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Im Gespräch : Vom Ursprung der Hobbits

Alt von Anbeginn. Nicht nur damit erinnert der Zauberer Gandalf an eine zentrale Figur des „Kalevala“. Bild: Foto Warner Bros.

Bevor er Mittelerde schuf, erzählte der britische Philologe und Schriftsteller J.R.R.Tolkien das finnische Nationalepos „Kalevala“ nach. Das hatte Folgen.

          Ein junger Krieger trifft ein Mädchen. Sie mögen sich und schlafen miteinander. Als sie erkennen, dass sie Bruder und Schwester sind, springt das Mädchen in einen reißenden Fluss und ertrinkt. Der Krieger hält Zwiesprache mit seinem Schwert, das ihm zum Selbstmord rät. Dann stürzt er sich in die Klinge.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          So steht es in der tragischen Geschichte von den Kindern König Hurins, die der englische Schriftsteller John Ronald Reuel Tolkien (1892 bis 1973) in einer Urfassung wohl am Ende des Ersten Weltkriegs niederschrieb. Es ist eines der frühesten Zeugnisse von Tolkiens Beschäftigung mit der fiktiven Welt „Mittelerde“, die Jahrzehnte später Schauplatz seiner berühmtesten Romane sein sollte: „Der Hobbit“, dessen Schlussteil vom kommenden Donnerstag an im Kino zu sehen ist, und natürlich „Der Herr der Ringe“.

          Am Anfang war die Sprache

          So steht die Inzest-Geschichte aber auch im finnischen Nationalepos „Kalevala“. Es wurde zuerst 1835 und deutlich erweitert 1849 publiziert, auf der Grundlage von Liedern, die der finnische Arzt und Philologe Elias Lönnrot auf seinen Reisen in abgelegenen karelischen Dörfern gehört und notiert hatte. Das Epos schildert in fünfzig Gesängen die Abenteuer dreier Helden von der Erschaffung der Welt aus Enteneiern bis zur Christianisierung des mythischen Landes Kalevala. Eine nur lose mit dem übrigen Werk verbundene Episode ist die Geschichte Kullervos. Sein Vater Kalervo wurde von dessen Bruder Untamo überfallen, seine Mutter auf Untamos Hof entführt. Dort bringt sie Kullervo zur Welt, der später als Sklave beim Schmied Ilmarinen lebt, diesem entkommt und im Wald auf seine Schwester trifft, ohne dass die Geschwister sich erkennen. Es kommt zum Inzest, der dieselben Folgen hat wie später auch in Tolkiens Text: Die Schwester ertränkt sich im Fluss, und der Bruder befolgt den Rat seines Schwertes, sich umzubringen.

          In „Die Kinder Húrins“ erwähnt Tolkien seine Vorlage für diese Szene mit keinem Wort. Von einer unbewussten Übernahme des Motivs oder gar von einem Plagiat kann aber keine Rede sein. Dass seine Bekanntschaft mit der finnischen Sprache einen Anstoß gab für Tolkiens Schreiben und letztlich für die Erfindung von Mittelerde, hat Tolkien gern berichtet.

          So heißt es in einem Brief vom 7. Juni 1955 an den befreundeten Autor und „Herr der Ringe“-Kritiker W. H. Auden (1907 bis 1973) über die Schreibkrise in den Jahren nach 1910, dass erst mit dem Finnischen für ihn „der Knoten geplatzt“ sei: „Etwas in der Atmosphäre des Kalevala zog mich ungemein an.“ Den Anfang seines „Legendariums“, der Sammlung seiner auf Mittelerde bezogenen Texte, bildete dann auch 1912 oder 1913 „ein Versuch, etwas aus dem Kalevala, besonders die Erzählung von Kullervo, dem Unglücklichen, in meine eigene Form umzuschreiben“

          Auf wüste Weise unhellenisch.

          Dieser Zusammenhang war also schon bekannt – allerdings nur im Prinzip, weil die entscheidenden Texte Tolkiens zu diesem Thema fast hundert Jahre lang unpubliziert geblieben waren. Erst mit der kommentierten Edition, die 2010 von der amerikanischen Kulturwissenschaftlerin Verlyn Flieger im siebten Band der Tolkien Studies vorgelegt wurde, konnte man sich ein Bild davon machen. Flieger edierte die „Kullervo“-Nacherzählung sowie zwei nur wenig unterschiedliche und fragmentarisch überlieferte Fassungen eines Vortrags, deren erste Tolkien Ende 1914 in Oxford und noch einmal Anfang 1915 in Exeter hielt. Die zweite Fassung entstand offenbar um 1920.

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