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Immunologie : Tricks mit Y

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Am Anfang galten Antikörper-Präparate als die „magischen Kugeln“ der Krebstherapie. Dann wollte niemand mehr etwas von ihnen wissen. Doch die Erfolgsgeschichte des ersten zugelassenen Antikörper-Präparats Rituximab zeigt, dass es sich lohnen kann, gegen alle Bedenken weiterzumachen.

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          Manche bleiben selbst dann von ihrer Idee überzeugt, wenn die Pleite droht. Antonio Grillo-Lopez ist so ein Mensch. Der Mediziner, dem Mitschüler in der Abschlussklasse in Puerto Rico weissagten, er werde einmal „ein Heilmittel gegen Krebs entdecken“, verfolgte genau diese Mission hartnäckig. Heute kann er auf eine der großen Erfolgsgeschichten der Krebsmedizin zurückblicken.

          Vor 15 Jahren drohte seinem Arbeitergeber das Aus. Die Biotechnologie-Firma IDEC in San Diego hatte sich als eine der ersten vorgenommen, aus Krebspatienten Antikörper zu isolieren und im Labor zu vervielfältigen. Schon der deutsche Nobelpreisträger Paul Ehrlich hatte im 19. Jahrhundert davon geträumt, diese „magischen Kugeln“ gegen Tumore in Stellung zu bringen. Denn diese Waffen der natürlichen Immunabwehr haften wie Magnetpfeile an ihren Zielen und markieren sie so als fremd.

          Ein heikler Engpass

          IDEC war mit dieser Idee 1991 an die Börse gegangen. Das hatte erst einmal 50 Millionen Dollar in die Kassen gespült. Doch ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als sich die ersten Erfolge einzustellen begannen, musste die junge Firma ihre kostspieligen klinischen Versuche an Krebspatienten auf Eis legen. „Leider forderte die amerikanische Zulassungsbehörde für Arzneimittel unerfüllbare Auflagen“, ärgert sich Grillo-Lopez, der damals als einziger Arzt bei IDEC für die klinische Entwicklung zuständig war, noch heute. Für den Bau der entsprechenden Produktionsanlagen fehlten die Gelder. Hinzu kam, dass ein vernichtender Übersichtsartikel aus einer führenden Fachzeitung unter Onkologen die Runde machte. Darin wurden in einer langen Litanei die erfolglosen klinischen Versuche am Menschen aufgezählt. „Nach den Fehlschlägen dachten fast alle: Antikörper gegen Krebs - das klappt nie“, erinnert sich der Mediziner an die Stimmung Anfang der neunziger Jahre.

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          Selbst mutige Investoren zögerten, noch mehr Geld in das neue Forschungsgebiet zu investieren. Schließlich drehten die Risikokapitalgeber der kleinen Firma mit ihren 60 Mitarbeitern den Geldhahn ganz zu; die noch vorhandenen Mittel schmolzen dahin wie Schnee in der Sonne. Anders als die Firmenlenker der aktuellen Finanzkrise, wundert sich der heute 69-jährige Grillo-Lopez, „strichen wir damals sofort alle Boni. Ich musste mein Haus verkaufen.“ Alle Mitarbeiter hätten zwei Jahre auf Teile ihres Gehaltes verzichtet: „Wir wollten niemand entlassen.“

          Ein Hoffnungsträger

          Statt aufzugeben, setzte das Team in der Krise alles auf eine Karte. Alle Kräfte wurden auf ein bis dahin kaum beachtetes Molekül konzentriert, dessen Form an ein Ypsilon erinnert (siehe Infografik „Das Y-Molekül“). Der Hoffnungsträger hieß „IDEC 2B8“, ein Antikörper, der in einer Labormaus entstanden war. Die Firmenforscher hatten ihr menschliche Immunzellen injiziert und sie damit immunisiert. Die Antikörper produzierenden Zellen der Maus hatten sie anschließend im Labor mit Krebszellen verschmolzen. Mit Hilfe dieses Tricks waren die Zellen quasi unsterblich geworden und stellten fortan jeweils einen individuellen Molekültyp her, einen monoklonalen Antikörper.

          Unter allen fusionierten Zellen hatten die Molekularbiologen anschließend nach jenen gefahndet, deren Antikörper ein charakteristisches Merkmal auf der Oberfläche menschlicher Immunzellen erkannten: das CD20-Antigen auf B-Zellen (siehe Infografik „Das Prinzip Passung“). Diese Proteinstruktur galt als besonders vielversprechendes Angriffsziel für Arzneimittel, weil bestimmte Tumore des Immunsystems, die B-Zell-Lymphome, genau dieses Molekül auf ihrer Oberfläche tragen. Wenn es gelingen würde, entartete Immunzellen mit Antikörpern gezielt zu zerstören, könnte auf diese Weise das Leben von Krebspatienten verlängert werden.

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