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Die Assel : Landkrebs mit Löwenmut

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Aber die Forscher hatten die Asseln unterschätzt. Alles alte Holz und tote Blätter, die sich die Gliedertiere mit ihren Mundwerkzeugen herbeischaffen, muss den sogenannten Hepatopankreas passieren. Das ist der Teil des Darms, aus dem bei Wirbeltieren Leber und Bauchspeicheldrüse hervorgegangen sind. Die Drüse versorgt den Darm mit Verdauungssäften – und holt alles aus dem Nahrungsbrei heraus, was giftig sein könnte. Statt unter Umweltdreck zu leiden, haben die Abfallverwerter aber offenbar dank dieser Filterstelle zahlreiche Strategien entwickelt, schädliche Stoffe unschädlich zu machen. Und zwar jede Art ihre eigene.

Als sich Tübinger Zoologen Asseln vornahmen, die sich in unmittelbarer Umgebung einer alten Metallschmelze angesiedelt hatten, fanden sie bei Mauerasseln viele „Speherite“ genannte Metallkörnchen in den Filterorganen sowie Lipidtröpfe – ein Zeichen metabolischer Überforderung, vergleichbar der Fettleber eines Alkoholikers. Bei Kellerasseln fanden sie nichts dergleichen. Können Kellerasseln über ihr Aquädukt, das den Mauerasseln fehlt, auch bestimmte Metallionen über die Verdunstungsanlage ausscheiden? Bislang ist vollkommen unklar, was die Kellerasseln anders machen. Forscher aus Catania fütterten drei verschiedene Asselarten, unter anderem eine nahe Verwandte der Kellerassel und eine Rollassel, mit Blei- und Cadmiumverbindungen. Wieder dasselbe Bild. Am Ende sah jeder Hepatopankreas unter dem Mikroskop anders aus. Die Rollasseln hatten vor allem das Blei, die Kellerasselverwandten das Cadmium gespeichert. Die Schlussfolgerung der Biologin Veronica Mazzei: „Jede Asselart hat eine eigene Strategie im Umgang mit Schwermetallen. Biomonitoring macht erst Sinn, wenn wir diesen Stoffwechsel auch kennen.“

Wahre Helden, aber auch typische Angsthasen

Vorgeschlagen wird auch, Asseln für toxikologische Labortests zu nutzen, zum Beispiel organischer Substanzen, die sich in Nervenzellen anreichern könnten. Dabei wollten die Wissenschaftler dann beobachten, ob sich das Verhalten der Tiere verändert. Auf diese Weise hoffen sie, frühzeitig auf mögliche Gefahren für den Menschen aufmerksam zu werden. Also evaluierten sie die Haltungsbedingungen. Dabei fanden sie heraus, dass Asseln am ausgeglichensten sind, wenn man ihnen in ihrem Terrarium Erlenblätter zu fressen gibt – und dass sie Abstand zu den Nachbarn schätzen und erst dann in Stimmung zum Familiegründen kommen, wenn es um sie herum genug Platz ohne Artgenossen gibt. Und schließlich begannen die Forscher, unter genormten Bedingungen das normale Verhalten der Tiere zu studieren. Der Theorie nach sollten sie als Tiere, die anstatt eines richtigen Gehirns lediglich über ein Gangliensystem verfügen, nur reflexartig ererbte Verhaltensprogramme abspulen. Und wieder hatte man die Asseln unterschätzt. Die Viecher entpuppten sich als hartnäckige habituelle Individualisten.

Der Klassiker für Verhalten, das sich jeder Norm widersetzt, ist diese Studie: Kellerasseln aus einem Labor im tschechischen Olomouc wurden drei Wochen lang nach einem festen Protokoll vorsichtig angestupst, zwischen zwei Fingern leicht gedrückt oder aus ein paar Zentimeter Höhe fallen gelassen. Sinn der Übung, die der Vielfüßler-Forscher Ivan Hadrián Tuf zusammen mit zwei Kollegen veranstaltete, war es, die Angriffe von Räubern zu simulieren. Der Stupser war der einer Spinne, das Drücken das einer Maus und das Fallenlassen war ein hungriger Vogel. Während die Tiere bei Mäuse- und Vogelangriff nach einem festen Muster reagierten – in der Bewegung festfrieren und hoffen, dass man so nicht entdeckt wird –, gab es bei den Stupsern überhaupt keine artspezifische Reaktion.

Manche Asseln verfielen in Schreckstarre, manche spazierten weiter geradeaus. Und zwar nicht zufällig mal so, mal so, sondern je nachdem, welches Tier die Forscher angestupst hatten. Was sie also sahen, waren Persönlichkeiten: Helden und Angsthasen. Auch bei den Angriffen der großen Tiere war das so. Die Mutigen verharrten nur kurz in der Schreckstarre, die Ängstlichen blieben lange liegen. „Kellerasseln gehören damit zu den ersten Asseln, bei denen Persönlichkeit nachgewiesen wurde“, sagt Huf. „Aber vielleicht ist das auch gar nicht so ungewöhnlich. Bisher hat man das ja auch fast nur bei Wirbeltieren untersucht.“

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