https://www.faz.net/-gwz-ygz6

Knotenkunde : Die Not der Knoten

  • -Aktualisiert am

Auch wenn man die meisten Knoten heute kaum noch braucht, ist Ashleys Knotenbibel gefragt wie nie. Für ein Buch, in dem 600 Seiten lang das Legen von Seilen beschrieben wird, ist es geradezu phänomenal populär: So kommt das Buch nach Angabe des Delius-Klasing-Verlags auf eine fünfstellige Auflage und wurde gerade zum siebten Mal neu verlegt. Sogar einen Flecken der digitalen Welt haben die Knoten erobert: Mit der iPhone-App „Knot Guide“ kann man die 88 gebräuchlichsten Exemplare in Sekundenschnelle abrufen. Wo aber sind sie, all die leidenschaftlichen Knoter? Und warum knoten sie?

Den etwa 260 000 Pfadfindern in Deutschland geht es nach eigener Aussage vor allem um die Ehre. „Bei uns ist es verpönt, etwas zu nageln“, sagt Hans-Joachim Böhm vom hessischen Landesverband des Bundes der Pfadfinderinnen und Pfadfinder. Zelte befestigen, Strickleitern bauen oder Unterschlupfe aus Holz standfest machen - für all das reichen Seile. „Die kann man beliebig oft wiederverwenden“, sagt Böhm und verweist dabei auf das ökologische Bewusstsein, das man den Kindern damit vermittle.

Kletterwissen

Mit minimalem Ressourcenaufwand lässt sich auch manches über die physikalischen Eigenschaften von Knoten lernen. Das bewies der polnische Forscher Piotr Pieranski, als er 2001 deren Belastbarkeit mit Hilfe weichgekochter Spagetti untersuchte - mit wenig überraschendem Ergebnis: Verknotete Seile reißen demnach bevorzugt dort, wo ihre Krümmung am größten ist.

Dass Knoten die Reißfestigkeit eines Seils um bis zu 70 Prozent senken können, wissen auch die meisten Kletterer. Der Bergsport ist einer der letzten Bereiche, wo Knoten eine Notwendigkeit sind. In der Regel sind es aber nicht mehr als fünf, die ein Kletterer beherrschen muss: Bulin, Spierenstich, Halbmastwurf, Prusik und Achtknoten (siehe Bilder) reichen für die meisten Anforderungen im Freizeitklettern. Auch für den Segelschein muss man nicht mehr als neun Knoten lernen. Das sind zum Teil dieselben wie beim Klettern, nur mit anderem Namen. Der Bulin wird zum Palstek, der Mastwurf zum Webeleinstek. Hinzu kommen unter anderem der Schotstek, um zwei unterschiedliche Enden miteinander zu verbinden, und der Kreuzknoten, wenn zwei gleich starke Schnüre verknotet werden sollen. Wirklich Freude, so munkelt man unter Seglern, haben aber nur wenige Hobbysportler beim Knoten.

Matthias Böving kann darüber nur den Kopf schütteln. Für ihn sind Knoten ein Stück Tradition, das durch die Überflussgesellschaft bedroht wird. „Die meisten technischen Hilfsmittel, die man heutzutage in Segelgeschäften kaufen kann, braucht man eigentlich nicht“, sagt er und zeigt in einem Katalog auf Klemmen, Haken und Gummiseile. „Für jede Anforderung gibt es einen Knoten.“ Der EDV-Fachmann ist über das Segeln zum Knoten gekommen, aber anders als viele seiner Bootskameraden haben ihn die Knoten auch über die Segelprüfung hinaus interessiert. Weltweit hat er zahlreiche Gleichgesinnte gefunden. Etwa 1500 von ihnen haben sich in der „Internationalen Knotengilde“ zusammengeschlossen. Bei Mitgliedertreffen und über das Internet tauschen sie sich über neue Knotenvarianten oder besonders knifflige Knoten aus, oder sie diskutieren Materialfragen. So schätzen Hobby-Knoter Naturfaser-Seile aus Hanf oder Baumwolle, da sich diese leicht und angenehm knoten lassen. Kunstfasern wie Nylon oder Polyester sind dagegen immer dann erste Wahl, wenn das Seil viel aushalten muss.

Ungekannte Knoten

Ständig wiederkehrendes Thema unter Knoten ist auch die Nomenklatur. Denn je nach Einsatzzweck und Sprache gibt es für jeden Knoten mehrere Namen. Und manchmal herrscht nicht mal Einigkeit darüber, wie man einen bestimmten Knoten richtig knüpft. So sind sich englische und deutsche Segler mitunter uneinig darüber, wie man einen ordentlichen Palstek macht. Die Briten legen das Seilende nach außen, für deutsche Segler gehört es in die Mitte des Knotens.

