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Im Gespräch : „Weil sie bei uns bleiben werden“

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Man kann auch „Marhabaa“ sagen. Improvisierter Unterricht für jugendliche Flüchtlinge in Dortmund Bild: Edgar Schoepal

Integration durch Unterricht: Wie lernen Flüchtlinge in deutschen Schulen? Ein Interview mit dem Bildungsforscher Michael Becker-Mrotzek

          Herr Becker-Mrotzek, Sie haben in einer Studie untersucht, wie neu zugewanderte Kinder und Jugendliche in unser Schulsystem integriert werden. Bekommen Flüchtlingskinder denn gleich Unterricht?

          Die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, befinden sich zuerst in einer Erstaufnahmeeinrichtung. Hier erhalten die Kinder in den meisten Bundesländern keinen Unterricht. Manchmal bieten Lehramtsstudenten oder Freiwillige am Nachmittag Unterricht an. Meist sind die Kinder in dieser Zeit aber vom Schulbesuch ausgeschlossen. Dann bleiben Lebenszeit und Motivation der Kinder für das Lernen und die Integration ungenutzt.

          Wie lange?

          Das kann sich über drei bis sechs Monate hinziehen, es gibt auch Fälle in denen es noch länger dauert. Das widerspricht dann klar dem in der UN-Kinderrechtskonvention verankertem Recht auf Bildung. Die gesetzliche Schulpflicht muss in allen Bundesländern von Anfang an gelten. Hierzu muss auch das Asylverfahren selbst verkürzt werden.

          Wie geht es danach weiter?

          Michael Becker-Mrotzek leitet das Mercator-Institut für Sprachförderung in Köln.

          Sobald die Familien einer Gemeinde zugewiesen sind, werden die Kinder einer Schule zugeteilt. Da gibt es unterschiedliche Modelle. In der Grundschule werden die Kinder meist von Anfang an in eine bestehende Klasse eingegliedert und erhalten zusätzlich Deutschunterricht. An den weiterführenden Schulen gibt es parallel geführte Klassen, hier werden die Kinder getrennt von der Regelklasse unterrichtet. Manchmal nehmen sie in einigen Fächern, zum Beispiel Sport oder Kunst, am normalen Unterricht teil – wenn sie Englisch sprechen vielleicht auch am Englischunterricht. Innerhalb von ein bis zwei Jahren sollten die Kinder aber in den Regelunterricht eingebunden werden. Alle Modelle zielen auf eine möglichst schnelle Integration der Kinder ab.

          Trifft das auch auf ältere Schüler zu? Überproportional viele der Jugendlichen sind schon achtzehn Jahre alt.

          Es gibt auch parallel geführte Klassen, die zum Schulabschluss führen, ohne dass die Kinder zuvor in eine Regelklasse integriert werden. Das kann sinnvoll sein, wenn etwa jemand bald in eine Berufsausbildung wechselt.

          Wie sieht so eine parallel geführte Klasse an einer weiterführenden Schule aus?

          In diesen Klassen sind nicht nur unterschiedliche Herkunftsländer vertreten, sondern es gibt insgesamt eine sehr große Heterogenität. Das fängt beim Alter an. Außerdem ist die schulische Vorbildung sehr unterschiedlich. Manche können noch gar nicht lesen und schreiben, andere standen in ihrer Heimat kurz vor einem Schulabschluss, wurden aber vielleicht mit kyrillischer oder arabischer Schrift alphabetisiert.

          Wie werden die Kinder auf die Schulen und Klassen verteilt?

          Das hängt vom einzelnen Bundesland ab. In Nordrhein-Westfalen etwa werden die Kinder auf Grundlage eines Gesprächs mit ihnen und ihren Eltern und entsprechend ihrer jeweiligen Vorbildung einer bestimmten Schulform und Klasse zugewiesen.

          Jeder zweite deutsche Schüler besucht nach der Grundschule ein Gymnasium. Warum bietet diese Schulform die wenigsten parallel geführten Klassen an?

          Weil Gymnasien auf diese Art der Förderung nicht gut vorbereitet sind. Die Gesamtschulen oder Sekundarschulen gehen mit einer viel größeren Heterogenität um, außerdem haben sie nicht die Möglichkeit die Kinder wieder abzugeben – anders als die Gymnasien.

          Später wechseln die Migranten in eine Regelklasse. Welchen Anteil stellen sie dort inzwischen?

          Das schwankt schon innerhalb der Städte. Mal sind es ein oder zwei Kinder, es können aber auch mehr sein. Genaue Zahlen gibt es nicht.

