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Delfine : Ich heiße Flipper

Gute Freunde kann niemand trennen: Die Männchen des Großen Tümmlers leben im engen Verbund miteinander. Bild: mauritius images

Delfine sind Lieblingstiere, nicht nur der Meeresforscher. Doch über die Sprache der intelligenten Meeressäuger weiß man immer noch erstaunlich wenig.

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          Der achte Juni ist der Tag der Meere. Vor zehn Jahren riefen die Vereinten Nationen den „World Ocean Day“ ins Leben, um auf die Bedeutung der Ozeane als der „Lunge der Welt“ und deren akute Bedrohung durch Klimawandel, Plastikmüll und Überfischung aufmerksam zu machen.

          Für die Delfine in der Shark Bay vor der Küste Westaustraliens ist freilich jeder Tag in ihrem bis zu 45 Jahre langen Leben ein Tag der Meere. Seit mehr als dreißig Jahren studieren Forscher aus aller Welt hier die mehr als zweitausend ortsansässigen Großen Tümmler. Besonders interessiert sie ihre Sprache. Delfine kommunizieren durch hochfrequente Pfeifgeräusche. Seit 1965 ist bekannt, dass jeder Delfin einen eigenen Namen hat, einen einzigartigen Signaturpfiff, den er schon im jüngsten Kälberalter entwickelt. So können Delfine sich gegenseitig erkennen und sogar ansprechen. Sie haben ein gutes Namensgedächtnis – noch nach Jahrzehnten erinnern sie sich an die Signaturpfiffe ihrer Freunde.

          Brüderliche Schürzenjäger

          Die männlichen Tümmler der Shark Bay leben in sehr enger Freundschaft. Sie bilden Allianzen, die aus um die zehn Tieren bestehen. Innerhalb dieser Gruppe finden sich noch engere Brüderschaften. Im Trio verbringen sie praktisch ihre gesamte Zeit, jagen und spielen miteinander. Eigentliches Ziel dieser Verbindung ist, gemeinsam Weibchen zu rauben. Während der Paarungszeit von Juni bis Dezember sind sie ständig in Aktion. Charmante Liebhaber kann man sie dabei nicht nennen. Die Trios entführen ein Delfinweibchen und zwingen es, bei ihnen zu bleiben, bis sie es geschwängert haben. Anschließend überlassen sie die Dame sich selbst und fangen ein neues Weibchen.

          „Das ist ein spannendes System und erfordert eine sehr enge Zusammenarbeit der Männchen“, meint Michael Krützen, Professor für evolutionäre Anthropologie an der Universität Zürich, der die Tümmler der Shark Bay seit langem erforscht. Oft finden sich diese Männerfreundschaften schon im Jungtieralter und halten bis zu zwanzig Jahre. Die Tiere sind dabei emotional tief verbunden. Sie pflegen engen Körperkontakt, schwimmen Flosse an Flosse und synchronisieren ihre Sprünge wie im Wasserballett.

          „Diese Beziehungen sind so eng wie bei Mutter und Kalb“, erklärt Stephanie King. Die Verhaltensbiologin ist auf die Kommunikation von Tieren spezialisiert. King berichtet diese Woche im Fachmagazin „Current Biology“, dass männliche Tümmler als einzige bisher bekannte Tierart ihre individuellen Pfeifgeräusche auch nach langer Gemeinschaft behalten und sich einander akustisch nicht angleichen. Dazu hat sie 17 Delfine der Shark Bay über mehrere Jahre hinweg untersucht. „Das war eigentlich schon bekannt“, urteilt der Biologe Vincent Janik, Direktor des schottischen Ocean Instituts. In seinen Augen stellt diese spezielle Studie frühere Beobachtungen aus der Shark Bay jedoch in einen größeren Kontext.

          Der „König der Meere“ bleibt sich treu

          Forscher glaubten früher, dass auch männliche Tümmler ihr Pfeifen im Laufe der Kameradschaft einander anpassen. So halten es viele Papageien, Elefanten und Primaten. Gibbon-Affen stimmen ihre Rufe und Geschrei derart aufeinander ab, dass Männchen und Weibchen wie Sänger eines synchronisierten Duetts klingen. „Man geht davon aus, dass Tiere durch Synchronisation der Laute ihre Verbindungen stärken wollen“, sagt Michael Krützen.

