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Literaturwissenschaft : Kinder, ist das kompliziert

Wer soll das bloß alles lesen? Der Nachwuchs natürlich. Wenn es ihm die Eltern nicht aus den Händen reißen. Bild: Rainer Wohlfahrt

Literatur für junge Leser ist beliebt. Und wird gern belächelt. Taugt sie trotzdem als Forschungsgegenstand?

          Wer für Kinder und Jugendliche schreibt, gewinnt dafür keine großen Auszeichnungen: Nicht einmal die weltweit gefeierte Astrid Lindgren hat den Literaturnobelpreis erhalten. Sein nationales Pendant, der Büchnerpreis, ging zwar 1954 an Erich Kästner, also tatsächlich an einen Verfasser auch von Kinderbüchern. Doch in seiner Laudatio lobte Kasimir Edschmid wortreich den subversiven Lyriker, den „Spötter“ und „Asphalt-Literaten“ der Weimarer Republik. Zum Autor von „Emil und die Detektive“ fiel Edschmid dagegen nur ein, dass mit Kästners Kinderbüchern überall auf der Welt Deutsch gelernt werde, was kein geringer Dienst am Vaterland sei. Literarische Qualitäten konnte Edschmid an Kästners Kinderbüchern offenbar nicht entdecken. Es scheint, dass Kästner den Preis nicht wegen, sondern trotz seiner Schriften für junge Leser bekommen hat.

          Viele Leser, wenig Forscher

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Ob Otfried Preußler, Michael Ende oder James Krüss - die Liste bedeutender Kinderbuchautoren, die von der Büchnerpreisjury Jahr für Jahr übergangen wurden, ist lang. An ihrer mangelnden Präsenz bei den Lesern kann das nicht liegen. Der Anteil der Kinder- und Jugendliteratur (KJL) am deutschen Buchmarkt liegt stabil bei etwa 17 Prozent, ihr Anteil an den übersetzten deutschen Büchern sogar bei 25 Prozent.

          Doch das Interesse der Forschung an ihr ist erheblich geringer: Nur wenige Literaturwissenschaftler beschäftigen sich mit Kinderbüchern oder bauen gar eine Karriere auf diesem Schwerpunkt auf. Während andere Fächer an den Universitäten florieren, wurden in den vergangenen Jahren Lehrstühle, die einst auch zur Erforschung von KJL eingerichtet worden waren, in Juniorprofessuren mit zum Teil anderem Profil umgewandelt. Wie es aussieht, wenn diese Zeitstellen ausgelaufen sein werden, steht in den Sternen.

          Leuchtturm Frankfurt

          Eine Ausnahme ist der Wechsel im Institut für Jugendbuchforschung an der Frankfurter Universität. Für Hans-Heino Ewers, der das Institut 25 Jahre lang geführt hatte, kam im vergangenen April die Oldenburger Literaturwissenschaftlerin und Kinderbuchexpertin Ute Dettmar. Sie übernimmt ein Institut, das 1963 von dem Literaturdidaktiker Klaus Doderer gegründet worden war und zunächst vor allem der Ausbildung von angehenden Deutschlehrern diente - denn die Erforschung von Kinderbüchern ist seit jeher auch institutionell eng mit der Literaturdidaktik verbunden, meist allerdings als eine Art Nebenprodukt: Entscheidend ist in diesem Rahmen, angehenden Lehrern das Rüstzeug zu geben, Kinder- und Jugendbücher im Unterricht zu behandeln.

          Doch Doderer, der kürzlich seinen neunzigsten Geburtstag feierte, richtete einen Magisterstudiengang zur KJL ein, und unter seinem Nachfolger Ewers verschoben sich dann die Gewichte endgültig in Richtung der literaturwissenschaftlichen Forschung. Siebzig Prozent derjenigen, die das Institut zu seiner Zeit besuchten, schätzt Ewers, hätten ein Magisterstudium absolviert, und rund 600 Abschlussarbeiten hätte er begutachtet.

          Germanisten lesen lieber über Thomas Mann

          Das sagt allerdings noch nichts über die wissenschaftliche Relevanz dieser Forschungsrichtung und erklärt nicht, warum man dafür überhaupt ein eigenes Institut braucht. Schließlich könnten Seminare über deutsche Kinderbücher auch im Rahmen der allgemeinen Germanistik angeboten werden - neben Lehrveranstaltungen zu Hölderlin oder Thomas Mann.

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