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Insektensterben : Der Trend geht zur sauberen Frontscheibe

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Seltener Waldbewohner: Ein Hirschkäfer in einem Waldstück am Frankfurter Flughafen
Seltener Waldbewohner: Ein Hirschkäfer in einem Waldstück am Frankfurter Flughafen : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Angesichts der Bedeutung von Insekten in der Biosphäre und für die Landwirtschaft sollte man meinen, es gäbe längst ein umfassendes Monitoring. Doch während viele Menschen fasziniert sind, wenn Biologen in tropischen Regenwäldern nach neuen Arten suchen, wird die Artenkunde in Deutschland vernachlässigt. Wenn Forscher suchen, gibt es erstaunliche Überraschungen: So gab das Forschungsmuseum Alexander König in Bonn Anfang April bekannt, man habe in einer Malaise-Falle im eigenen Park eine unbekannte Spezies von Trauermücken entdeckt, die den Namen Ctenosciara alexanderkoenigi bekommen habe. Die automatisierte Falle, in die das Tier geriet, gehört zum ehrgeizigen Programm einer genetischen „Nationalbibliothek“ aller Tiere, Pflanzen und Pilze in Deutschland. Museumschef Wolfgang Wägele fordert nun, automatisierte Malaise-Fallen deutschlandweit aufzustellen.

So solle ein Messnetz in der Art von „Wetterstationen“ zur Erfassung der Biodiversität entstehen. Bisher existieren aber nur regional oder taxonomisch begrenzte Programme. Im Rahmen der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie werden derzeit die Bestände von nur 37 Insektenarten systematisch untersucht, also 0,12 Prozent der Spezies. Umfassender sind die allgemeinen Bewertungen für die Roten Listen, die ergeben, dass von 5600 untersuchten Arten rund 2500 bestandsgefährdet, extrem selten oder bereits ausgestorben sind. Hinzu kommen zahlreiche Einzeluntersuchungen, etwa in Nationalparken wie dem Kellerwald, zur Beobachtung von Forstschädlingen wie dem Borkenkäfer oder wie das vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung koordinierte Tagfalter-Monitoring, bei dem seit 2005 bundesweit Tausende freiwillige Helfer aktiv sind. Über solche systematischen Beobachtungen hinaus gibt es dem Bundesamt für Naturschutz zufolge aber kein bundesweites Monitoring von Insekten oder Insektengruppen.

Politik muss Problem ernster nehmen

Natürlich ist jedes einzelne dieser Programme in sich sinnvoll. Das Problem ist aber, dass so keine statistisch belastbaren, umfassend vergleichbaren und langfristig nutzbaren Daten für das ganze Bundesgebiet zustande kommen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft bemüht sich zwar seit einiger Zeit, etwas mehr Ordnung in die deutsche Biodiversitätsforschung zu bekommen. National abgestimmte, methodisch identische Monitoring-Programme gehören aber noch nicht dazu. Offen ist noch, was im Bundeslandwirtschaftsministerium am Entstehen ist, wo gegenwärtig ein „Monitoring-Konzept für die biologische Vielfalt in der landwirtschaftlichen Offenlandschaft“ erarbeitet wird.

Angesichts der alarmierenden Langzeittrends, die neuere Studien belegen, halten die Experten beim Bundesamt für Naturschutz ein systematisches bundesweites Insekten-Monitoring für durchaus wichtig: „Obwohl die Verluste der Artenvielfalt innerhalb der Tagfalter Deutschlands auch in den letzten Dekaden deutlich sind, können nur Langzeitbeobachtungen das ganze Ausmaß der Katastrophe zeigen“, sagt auch Senckenberg-Entomologe Thomas Schmitt. Insekten-Kustos Jürgen Deckert vom Berliner Museum für Naturkunde fordert noch mehr: Der jetzige Kenntnisstand über die Bedrohung sei schon groß genug, um angemessen zu reagieren und zugunsten größerer Vielfalt in der Landschaft zu handeln, vor allem in der Agrarpolitik. Entscheidend sei dafür, dass Biodiversität von der Politik nicht länger als zweit- oder drittrangig angesehen werde. Wenn sich an der geringen Wertschätzung grundsätzlich nichts ändere, „würden auch weitere Untersuchungen nichts helfen“.

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