          Delfine jedoch pflegen ihre Individualität. Das scheint wichtig zu sein, um sich in einem derart vielschichtigen Sozialsystem zu orientieren. Im Gegensatz zu anderen hochentwickelten Tieren leben Delfine neben ihren engen Allianzen in einem losen Netzwerk, das aus vielen hundert Mitgliedern besteht. Hier ähneln die Delfine dem Menschen, meint Krützen. „Auch wir bilden temporäre Gruppen. Wenn man zur Arbeit geht, ist man von anderen Menschen umgeben als zum Beispiel beim Sport.“ In einer bisher unveröffentlichten Studie kommt Krützen zu dem Ergebnis, dass die männlichen Delfine in den Allianzen der Shark Bay nicht miteinander verwandt sind. Enge Verbindungen entstehen wie beim Menschen also auch außerhalb der Familie. Nach Krützens Worten beruht ihre Kooperation auf reziprokem Altruismus. „Hilfst du mir, so helfe ich dir“, erklärt er. Die Delfine merken sich, wer ihnen einen Gefallen schuldet. Dies erfordert Zukunftsplanung, eine Fähigkeit, die von hoher Intelligenz zeugt. Schon in der alten griechischen Mythologie nannte man den Delfin den „König der Meere“, er galt als Retter für gestrandete Helden und verkörperte Schlauheit und Lebensfreude.

          Auf Jagd oder am Spielen? Forscher verstehen nur Bruchstücke der Delfinsprache

          Forscher wissen heute, dass Delfine sich im Spiegel erkennen können und dass ihr großes Gehirn ganz anders aufgebaut ist als das des Menschen. Trotz mühseliger Aufzeichnung von Tausenden Delfinpfiffen scheinen die Wissenschaftler über die Sprache der Tiere jedoch kaum mehr Erkenntnisse gewonnen zu haben als die alten Griechen. Im vorigen Jahr erklärten australische Forscher, dass Delfine ihre Pfiffe abhängig vom Kontext verändern. Während der Jagd geben sie andere Laute von sich als beim Spielen. Genau zuordnen konnten die Forscher dies jedoch nicht. Ein anderes Forscherteam untersuchte bereits sieben Jahre zuvor die Pfeiftöne zweier benachbarter Delfingemeinschaften. Sie konnten kaum Regelmäßigkeiten erkennen, geschweige denn eine Sprache identifizieren. Vincent Janik hält diesen Ansatz für schwierig. „Suchen wir nur nach Sprache, übersehen wir vielleicht die wahre Komplexität der Tierkommunikation.“ Man verliere dabei aus den Augen, dass Verständigung auf unterschiedliche Weisen komplex sein könne. Er vergleicht dies mit Musik, die Informationen auch ohne Worte vermittelt. „Geht man fest vom Konzept der Sprache aus, riskiert man eine Vermenschlichung der Tiere.“

          Welche Auswirkungen das für die Delfine selbst haben kann, demonstrierte der amerikanische Neurophysiologe John Lilly. In den sechziger Jahren sorgte er für internationales Aufsehen, als er Delfinen Englisch beibringen wollte. Gesponsert wurde das Mammutprojekt mit mehreren Millionen Dollar von der Nasa – in der Hoffnung, so die Kommunikation mit intelligenten Außerirdischen vorzubereiten. Lilly prophezeite medienwirksam, in zehn Jahren werde die Menschheit mit Delfinen sprechen können. Er habe ihnen sogar LSD verabreicht, um ihr Bewusstsein für die englische Sprache zu erweitern. Doch trotz intensivstem Training machten die Delfine im eigens gegründeten Forschungszentrum auf der Insel St. Thomas keine Fortschritte. Zwar konnten sie ein paar Worte nachahmen, vom Sprechen waren sie jedoch himmelweit entfernt.

          Englischunterricht auf LSD für Flipper-Darsteller

          Schließlich griff Lilly zu extremen Mitteln. Er flutete ein Stockwerk der Forschungsvilla, wo seine Assistentin Margaret Howe Lovatt zehn Wochen lang gemeinsam mit dem jungen Delfinmännchen Peter lebte, einem der Flipper-Darsteller. Howe und Peter kamen sich sehr nahe, emotional und körperlich. Sogar sexuell befriedigte sie den pubertären Delfin. Englisch lernte er trotz aller Zuwendungen nicht. Das Experiment scheiterte, das Forschungszentrum wurde aufgelöst und der Delfin an ein Labor in Miami verkauft. Dort trieb ihn die Einsamkeit offenbar in den Selbstmord. Er hörte einfach auf zu atmen. „Diese Experimente waren wenig hilfreich“, meint auch Krützen. Zumindest trugen Lillys absurde Versuche dazu bei, dass Delfine 1972 in den Vereinigten Staaten unter besonderen Schutz gestellt wurden. Seither fordern Tierschutzorganisationen die Anerkennung von Delfinen als nicht-menschliche Personen und damit ein Recht auf Leben und Freiheit.

          Die Realität sieht bis heute anders aus. Delfine enden oft als Beifang in großen Schleppernetzen. Zum World Ocean Day berichten amerikanische Forscher, dass es in mindestens 33 Ländern in Lateinamerikas und Asiens gängige Praxis sei, Delfine zu töten, um sie als Köder für Haie zu benutzen. Das ist zwar verboten. Doch den Fischern egal.

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