https://www.faz.net/-gwz-8xevp

Hunde- und Pferdezucht : Viel Rasse, wenig Moral?

Bild: YourPhotoToday/PM

Hunde und Pferde zu züchten hat Jahrtausende Tradition. Zucht ist Kultur. Sie erzeugt Vielfalt und Können, aber auch böse Schönheitsfehler. Oft sind es Makel, die auf den ersten Blick kaum zu sehen sind. Genforscher decken sie auf.

          2 Min.

          Nimmt man das moralische Vokabular, das zeitgenössische Philosophen wie der Amerikaner Michael Sandel an die „genetische Zurichtung“ von Mensch und Tier anlegen, dann zeigen die neuesten Befunde über die Domestizierung zweier unserer treuesten Begleiter – Pferd und Hund – einen bedenklichen Trend: Die Experimentierfreude des Menschen am genetischen Design der Kreatur hat sich, milde formuliert, nicht immer zu deren Besten ausgewirkt. Als Züchter hochproduktiv, als Gen-Designer ein gefährlicher Dilettant.

          Ein Fohlen des legendären Dressurhengstes „Totilas“, der inzwischen als Deckhengst Karriere macht - und in bald allen großen Gestüten genetische Spuren hinterlassen hat.
          Ein Fohlen des legendären Dressurhengstes „Totilas“, der inzwischen als Deckhengst Karriere macht - und in bald allen großen Gestüten genetische Spuren hinterlassen hat. : Bild: dapd
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          In der Zeitschrift „Cell Reports“ präsentieren amerikanische Hundegenomforscher die jüngste und detailreichste Stammtafel von 161 weltweit verbreiteten Hunderassen – bei weitem also nicht alle Hunderassen, die registriert sind. Trotzdem: Das Genmaterial, das von 1346 Hunden gewonnen worden war, zeigt, wie vor allem in den vergangenen zweihundert Jahren die Rassenvielfalt zugenommen hat. Die erste „Züchtungswelle“ liegt Jahrtausende zurück in der nach heutigen Schätzungen etwa vierzig- bis hunderttausend Jahre alten Ko-Evolution von Hund und Mensch. Es war die Zeit, als in einigen Teilen der Welt die Jagdqualitäten von den Hüte- und Schützerqualitäten neuer Hunderassen ergänzt wurden. Der Mensch wurde sesshaft, und damit wandelten sich die Anforderungen an den Hund. Noch Jahrhunderte freilich und ganz besonders auffällig etwa im viktorianischen Britannien, wo Golden Retriever und Irisch Setter ihre Wurzeln haben, wurde das genetische Design von spezialisierten Jagdhunden kultiviert. Unabhängig davon entstanden viel weiter im Osten neue Jagdrassen wie der Chow-Chow oder Akita. Anstelle der zehn von Züchtungsverbänden „offiziell“ anerkannten Hauptrassegruppen listen die Genomforscher inzwischen 23 Schwerpunkt-Zuchtlinien im Stammbaum der Rassen.

          Die Qualitäten eines Hütehundes waren früh gefragt in der Menschheitsgeschichte.
          Die Qualitäten eines Hütehundes waren früh gefragt in der Menschheitsgeschichte. : Bild: dpa

          Eine dieser Gruppen, die Hütehunde, erwies sich als überraschend vielfältig. In vielen Gebieten wurden offenbar gleichzeitig neue Rassen herausgezüchtet, die Arbeitsdienste in den Herden ableisteten. Viele dieser Neuzüchtungen allerdings brachten den Tieren nicht viel Glück, weil sie offensichtlich auch schädliche Genmutationen vervielfältigten: Erbanlagen, die Epilepsie, Nierenleiden, Diabetes oder Krebs befördern, tauchen insbesondere in den modernen Zuchten immer häufiger auf. Eine genetische Abwärtsspirale – was die Tiere fatalerweise nun auch für die Erforschung menschlicher Zivilisationskrankheiten in Versuchslabors attraktiv macht.

