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Knotenkunde : Die Not der Knoten

  • -Aktualisiert am

Bild: Dieter Rüchel

Das Knüpfen vieler verschiedener Knoten gehörte einst zum Alltag. Fast 4000 Knoten sind bekannt. Heute knotet kaum noch jemand. Und das ist eigentlich schade.

          5 Min.

          Das ist eine Affenfaust“, sagt Matthias Böving und schaut zufrieden auf das Knäuel in seiner Hand. Gerade hat er schon die lange Trompete gemacht, davor den Prusik und den Roringstek. Es ist kühl auf dem Dachboden seines Hauses in Mülheim an der Ruhr, aber auf Bövings Stirn perlen Schweißtropfen. Auf der Werkbank vor ihm stapeln sich Taue. „Ich hoffe, das Seil reicht für all das, was ich Ihnen zeigen will“, sagt er. Der 47-Jährige hat ein ausgefallenes Hobby. Er knotet.

          Damit gehört er zu einer Minderheit, in einer Welt, in der fast nur noch genagelt, geschweißt, geklemmt und geklebt wird. Seile sind Mangelware in den städtischen Umgebungen des 21. Jahrhunderts. Und ohne Seil kein Knoten. Stattdessen kommen Stahlfasern, Drähte, Kabelbinder, Kunststoff-Laschen und Spanngurte zum Einsatz. Selbst die letzte Bastion der Knoten im Stadtleben - der Schnürsenkel - wird zunehmend durch den Klettverschluss bedroht.

          Im Sprachgebrauch dagegen nimmt die Knotenmetaphorik eine prominente Rolle ein. Man sehnt sich, dass der Knoten platzt, knüpft Verbindungen zu seinen Mitmenschen, und die Datenströme der digitalen Welt laufen in Knotenpunkten zusammen. Knoten sind offenbar etwas ziemlich Wichtiges. Aber weshalb?

          Der Krugknoten Bild: Dieter Rüchel

          Das goldene Zeitalter der Knoten

          Technikhistorikern sind die Knoten meist nur eine Randnotiz wert. Dabei spricht vieles dafür, dass sie eine der ersten und vielleicht wichtigsten Entdeckungen der Menschheit waren (siehe „Die ersten Knoten“). Denn egal ob Jagen mit Pfeil und Bogen, Fischen mit Netzen und Speeren oder die Fahrt zur See: Kaum eine zivilisatorische Errungenschaft scheint möglich ohne verknotete Seile. Bei manchen Kulturen dienten sie sogar als Schriftersatz, insbesondere bei den Inka, die mit Hilfe der sogenannten Quipu-Knoten Buch über ihre Besitztümer führten.

          In der westlichen Welt fiel das goldene Zeitalter der Knoten dagegen ins 17., 18. und 19. Jahrhundert, als große Segelschiffe mit immer komplexerer Takelage die Weltmeere befuhren. Auf See sicherten Hunderte Knoten die Kontrolle über Taue und Segel. Daneben herrschte auf Deck oft Langeweile, und die Mannschaft vertrieb sich die Zeit, indem sie mit dem allgegenwärtigen Tauwerk immer neue Knotenvarianten ersann. Mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt und strafferen Arbeitsabläufen an Bord verlor die Seilkunst aber zunehmend an Bedeutung. Heute ist die Vielfalt auf eine Handvoll Knoten geschrumpft. „Mehr als fünf oder sechs Knoten werden in der modernen Schifffahrt nicht mehr gebraucht“, sagt Harald Sedlacek, nautischer Inspektor bei der Reederei Hamburg Süd.

          Dass man viele der Knoten aus vorindustrieller Zeit heute trotzdem noch kennt, ist unter anderem einem 1881 in Massachusetts geborenen Kunstmaler zu verdanken. Schon als kleinen Jungen faszinierten Clifford Warren Ashley jene Walfang-Schiffe, auf denen zwei seiner Onkels Kapitän waren. Hier waren Segel und Tau noch nicht durch die Dampfmaschine ersetzt worden. Als junger Mann konnte Ashley schließlich selbst für einige Zeit auf einem Walfänger zur See fahren. Dort wurde das Knoten zur Spielwiese für die Kreativität des Künstlers: „Für mich ist das Knüpfen eines Knotens ein grenzenloses Abenteuer. Ein Stück Schnur gewährt eine räumliche Freiheit, die einzigartig ist“, schrieb er. In den folgenden Jahrzehnten tauschte er sich mit Metzgern und Bauarbeitern, Schustern und Lkw-Fahrern, Elektrikern, Pfadfindern und mit strickenden Damen aus, ehe 1944 - drei Jahre vor seinem Tod - das „Ashley-Buch der Knoten“ erschien. Darin hielt er etwa 3800 Knoten fest und illustrierte jeden mit Hilfe detaillierter Handzeichnungen.

          Eine Knotenbibel

          Die allermeisten der Knoten in Ashleys Kompendium haben einen speziellen Einsatzzweck, nur wenige sind reine Zierknoten. Versierte Seemänner unterscheiden heute fünf Knotengattungen. Demnach gibt es Stopper, Schlingen, Verbindungsknoten, Steke und Spleiße. Stopper sollen am Ende eines Seils verhindern, dass es durch eine Engstelle rutscht, Schlingen halten einen Gegenstand fest. Verbindungsknoten verknüpfen zwei Seile, mit Steken macht man an einem Ring oder Balken fest. Die wahre Herausforderung sind aber die Spleiße. Sie entstehen, wenn man ein Tau aufdreht und die einzelnen Fasern an anderer Stelle wieder in das Seil einsteckt. Nicht zuletzt ihnen verdankt die Knotenkunde ihre große Vielfalt, denn das Spleißen erlaubt es, feste Schlaufen herzustellen oder unterschiedliche Seile miteinander zu verflechten.

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