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Kinderpsychologie : Er war die bekannteste Mutter seiner Epoche

Hier nun kam Konrad Lorenz in Spiel. Er hatte nach dem Krieg die Schlussfolgerungen seiner Forschungen an Geflügel immer stärker auf den Menschen ausgedehnt. In den fünfziger Jahren war er der einzige Biologe in einer Gruppe von Entwicklungspsychologen, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammengebracht worden war, um die Konsequenzen der Ethologie für die Psychologie des Kindes zu diskutieren ("Discussions on Child Development", hrsg. von J.M. Tanner und Baurbel Inhelder, London 1971). Zwar gab er zu, noch wisse man nicht einmal über angeborene Verhaltensmuster bei Säugetieren Bescheid, was ihn aber nicht hinderte, sehr weitreichend über die Instinktnatur des Menschen zu sprechen. Anstelle von Forschung nahm er das Aussehen von Käthe-Kruse-Puppen und Disney-Figuren als Beleg dafür, dass es ein angeborenes Kindchen-Schema als Auslöser für mütterliche Zuwendungsinstinkte gebe. Einzig Margarte Mead widersprach Lorenzens weiterer Vermutung, in allen Gesellschaften werde die Mutterliebe höher als Sexualität und Nahrungstrieb gewertet. Außerdem, meinte Lorenz, der auf Meads Gegenbeispiel nicht einging, sei es wohl angeboren, dass Buben den Vater, Mädchen die Mutter imitierten.

Im Leihhaus der Wissenschaft

Obwohl Lorenz also zu keiner dieser Fragen geforscht hatte, wurde er, die Entenersatzmutter, sowohl interdisziplinär wie öffentlich als Experte für Mutterschaft überhaupt behandelt und führte sich selber auch durchaus so auf. Den Psychoanalytikern kam seine Herkunft aus einer Naturwissenschaft entgegen. René Spitz, dessen Hospitalismus-Studien ebenfalls wegen unklarer empirischer Grundlage kristiert worden waren, freundete sich mit Lorenz an, und auch andere Champions der analytischen - aber sollte man hier nicht besser sagen: synthetischen - "Mutterforschung" wie Therese Benedek und John Bowlby bauten nach und nach die biologische Instinktlehre in ihre Texte ein. Erst 1962 veröffentlichte die WHO einen Bericht, "Deprivation of Maternal Care: A Reassessment of its Effects", in dem festgehalten wurde, dass es für die behaupteten Zentralstellung der Mutterliebe keine empirische Bestätigung gebe. Zu wenig war von den Analytikern zwischen mütterlicher Zuwendung und Zuwendung überhaupt unterschieden worden. Für statistische Zuverlässigkeit ihrer Aussagen hatten sie sich nicht interessiert. Viele Schlüsse wurden anhand immer derselben Stichprobe gezogen.

Doch weder diese Einwände noch der WHO-Report wurde sehr beachtet. Der Kredit, den die biologische Autorität den Psychoanalytikern verschaffte, war hoch genug. Die Ironie: Die Quellen, auf die sich Konrad Lorenz bezog, als er in den sechziger und siebziger Jahren - selbst mit seinen Tierstudien in die Kritik geraten - eine Anthropologie entwickelte, waren psychoanalytische. Er verwies auf seine Resonanz bei den Kinderpsychologen, um die Geltung seiner Argumente und Grundbegriffe zu bekräftigen. Vorträge hielt er zunehmend nicht mehr an biologischen Fakultäten, sondern vor Psychiatern und an Kliniken. "The Family, to Lorenz, Is All", übertitelte die "New York Times" 1970 ein Interview mit ihm, in dem er seine Überzeugungen vom Kulturniedergang aufgrund instinkt-inadäquater Familienverhältnisse mitteilte. Und als er 1973 zusammen mit Niko Tinbergen und Karl von Frisch den Nobelpreis für Medizin erhielt, stand in der Urkunde als ein Grund, ihre Entdeckungen beträfen auch das Verhalten von Müttern zu ihren Neugeborenen. Aber keiner der drei hatte jemals über Mütter geforscht.

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