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Intelligente Tiere : Rechnende Bienen und selbstbewusste Fische

Erstaunliche Fähigkeiten: Honigbienen können offenbar einfache Rechnungen ausführen. Bild: ZB

Insekten und Fischen traut man gemeinhin kein besonders komplexes Denken zu. Zwei Studien haben jetzt aber erstaunliche Ergebnisse geliefert, die neues Licht auf deren kognitive Fähigkeiten werfen. Eine Glosse.

          Der Spekulation über die Intelligenz der uns umgebenden Maschinen und Algorithmen widmen wir Menschen uns gerne. Ist Siri wirklich so doof, wie sie scheint? Und wie lang wird es dauern, bis Alexa all das, was sie erlauscht, auch wirklich versteht? Bei all den Sensationen im Bereich der Künstlichen Intelligenz kommt da leicht das Staunen über etwas viel Naheliegenderes zu kurz: das Wunder der natürlichen Intelligenz anderer – ganz analoger – Lebewesen.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Honigbienen zum Beispiel. Dass die kleinen Tierchen einfache Rechenaufgaben zu lösen vermögen, berichtet aktuell eine Gruppe australischer und französischer Wissenschaftler in „Science Advances“. Die Forscher ließen die Bienen in ein Y-förmiges Labyrinth fliegen. Am Ende des einen Beines wartete eine zuckrige Lösung, am anderen ein ungenießbares Präparat. Wo sich die Belohnung befand, wurde in einer symbolisch ausgedrückten Rechenaufgabe am Eingang des Labyrinths angezeigt: Eine Abbildung von bis zu fünf Quadraten in Blau oder Gelb. Blau stand für „plus 1“, Gelb für „minus 1“. Im Inneren des Y-Aufbaus waren an der Gabelung, wiederum anhand von Abbildungen einer bestimmten Anzahl von Quadraten, zwei mögliche Lösungen der Aufgabe den beiden Wegen zugeordnet, hinter der richtigen wartete der Zucker.

          Alle Bienen wurden zunächst individuell in je 100 Versuchen trainiert und steigerten ihre Erfolgsquote dabei schnell. In der anschließenden Testphase durften die Bienen ihr neues Wissen anhand einer vorher nie gezeigten Rechenoperation – die Zahl drei kam im Training am Eingang nie vor – demonstrieren. Das Ergebnis: Die Bienen performten signifikant besser, als wenn sie ihren Weg nur auf gut Glück gewählt hätten. Die Autoren werten dies als Anzeichen vorliegender numerischer Kognition. Beachtlich für ein winziges Bienenhirn.

          Stellt Wissenschaftler vor ein Interpretationsproblem: der sich scheinbar selbst erkennende Putzerfisch (Labroides dimidiatus).

          Der Putzerlippfisch Labroides dimidiatus ist im Vergleich zwar etwas größer, doch kognitive Hochleistungen hätte man auch von ihm nicht erwartet. Japanische, Schweizer und deutsche Forscher spekulieren nun aber in „Plos Biology“, dass die einige Zentimeter großen Meeresbewohner Bewusstsein und Eigenwahrnehmung besitzen könnten. Zumindest wenn man den „Spiegeltest“ als Grundlage einer solchen Zuschreibung wählt: Die gezielte Interaktion mit dem eigenen Spiegelbild, die schließlich in dem Versuch gipfelt, eine nur per Spiegel sichtbare Markierung am eigenen Körper zu entfernen. Dieser Test war ursprünglich für Primaten entwickelt worden, konnte aber auch erfolgreich von anderen Tieren wie Elefanten, Delphinen und Rabenvögeln gemeistert werden.

          Die japanischen Fische scheinen in ihrem Experiment, so berichten zumindest die Forscher, nun ebenfalls die obligatorischen Phasen selbstbewussten Spiegelverhaltens durchlaufen zu haben. Selbst eine Markierung an ihrem Hals versuchten die Fische abzukratzen. Aber heißt dies nun wirklich, dass diese Tiere Selbstbewusstsein besitzen? Handelt es sich zumindest um eine frühe Übergangsform hin zur Erkennung des Ichs? Oder ist ganz einfach der Test falsch konzipiert, und wir lernen daraus tatsächlich gar nichts über die Intelligenz der Tiere? Es zeigt sich immer wieder: Der Versuch, fremde Intelligenz zu verstehen, führt uns nicht selten zunächst auf die potentiellen Grenzen unserer eigenen.

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