Aber der Detailreichtum fasziniere auch viele Mitglieder, sagt Böving, der vor zwei Jahren eine deutsche Abteilung der Knotengilde gegründet hat. Er erzählt von einer Frau, die vor ein paar Jahren ein Segelboot kaufte und sich bis dahin überhaupt nicht mit Knoten auskannte. Um das Boot im Hafen festzumachen, habe sie mit den Tauen herumprobiert und einen Spleiß entdeckt, der dieselbe Funktion wie der allseits bekannte Palstek habe, aber viel besser halte. „Den kannte noch keiner der Fachleute, die sich seit Jahrzehnten damit beschäftigen“, sagt Böving. So etwas passiere immer wieder: „Es sind noch lange nicht alle Knoten bekannt.“

Die ersten Knoten: Von Moorleichen und Gorillas

Wann der Mensch die ersten Seile verknotete, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Denn die Naturfasern, aus denen selbige vor Tausenden von Jahren gefertigt wurden, sind längst zerfallen. Unbeeindruckt davon ist mancher Knotenfreund davon überzeugt, dass schon der Homo erectus vor 250 000 Jahren Seile und damit Knoten benutzte. Gestützt wird das durch die Aussage einiger Forscher, die Menschenaffen dabei beobachtet haben wollen, wie sie rudimentäre Knoten in Lianen machen.

Die ältesten erhaltenen Knoten lassen sich dagegen auf die frühe Jungsteinzeit datieren. So wurden zum Beispiel in einem dänischen Moor die 8000 Jahre alten Skelette zweier Männer gefunden. Zumindest einer von ihnen hatte allerdings offenbar wenig erfreuliche Bekanntschaft mit Knoten gemacht: Um seinen Hals fand man eine Schlinge.

Auch die 5300 Jahre alte Gletschermumie Ötzi lässt Rückschlüsse auf die Verwendung von Knoten in prähistorischer Zeit zu. Schließlich war deren Lederausrüstung an mehreren Stellen aneinandergeknotet, wobei neben dem Kreuzknoten auch der sogenannte Sackstich zum Einsatz kam, mit dem zwei Seile miteinander verknotet werden.

Ägyptische Wandmalereien schließlich sowie in den Pyramiden gefundene Modelle von Galeeren lassen darauf schließen, dass spätestens die Menschen der Hochkultur am Nil ausgiebig geknotet haben. Überraschend wenig Erwähnung von Knoten findet man dagegen in der griechischen und römischen Antike. Manche Historiker vermuten, dass man Knoten hier magische Eigenschaften zusprach und sie daher nicht im Detail abbilden wollte. Tatsächlich findet man Knoten vor allem in Sagen, wie der des Gordischen Knotens, oder im Odysseus-Epos, in dem die Seemannschaft des griechischen Helden den verknoteten Beutel der Winde öffnet und damit einen Sturm entfesselt.

Die erste schriftliche Beschreibung von Knoten stammt schließlich aus den Aufzeichnungen eines römischen Gelehrten, wonach ein griechischer Arzt namens Heraklas im ersten nachchristlichen Jahrhundert 18 verschiedene Knoten benutzt haben soll, um Patienten bei Operationen zu fixieren. Neun dieser Knoten werden tatsächlich heute noch unter anderem Namen verwendet.

roga

Weitere Themen

Schusswaffen in Nordamerika Video-Seite öffnen

Videografik : Schusswaffen in Nordamerika

Wegen mutmaßlicher Finanzvergehen will der Bundesstaat New York die mächtige Waffenlobbygruppe NRA verbieten lassen. Der Besitz von Schusswaffen ist in der Gesellschaft Nordamerikas tief verwurzelt. Jedes Jahr sterben zehntausende Menschen durch Waffengewalt.

Die Ruhe vor dem Turm

Attersee in Österreich : Die Ruhe vor dem Turm

Am Attersee in Oberösterreich steht ein Zehnmeterturm. Auch wenn der sehr schön ist – der Rückwärtssalto von ganz oben kostet trotzdem viel Überwindung. Zum Glück kann man in der Nähe die Höhenangst bekämpfen.

Topmeldungen

Eine alarmierte Fresszelle, die sich Viren einverleibt.

Ur-Immunsystem unter Verdacht : Gift gegen das Virus

Unser Immunsystem ist der Schlüssel gegen Covid-19. Und das steckt voller Überraschungen. Jetzt ist sogar die „schmutzige Bombe“ unserer Abwehr als mögliche Rettung für Corona-Patienten im Spiel.
Eine Aufnahme aus dem Jahr 2010 zeigt die roten Roben der Richter in Karlsruhe.

NS-Vergangenheit von Richtern : Rote Roben, weiße Westen?

Das Bundesverfassungsgericht will die Verflechtungen seiner ersten Richtergeneration mit dem nationalsozialistischen Regime erforschen lassen. Das ist überfällig – und eine gewaltige Herausforderung. Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.