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Junge oder Mädchen? : Der frühe Kampf der zwei Geschlechter

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Leicht in der Überzahl: Auf 100 neugeborene Mädchen kommen im Durchschnitt 105 Jungen Bild: dpa

Großen Einfluss auf das Geschlecht seiner Nachkommen hat der Mensch normalerweise nicht - Mutter Natur hingegen schon eher. Deshalb kamen nach dem Zusammenbruch der DDR viel mehr Mädchen als Jungen zur Welt.

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          „Nur sensible Männer können Töchter.“ Der Spruch geht auf Wolfgang Clement zurück - Vater von fünf Töchtern. Dabei lebt der ehemalige Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit in Bonn und nicht in den Tropen. Denn dort kommen deutlich mehr Mädchen zur Welt als in anderen Breitengraden.

          Gründe dafür könnten die Tageslänge und die Temperatur sein, berichtet Kristen Navara von der Universität von Georgia in Athens in den Biology Letters der britischen Royal Society. Die Biologin hatte die Geburtenzahlen aus 202 Ländern aus den Jahren 1997 bis 2006 analysiert und dabei deutliche Unterschiede im Geschlechterverhältnis bei Lebendgeburten ausgemacht. Demnach waren in Afrika 49,3 Prozent der Neugeborenen weiblich, in Europa und Asien hingegen nur 48,6 Prozent. Mit Zunahme der Breitengrade nahm der Anteil der männlichen Babys zu. „Diese Verteilung konnten wir unabhängig vom Lebensstil und dem sozioökonomischen Status beobachten“, sagt Navara über ihre im April veröffentlichten Daten.

          Zufall oder evolutionsbiologisches Erbe? Im weltweiten Durchschnitt ist das Geschlechterverhältnis beim Menschen erstaunlich konstant. Auf 100 neugeborene Mädchen kommen 105 bis 106 Jungen. Das entspricht dem Anteil der Jungen in Navaras Zehn-Jahres-Analyse von rund 51,3 Prozent. In den Tropen gab es jedoch weniger männlichen Nachwuchs - nur 51,1 Prozent. Um den Grund für diese Verschiebung zu finden und zu überprüfen, ob das Phänomen nur in bestimmten Kontinenten auftritt, suchte Navara nach den entsprechenden Korrelationen. „Aber auch ohne die afrikanischen und asiatischen Länder waren die Geburtenraten klar mit dem Breitengrad verbunden.“ Damit sei auszuschließen, dass eine vorgeburtliche Auswahl, wie sie in vielen Ländern Praxis ist, diese auffällige Verteilung beeinflusst.

          Startvorteil für die Jungs

          Wenn sich kulturelle Faktoren also ausschließen ließen, müsse die ungleiche Verteilung neugeborener Jungen und Mädchen in der Biologie zu finden sein, sagt Kristen Navara. Sie vermutet, dass es sich um ein Überbleibsel der sogenannten natürlichen Selektion handelt: Da jedes Geschlecht mit den jeweiligen Umweltbedingungen besser oder schlechter zurechtkommt, könnten die Klimazonen mit allen ihren Rahmenbedingungen eine bislang unbekannte Konstante in der Verteilung Jungen-Mädchen sein.

          Aber nicht nur Klimazonen könnten das Geschlechterverhältnis beeinflussen, sondern auch saisonale Änderungen. Angelo Cagnacci von der Poliklinik in Modena beobachtete, dass die Jahreszeiten einen statistisch belegbaren Einfluss auf das Verhältnis der Geburtenraten haben. Wie er 2005 im Fachjournal Human Reproduction schrieb, werden Jungen am häufigsten im Herbst gezeugt. „Die Chancen für die Geburt eines Mädchens dagegen sind bei einer Empfängnis in den Monaten März bis Mai am besten.“ Damit hat der italienische Gynäkologe eine Formel gefunden, ohne aber eine Erklärung für die jahreszeitlichen Schwankungen zu liefern. In gewisser Weise widerspricht ihm der Reproduktionsbiologe Alexander Lerchl von der Jacobs-Universität Bremen, der vermutet, dass sich Spermien mit Y-Chromosomen, also männliche (siehe „Der Sprint zur Eizelle“), möglicherweise erst bei Wärme so richtig entwickeln können.

          Unabhängig von der Temperatur scheinen männliche Embryonen zum Zeitpunkt der Einnistung in die Gebärmutter im Vorteil zu sein. Grund sei, sagt Cagnacci, dass sich ihre Zellen schneller teilten und eine höhere Stoffwechselrate hätten als die weiblicher Embryonen. Allerdings gingen schnelle Zellteilungen oft mit einer höheren Fehlerquote einher - die relativiere wieder den Startvorteil der Jungs.

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