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Klaustrophobie : Die Panik des Jägers im Tunnel

  • -Aktualisiert am

Albtraum für Klaustrophobiker: Enge, dunkle Tunnel Bild: AP

Klaustrophobikern fällt es schwer einen Fahrstuhl zu betreten oder mit der U-Bahn zu fahren. Doch warum fürchten wir uns vor Enge und Dunkelheit, aber nicht vor Steckdosen? Klaustrophobie lässt sich nur schwer erklären. Aber dafür leicht behandeln.

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          Die Woche fing mit einer Beinahekatastrophe an. Man sah, wie Bahnreisende schreckensbleich aus einem Tunnel stolperten, in dem ein ICE bei Tempo 200 mit einer Schafherde kollidiert war. Kurz darauf kam es noch schlimmer: Von Kindern wurde berichtet, die ihr gesamtes Leben in einem Kellerverlies in Niederösterreich verbracht hatten. Beides weckte Ängste, die tief in jedem schlummern: gefangen zu sein in einer Lage, aus der es kein Entrinnen gibt.

          Klaustrophobiker kennen das Gefühl nur zu gut. Sie können keinen Fahrstuhl betreten, ohne dass ihnen die Luft knapp wird; sie suchen in geschlossenen Räumen stets den Platz, der dem Ausgang am nächsten ist; sie bekommen Schweißausbrüche in der U-Bahn und Herzrasen im Flugzeug. Wie viele Menschen ernsthaft unter solchen Beschwerden leiden, weiß man nicht genau; die Radiologen Kieran Murphy und James Brunberg stellten immerhin fest, dass am University of Michigan Hospital jeder siebte Patient, der in die enge Röhre eines Kernspintomographen geschoben wurde, in irgendeiner Form sediert werden musste, weil er die Prozedur sonst nicht ertragen hätte.

          „Niemand liebt Tunnel“

          Mittels Kernspintomographie lässt sich andererseits auch am besten verfolgen, welche Bereiche im Gehirn dabei aktiviert werden. Vor allem im sogenannten Mandelkern, dem Zentrum der Emotionsverarbeitung, spielt sich bei phobischen Attacken ein neuronales Gewitter ab. Das setzt eine biochemische Kaskade in Gang, bei der Stresshormone wie Noradrenalin oder Cortisol ausgeschüttet werden und den Körper auf Flucht programmieren, obwohl gar keine reale Gefahr besteht. Den Gipfel der Panik erleben Klaustrophobe, wenn zur Enge noch die Dunkelheit kommt. Diese Angst kennt kein positives Pendant mehr, anders als etwa die bekannte Flugangst oder die vor Spinnentieren, denen regelrechte Flugbegeisterung oder ausgesprochene Spinnenliebe gegenüberstehen kann.

          „Niemand liebt Tunnel“, bestätigt der Psychologe Andreas Mühlberger von der Universität Würzburg. Am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen hat er vor einigen Jahren zusammen mit Heinrich Bülthoff einen Simulator entwickelt, mit dem sich die Fahrt durch einen Straßentunnel täuschend echt ins Bild setzen lässt. Ein hydraulisch bewegter Stuhl vor einer Panoramaleinwand verschafft den Probanden exakt das Erlebnis, das sie in der Realität nach Möglichkeit vermeiden. Ihr Blick wird starr, Beklemmung legt sich über die Brust, die Handflächen werden feucht, die Augen blinzeln häufiger.

          Werden Phobien überhaupt erlernt? Oder sind sie angeboren?

          Zehn Prozent aller Autofahrer, schätzt Mühlberger, leiden so stark unter den Symptomen, dass sie alles unternehmen, um Tunnelfahrten aus dem Weg zu gehen. Was die Sache nur verschlimmert, denn das Einzige, was helfen würde, wäre, sich der Situation immer wieder auszusetzen. „Die Antizipation der Furcht“, sagt Mühlberger, „schränkt sonst irgendwann stärker ein als die Furcht selber.“ Im virtuellen Tunnel, haben die Psychologen herausgefunden, lässt sich die Phobie besser als draußen im wahren Leben bekämpfen, weil jederzeit eingegriffen oder abgebrochen werden kann. Neun von zehn Patienten können auf diese Weise von ihren Ängsten befreit werden. In Würzburg hat Andreas Mühlberger mit wesentlich einfacheren Mitteln als in Tübingen einen zweiten Simulator gebaut. Die Ergebnisse sind dieselben: Furcht, die erlernt wird, lässt sich durch wiederholte Konfrontation wieder verlernen.

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