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Hirnforschung, was kannst du? : Wir formen unser Gehirn

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Blind Geborene als Probanden

Kompensatorische Leistungen bei blinden Menschen sind schon seit langem bekannt. Erst die psychologische und neurowissenschaftliche Forschung konnte die funktionellen Bereiche und die neuronalen Mechanismen solcher Anpassungen offenlegen. Für Menschen, die vollständig blind geboren wurden, wurden mittlerweile in einer Vielzahl von Studien bessere Hör- und Tastleistungen nachgewiesen. So gelingt es blinden Menschen, das Sprachsignal gerade in einer Umwelt mit vielen Störgeräuschen schneller zu enkodieren. Sie weisen ein besseres Gedächtnis für Umweltgeräusche und Stimmen auf und können Geräusche präziser orten. Studien haben gezeigt, dass verschiedene neuronale Mechanismen zu diesen Leistungsverbesserungen beitragen. So wurde berichtet, dass die Abstimmung räumlicher Repräsentationen im Hörkortex und im Scheitellappen (der Ort der räumlichen Wahrnehmung auf der Basis multipler Sinneseindrücke) präziser ist als bei sehenden Probanden und Informationen zur Identität eines Sprechers und zum Inhalt des Gesagten im Gehirn geburtsblinder Menschen schneller verfügbar werden als bei sehenden Kontrollpersonen.

Bilderflut aus dem Gehirn. Mit digitalisierten Autoradiogrammen kann man einen dreidimensionalen Hirnatlas erzeugen, der verschiedene Hirnareale und deren Organisation zeigt.
Bilderflut aus dem Gehirn. Mit digitalisierten Autoradiogrammen kann man einen dreidimensionalen Hirnatlas erzeugen, der verschiedene Hirnareale und deren Organisation zeigt. : Bild: Katrin Amunts

Hier stellt sich die Frage, ob solche Anpassungen auch noch zu beobachten sind, wenn die Blindheit zu einem späteren Zeitpunkt einsetzt. Dies wäre dann nicht in gleichem Umfang zu erwarten, wenn die Anpassung an eine untypische Umwelt an eine sensible Phase gekoppelt wäre. Eine späte Blindheit trifft auf ein Gehirn, das sich auf ein Leben mit Sehen hin entwickelt hat. So kann man feststellen, dass spät erblindete Menschen für die räumliche Kodierung der Umwelt ähnliche Repräsentationen verwenden wie sehende Personen und dass sie sich hier von geburtsblinden Menschen unterscheiden. Häufig findet man für spät erblindete Menschen kompensatorische Anpassungen, die vom Umfang jedoch geringer sind als bei geburtsblinden Menschen. In manchen Funktionsbereichen sind spät erblindete und geburtsblinde Menschen hinsichtlich ihrer Leistung nicht zu unterscheiden, zum Beispiel beim Orten von Schallquellen oder Wiedererkennen von Stimmen.

Ein Leben lang formbar?

Aus letzterem Befund würde man schließen, dass die jeweilige Funktion ein Leben lang plastisch bleibt und sich kompensatorisch auch noch im Erwachsenenalter verändern kann. Diese Schlussfolgerung ist jedoch oft verfrüht: Unser Gehirn kann verschiedene Strategien anwenden, um zum gleichen Ergebnis, das heißt Verhalten, zu kommen. Welcher Verarbeitungsmodus und damit welche neuronalen Systeme zum Einsatz kommen, kann auf der Basis der reinen Beobachtungen von Verhalten nicht entschieden werden. Hier müssen neurowissenschaftliche Verfahren zum Einsatz kommen, um die neuronalen Systeme direkt zu beobachten. So konnte etwa gezeigt werden, dass geburtsblinde Menschen ihre in sensorischen Arealen kodierten räumlichen Repräsentationen für die Schalllokalisation verfeinern. Dagegen verbessern spät erblindete Menschen eher spätere, die höheren Assoziationsareale involvierenden Selektionsprozesse. Diese Daten sprechen dafür, dass ersterer Plastizitätsprozess nur während der frühen Entwicklung anpassungsfähig ist, also eine sensible Phase hat, letztere jedoch Anpassungen ein ganzes Leben lang ermöglicht.

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