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Kaufzwang : Kaufen zwischen Lust und Krankheit

  • -Aktualisiert am

Wenn der Konsum zur Obsession wird, stehen Freunde und Arbeit auf dem Spiel. Experten diskutieren derzeit, ob Kaufrausch Sucht, Zwang oder eine psychische Störung ist. Manche Forscher gehen sogar von einem neuen Volksleiden aus.

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          Kaufen hat neuerdings einen gewaltigen Krankheitswert. Gleich, ob es „Kaufsucht“ oder „Kaufzwang“ genannt wird, an krankhaftem Kaufverhalten jedenfalls sollen nahezu vier Millionen Menschen im Land und damit fast sechs Prozent der Erwachsenen leiden, wenn die unlängst bekanntgewordenen Zahlen einer amerikanischen Studie stichhaltig wären. Und beeindruckender noch: Fast die Hälfte der Kaufkranken sollen Männer sein. In der Online-Ausgabe des „American Journal of Psychiatry“ sprechen die Autoren der Untersuchung, eine Forschergruppe der Stanford University um Lorrin M. Koran, von sechs Prozent der Frauen und 5,5 Prozent der Männer - insgesamt 5,8 Prozent der Erwachsenen.

          Das männliche Kaufleiden wurde von Medien hierzulande gern aufgegriffen, und kaum jemand schien an den Zahlen zu zweifeln. Tatsächlich aber wäre die eigentliche Sensation die Häufigkeit krankhaften Kaufens an sich, wie sie in der Studie von Koran ermittelt wurde. Zum Vergleich: 5,6 Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden nach einer Erhebung, die das Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben hat, unter Depressionen, neun Prozent unter Angststörungen. Diese psychischen Leiden gehören zu den häufigsten in Deutschland. Das krankhafte Kaufen wäre - die Vergleichbarkeit amerikanischer und deutscher psychischer Störungen wird von Experten vorausgesetzt - somit eine der großen und wichtigen Psychopathien und als Krankheit in der Republik bisher eindeutig verkannt.

          Gibt es die Kaufkrankheit überhaupt?

          In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen - der „ICD-10“ - sucht man das pathologische Kaufen erfolglos. Ein krankhaftes Kaufverhalten ist darin weder als „Kaufsucht“ noch als „Kaufzwang“ nachzuschlagen. Gibt es also die Kaufkrankheit? Johannes Schröder, Psychiater an der Universitätsklinik Heidelberg, meint nein. In seiner langjährigen Laufbahn habe er solche Beschwerden noch nicht bei Patienten festgestellt, auch nicht in einer großangelegten Längsschnittstudie, in der tausend Menschen aus Leipzig und Heidelberg zwölf Jahre lang mit mehrstündigen Interviews und psychiatrischen Meßinstrumenten untersucht worden waren. „Ich bin sicher, wir hätten es entdeckt, wenn einer der Studienteilnehmer davon betroffen gewesen wäre.“ Es gebe allerdings psychische Erkrankungen, bei denen übermäßiges Kaufen als ein Symptom auftrete, etwa bei Manien. Unverhältnismäßiges Kaufen könne auch sicherlich zur Kompensation, etwa von Mißerfolgen im Beruf oder im Privaten, eingesetzt werden.

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          Wie also kam Koran auf die beeindruckende Zahl? Im Bundesgesundheitssurvey, einer vom Bundesgesundheitsministerium initiierten Erhebung zur Gesundheit der deutschen Bevölkerung, befragten erfahrene Psychologen die Teilnehmer im direkten Gespräch in Form eines durchschnittlich einstündigen klinischen Interviews, um die Häufigkeiten verschiedener psychischer Erkrankungen bestimmen zu können. Im Gegensatz dazu wollten die Forscher um Koran das Leiden telefonisch festgestellt haben. Laien mit - so wird betont - einjähriger Erfahrung in Telefonbefragungen und einem speziellen Training für die Untersuchung stellten den Teilnehmern sieben Fragen. 11,3 Minuten hätten die Interviews im Durchschnitt gedauert.

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