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Inzest und das genetische Risiko : Das bleibt in der Familie

Die Zuneigung eines 15-Jährigen zu seiner Mutter macht Louis Malle im Film „Herzflimmern“ (1971) zum Thema. Bild: Ullstein

Der Deutsche Ethikrat befasste sich mit Paragraph 173, dem Inzestverbot. Es ist Ausdruck eines Tabus, für das auch eine biologische Grundlage bestehen könnte.

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          Patrick und Susan liebten sich, bekamen zusammen vier Kinder. Daran hätte sich wohl niemand gestört, wären sie nicht Bruder und Schwester. Der Fall aus Sachsen ging mehrfach durch die Medien, etwa im April 2012, nachdem der Europäische Gerichtshof (EuGH) die Beschwerde des Mannes gegen ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes aus dem Jahr 2008 zurückgewiesen hatte. Er hatte mehrere Jahre im Gefängnis gesessen, verurteilt wegen des Verstoßes gegen Paragraph 173 des deutschen Strafgesetzbuches, und wollte gegen das eben darin verankerte „Inzestverbot“ zwischen Geschwistern ankämpfen.

          Sonja Kastilan
          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Um Missbrauch oder Sex mit Minderjährigen kümmern sich andere Paragraphen, unter die vermutlich auch jene intime Geschichte, die Louis Malle im Film „Herzflimmern“ mit Mutter und Sohn erzählt, fallen würde. Bei Paragraph 173 geht es um Beischlaf zwischen leiblichen Abkömmlingen, Verwandten aufsteigender Linie oder leiblichen Geschwistern. Einvernehmlicher Sex zwischen entsprechend nahverwandten Erwachsenen ist demnach verboten, wobei aber lediglich „vaginaler Verkehr“ betrachtet wird, nicht irgendwelche anderen sexuellen Handlungen.

          Nach dem EuGH-Urteil nahm sich der Deutsche Ethikrat dieses strafrechtlich geregelten Tabuthemas an. In einer Stellungnahme wurde nun vergangene Woche eine Revision des Paragraphen 173 empfohlen. Argumente aus der Genetik, die das Bundesverfassungsgericht unter anderem noch herangezogen hatte, lässt man beispielsweise nicht mehr gelten. Bei Kindern aus inzestuösen Verbindungen besteht ein erhöhtes Risiko für rezessiv erbliche und für multifaktoriell bedingte Krankheiten. Doch schon 2008 hatte sich die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik gegen eine daran angelehnte Argumentation ausgesprochen: „Wenn mit ,eugenischen‘ Gesichtspunkten die an anderer Stelle des Beschlusses sogenannte ,Volksgesundheit‘ gemeint ist, so müssten die Krankheitsrisiken der Kinder aus Geschwisterverbindungen gegen die Krankheitsrisiken der Kinder anderer Paare abgewogen werden. Das Argument, es müsse in Partnerschaften, deren Kinder ein erhöhtes Risiko für rezessiv erbliche Krankheiten haben, einer Fortpflanzung entgegengewirkt werden, ist ein Angriff auf die reproduktive Freiheit aller.“

          Welche Probleme treten auf?

          An dieser Haltung habe sich nichts geändert, sagt Klaus Zerres, derzeit Vorsitzender der besagten Gesellschaft, und er schließt sich dieser Meinung an. Zerres leitet das Institut für Humangenetik der Universitätsklinik in Aachen und ist tagtäglich mit den Problemen konfrontiert, die rezessive Erbkrankheiten für die Betroffenen mit sich bringen. Mukoviszidose zählt etwa dazu, mit einer Häufigkeit von 1:2500. „In der Normalbevölkerung trägt statistisch jeder Fünfundzwanzigste eine Anlage dafür, ist aber heterozygot, mischerbig und daher gesund“, erklärt Zerres. Das heißt, in diesen Fällen kann die zweite, von den Eltern geerbte Anlage den Defekt ausgleichen. Treffen nun zwei mischerbige Träger aufeinander, besteht die statistische Wahrscheinlichkeit, dass eines von vier Kindern an Mukoviszidose leidet.

          „Wir alle sind Träger mehrerer ungünstiger Erbanlagen, da wir meist auch eine intakte Kopie dieser Gene tragen, kann der Körper das tolerieren“, sagt Zerres. Unter Verwandten erhöhe sich jedoch tatsächlich das Risiko, dass beide Partner die gleichen ungünstigen Genvarianten tragen – und dann auch weitergeben: Verwandte ersten Grades, etwa Vater und Tochter oder Bruder und Schwester, haben die Hälfte ihres Erbgutes gemein. Darüber hinaus muss nicht nur mit bestimmten Erbkrankheiten, wie es die Mukoviszidose ist, gerechnet werden: „Es erhöhen sich auch die Risiken für andere Gesundheitsprobleme, zum Beispiel Herzfehler oder geistige Behinderung“, sagt Zerres. Dafür sei meist nicht nur ein Gen allein verantwortlich, sondern mehrere, von denen man viele noch gar nicht kenne. Auch andere Fehlbildungen und früher Kindstod kämen häufiger vor, das lasse sich aus alten Untersuchungen ableiten, auch wenn die Daten nicht präzise seien.

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