          Die Kinder sprechen nach ein oder zwei Jahren sicher nicht perfekt Deutsch. Ist ihre Eingliederung in Regelklassen da nicht problematisch?

          Durch Kinder mit einer anderen Muttersprache wird in einer Klasse die Sprachentwicklung aller Kinder gefördert. Sie beginnen dann über Sprache nachzudenken. Außerdem können neue Lernmethoden angewandt werden, etwa das Lernen durch Lehren, bei dem ein Schüler dem anderen hilft. Wenn natürlich die Zahl der Kinder ohne Deutschkenntnisse zu groß wird, funktioniert das nicht mehr.

          Wie viele Kinder und Jugendliche gibt es denn an deutschen Schulen, die kein Deutsch sprechen?

          Das wissen wir nicht. Wir kennen nur die Zahlen der Kinder, die innerhalb eines Jahres neu zugewandert sind. 2014 waren das fast 100000 Menschen zwischen sechs und achtzehn Jahren, viermal so viele wie 2006. Ihr Anteil an allen Gleichaltrigen betrug im Bundesdurchschnitt 1,02 Prozent. Dazu zählen allerdings auch Kinder aus Österreich oder der Schweiz, die müssen natürlich nicht Deutsch lernen. Das sind aber die wenigsten, der größte Anteil sind aber im Augenblick Flüchtlinge.

          Sind die Lehrer auf diese Situation vorbereitet?

          In einigen Bundesländern gibt es mittlerweile verpflichtende Module für Lehramtsstudenten, in denen sie für den Bereich Deutsch als Zweitsprache sensibilisiert werden. Dennoch sind sie natürlich nach einem Modul mit ein oder zwei Veranstaltungen nicht in der Lage, ein Förderkonzept zu erstellen. Dafür braucht man speziell ausgebildete Lehrkräfte, die Sprachdiagnosen durchführen und die Lehrer dabei unterstützen, die Kinder in den Unterricht zu integrieren. Wir müssen bei Lehrern aller Fächer ein Bewusstsein für dieses Thema wecken. Damit in einer Schulkonferenz beispielsweise nicht noch darüber diskutiert werden muss, warum Textaufgaben in der Mathematik für ein Kind, das noch nicht gut Deutsch sprechen kann, Hürden darstellen.

          Bisher kamen hauptsächlich Kinder aus dem EU-Ausland zu uns. Jetzt sind mehr syrische Kinder dabei. Verändert die verstärkte Zuwanderung aus Krisengebieten die Anforderungen an die Schulen?

          Viele der Flüchtlingskinder aus Bürgerkriegsgebieten sind traumatisiert. Wer lange im Bürgerkrieg gelebt hat oder auf der Flucht war, muss sich erst einmal an eine neue Umgebung gewöhnen. Dafür brauchen wir nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Sozialarbeiter und Psychologen.

          Was ist mit den Eltern? Auch sie sind wahrscheinlich noch nicht in unsere Gesellschaft integriert. Können sie ihre Kinder unterstützen?

          Es gibt bereits Modelle, in denen Eltern von Kindergarten- oder Grundschulkindern von anderen Eltern, den sogenannten Paten, betreut werden. Sie lernen dann, wie sie mit ihren Kindern Bilderbücher anschauen, wie sie ihr Kind bei den Hausaufgaben unterstützen können oder wie der Arbeitsplatz zu Hause organisiert sein sollte. Diese Projekte werden sehr gut angenommen.

          In Deutschland gab es schon mehrere Einwanderungswellen. Ist die Situation heute anders?

          Die erste große Zuwanderungsbewegung gab es als die sogenannten Gastarbeiter in den 1970er Jahren ihre Familien nachholten. Die Kinder haben damals hauptsächlich muttersprachlichen Unterricht erhalten. Man ist davon ausgegangen, dass diese Menschen irgendwann wieder in ihre Heimatländer zurückkehren. Auch in den Neunzigern bei der Fluchtbewegung aus dem ehemaligen Jugoslawien ist man noch von einer vorübergehenden Erscheinung ausgegangen. Heute wissen wir, dass wir die Migranten schnell integrieren müssen und nicht darauf setzen können, dass sie irgendwann wieder zurück gehen. Die politische Einstellung hat sich verändert. Und der Unterricht von Flüchtlingskindern ist zu einer langfristigen Aufgabe geworden.

          Die Fragen stellte Laura Burbaum

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