernt hat, braucht freilich Frustrationstoleranz und Motivation. Dafür lohnt sich das Dranbleiben im Alter umso mehr, meint Elisabeth Wenger vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Denn Sprachen lernen verhilft nicht nur zum netten Urlaubsplausch, sondern wirkt wahrscheinlich auch direkt gegen den Zellabbau im Hippocampus. Ihr ehemaliger Doktorvater Martin Lödvén, der inzwischen am schwedischen Karolinska Institut arbeitet, hat das Vokabelbüffeln als Gehirntraining untersucht. Er ließ junge Erwachsene zehn Wochen lang mit Hilfe einer App Italienisch lernen und schaute sich ihr Gehirn vorher und nachher im Kernspintomographen an. Wer eifrig Stunden mit der Sprachlern-App verbrachte, düngte gewissermaßen auch seinen Hippocampus.

Das Gehirn wie einen Muskel trainieren

Das Vokabellernen führte zu einer Zunahme der grauen Substanz im Hippocampus, was möglicherweise auf die Bildung neuer Nervenzellen hindeuten könnte. „Der Hippocampus ist zwar anfällig für Alterungsprozesse“, erklärt Wenger, „aber zum Glück auch lebenslang besonders lernfähig.“ Er verändert sich in Abhängigkeit von den Anforderungen, die an ihn gestellt werden. Das entdeckten Forscher, als sie sich vor einigen Jahren die Gehirne von Londoner Taxifahrern anschauten. Eine bestimmte Region in deren Hippocampus erwies sich als bedeutend größer als bei Durchschnittsautofahrern oder sogar Busfahrern. Taxifahrer müssen sich im Verlauf ihres Berufslebens die Straßenkarte einer ganzen Stadt merken und sich ständig gedanklich darin orientieren – eine Aufgabe, die den Hippocampus gezielt fordert. Wer am längsten im Taxigeschäft war, hatte zudem auch den größten Hippocampus. Gleiches fand Lövdén beim Vokabellernen: Wer mehr Zeit damit verbrachte, bei dem wuchs der Hippocampus am stärksten.

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