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Hirnforschung, was kannst du? : Wir formen unser Gehirn

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An diesem Beispiel wird auch klar, dass ein Einbeziehen neurowissenschaftlicher Methoden für die Identifikation von sensiblen Phasen in der Entwicklung unabdingbar ist. Sensible Phasen in der Entwicklung bedeuten aber in erster Linie auch, dass, wenn bestimmte Lernmöglichkeiten in der frühen Entwicklung fehlten, neuronale Systeme und assoziiertes Verhalten sich nicht mehr vollständig entwickeln können. Das heißt, dass für eine typische Entwicklung typische Lernumwelten zu einem bestimmten Zeitpunkt unabdingbar sind. Analog zu Studien an permanent blinden Menschen kann diese Frage an Personen untersucht werden, die aufgrund einer beidäugigen dichten Linsentrübung (Katarakt) seit Geburt blind waren, bevor die geschädigten Linsen durch Kunstlinsen oder spezielle Sehhilfen ersetzt wurden und Sehinformationen so wieder aufgenommen werden konnten.

Spätere Linsentrübungen

Ebenfalls analog zum Modell der permanent blinden Menschen werden als Vergleichsgruppe Menschen untersucht, bei denen sich die Katarakte erst später, zum Beispiel im Laufe der Kindheit, entwickelt hatten. Bei diesen Probanden hat sich zumindest für einige Zeit die Gehirnentwicklung als sehender Mensch vollzogen; nach der Beseitigung der Linsentrübung erreichen die Sehinformationen ein visuell „geprägtes“ Gehirn. Im Falle der Personen mit kongenitalen Katarakten dagegen treffen Sehinformationen das erste Mal auf ein Gehirn, das sich vorher auf ein Leben ohne Sehen eingestellt hatte.

Kann, und wenn ja, bis wann, das neurokognitive System zur typischen Entwicklungstrajektorie zurückkehren? Studien an diesen Menschen haben gezeigt, dass schon eine Blindheit von relativ kurzer Dauer nicht nur elementare Sehfunktionen wie die Sehschärfe dauerhaft vermindert, sondern auch eine Reihe von komplexeren Sehleistungen wie die Wahrnehmung von Gesichtern und Objekten. Dabei wurde beobachtet, dass auch Funktionen betroffen sein können, die sich erst spät in der Entwicklung zeigen, das heißt zu einem Zeitpunkt, als schon keine Katarakte mehr existierten. Dieses Phänomen wird als „Sleeper“-Effekt bezeichnet und deutet darauf hin, dass Erfahrungen erst latent die Entwicklung neuronaler Systeme verändern können, was zu bleibenden Veränderungen in sich später entwickelnden Systemen führt.

Lippen lesen

Doch nicht nur Sehfunktionen sind bei Personen nach kongenitaler Katarakt permanent verändert; auch die Kommunikation des Sehsystems mit anderen Sinnessystemen. So verstehen wir andere Menschen bei lauten Hintergrundgeräuschen besser, wenn wir ihre Lippenbewegungen verfolgen können. Dieser Prozess des Bindens von Eingängen aus verschiedenen Sinnessystemen wird multisensorische Integration genannt. Menschen, die eine kongenitale Katarakt hatten, können zwar Lippen lesen, sie können diese aber nicht mehr mit der Hörinformation so kombinieren, dass sie ihr Sprachverstehen dadurch verbessern könnten. Bildgebende Studien haben gezeigt, dass die Sehinformation nicht im Hörkortex ankommt, wo sie normalerweise mit den Höreingängen verknüpft wird.

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