          Der „Modernisierungsschock“ durch Zucht ist auch im Zuge der sehr viel späteren – erst vor gut 5500 Jahre begonnenen – Domestizierung von Pferden nicht zu übersehen. In der Zeitschrift „Science“ hat ein internationales Team die Genanalysen von Überresten einer 4100 Jahre alten Stute aus dem russischen Tscheljabinsk und 13 Hengsten aus Kasachstan vorgelegt, die vor mindestens 2300 Jahren eng mit dem Menschen in Reiternomadenvölkern zusammengelebt hatten und in Grabungsstätten und in Permafrostböden konserviert waren.

          Pferd Apollo und Border-Collie Molly pausieren während einer Fahrradtour ihres Besitzers - eines Aussteigers - auf dem Alten St.-Nikolai-Friedhof in Hannover.
          Pferd Apollo und Border-Collie Molly pausieren während einer Fahrradtour ihres Besitzers - eines Aussteigers - auf dem Alten St.-Nikolai-Friedhof in Hannover. : Bild: dpa

          Ergebnis des Genomvergleichs: Die Pferde der frühen Reitervölker, der Sintashta und der Skythen, wurden gezielt so selektiert, dass diese mit der Zeit massivere Handwurzelknochen und Vorderbeine ausbildeten; die ersten Züchter entwickelten offenbar sogar Vorlieben für bestimmte Fellfarben und -muster. Aber die überraschende genetische Vielfalt in den Y-Chromosomen der früh domestizierten Pferde lässt den Forschern zufolge den Schluss zu, dass die Pferdenomaden noch auf eine „gesunde“ Mischung mit Wildpferde-Hengsten achteten. Heute tragen praktisch alle moderne Rassen die gleichen Genkombinationen auf dem Y-Chromosom, weil einzelne erfolgreiche – miteinander verwandte – Hengste oft Hunderte Nachkommen zeugen – und krank machende Genmutationen in der Zuchtpopulation angehäuft werden.

          „Die Vermehrung von potentiell schädlichen Genmutationen im Genom hat sich damit erst in den letzten Jahrhunderten deutlich erhöht“, heißt es in „Science“. Von einem „demographischen Kollaps“ freilich, wie die Genomforscher im Kommentar zu ihrem Aufsatz schreiben, werden sich die meisten heutigen Pferdezüchter weit entfernt sehen.

          Weitere Themen

          Wie populistisch sind wir Deutschen?

          Soziologie des Populismus : Wie populistisch sind wir Deutschen?

          Eine Bertelsmann-Studie zeigt, dass die Deutschen immer weniger populistisch denken. Tatsächlich ist es schwer, Populismus zu messen und überhaupt zu definieren. Denn er scheint zu sinken, wenn die Regierenden ihm nachgeben.

          Topmeldungen

          Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bei einer Veranstaltung im August 2020 in Ahlen

          Allensbach-Umfrage : Die SPD kann nicht von Scholz profitieren

          Nur eine Minderheit glaubt, dass der Kanzlerkandidat der SPD die Unterstützung seiner Partei hat. Und das ist noch nicht das größte Problem der Sozialdemokraten, wie eine neue Umfrage zeigt.

          Spenden nach Ginsburgs Tod : Die Angst, die großzügig macht

          Kaum war Ruth Bader Ginsburg tot, flossen demokratischen Wahlkämpfern Spenden in Millionenhöhe zu – mehr denn je. Fällt Trumps Supreme-Court-Plan den Republikanern auf die Füße?

          Corona-Pandemie : Trump vor UN: China zur Rechenschaft ziehen

          Amerikas Präsident wirft Peking zum Auftakt der UN-Generaldebatte vor, die Welt über das Coronavirus getäuscht zu haben. Chinas Staatschef weist das zurück und verlangt Mäßigung, während Putin den russischen Impfstoff bewirbt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.