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Die Assel : Landkrebs mit Löwenmut

  • -Aktualisiert am

Ekel ist bei der Kellerassel eigentlich unangebracht. Die Tierchen sind reinlich und kinderlieb. Hier ein Exemplar unter dem Elektronenmikroskop in 55-facher Vergrößerung. Bild: INTERFOTO

Asseln werden bei Forschern immer beliebter. Eigentlich sollten die Krustentiere nur vor Umweltschadstoffen warnen. Dann zeigten sie plötzlich Persönlichkeit.

          7 Min.

          Still liegt der See, inmitten von Wäldern. Wer einen Geigerzähler mitbringt, der kann ihn aufgeregt klackern hören. Das havarierte Atomkraftwerk von Tschernobyl ist nur zehn Kilometer entfernt. Ein Mann taucht einen kleinen Käscher in das klare Wasser und fischt damit über die alten Blätter auf dem Boden. Seine Beute: viele Dutzend gepanzerte Wesen, die auf ihren sieben Beinpaaren erstaunlich schnell flitzen können. Aber in dem Eimer können sie nicht entkommen.

          Der Mann ist Neil Fuller, Doktorand am Institute of Marine Sciences an der Universität von Portsmouth. Fuller möchte verstehen, wie Lebewesen in radioaktiv verseuchtem Wasser zurechtkommen. Er war auch schon in Fukushima. Was er jetzt in der Ukraine sammelt, das sind Wasserasseln der Art Asellus aquaticus, wie es sie in ganz Europa gibt. Und sie haben die hohe Strahlendosis im Glubokoje-See offenbar erstaunlich unbeschadet überstanden. Fuller wird sich die Segmente genau ansehen, aus denen ihr Körper zusammengesetzt ist. In diesem See erwartet er Deformationen. Und er wird die Eier der trächtigen Weibchen zählen, die sie unter ihrem Bauch spazieren tragen. Es werden wohl nicht sehr viele sein. Er begutachtet, zählt und findet: nichts. Jedes einzelne der sieben Segmente des Brustpanzers ist wunderbar symmetrisch ausgebildet. Und die Weibchen haben viele, prächtig entwickelte Kinder im Gepäck.

          Rund um Tschernobyl ist überall Wasser. Aber das meiste davon ist mit dem Fluss Prypjat verbunden. Mit der Zeit hat er die Strahlung abfließen lassen. Der Glubokoje-See jedoch gehört zu sechs Seen ohne Flusszugang. Nachdem die kurzlebigen Radioisotope zerfallen sind, haben sich dort heute vor allen noch 137-Caesium und 90-Strontium angereichert. Der Glubokoje-See ist mit 27 Mikrosievert pro Stunde der radioaktivste. Seine strahlende Fracht hat sich vor allem auch am Grund der Gewässer abgesetzt, wo die Wasserasseln fressen. „Wir untersuchten sechs verschiedene Seen mit unterschiedlichen Belastungen. Wir hatten erwartet, dass wir umso mehr Deformationen und umso weniger gut entwickelte Eier finden, je höher die Strahlenbelastung ist“, schreibt Fuller. „Aber das war falsch. Ausgerechnet bei den Asseln gibt es offenbar gar keinen Effekt der Strahlung.“

          Ideale Hinweisgeber für die Verschmutzung eines Ökosystems

          Asseln galten eigentlich als ideale Hinweisgeber für die Verschmutzung eines Ökosystems. Sie ernähren sich von den Resten des Lebens, die sich am Boden sammeln. Alte Blätter, kleine Kadaver. Sie fressen alles zweimal. Einmal, wenn es in seiner ursprünglichen Form herumliegt. Und ein zweites Mal, weil sie auch noch den Kot wieder verputzen, den sie daraus machen. Ob Schwermetalle oder Medikamente – was auch immer Menschen in die Umwelt gebracht haben, in den Asseln muss es sich anreichern.

          Asseln gehören wie Hummer oder Krabben zu den Höheren Krebsen. Wasserflöhe gehören ebenfalls in diese Gruppe. Auch bei ihnen gab es Untersuchungen in radioaktivem Milieu. Sie waren ab einer chronischen Strahlenexposition mit 137-Caesium von sieben Mikrogray pro Stunde deutlich beeinträchtigt. Weniger Weibchen trugen Eier. Und die DNA dieser Embryonen zeigte deutliche Strahlenschäden. Fuller kann noch nicht erklären, was die Wasserasseln anders machen. Er ist sich auch noch nicht sicher, ob Wasserasseln in einem englischen Tümpel genauso reagiert hätten wie in dem seit 1986 kontaminierten Glubokoje-See. „Es könnte sein, dass sich die Asseln rund um Tschernobyl durch zufällige Mutationen an die Radioaktivität angepasst haben. Es sind seitdem ja schon dreißig Generationen. Es könnte auch sein, dass sie eben einfach damit zurechtkommen.“

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